Bilder der Menschlichkeit inmitten des Hasses

Vor Kurzem bekannt gewordene Videos zeigen sechs Geiseln, Monate vor ihrer Exekution durch die Hamas, beim gemeinsamen Feiern. So grauenhaft die Bilder, so sehr erzählen sie von Mut, Kraft und Liebe.

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Eigentlich wollte ich diesmal nicht über die Geiseln schreiben. Sie sind ja alle zum Glück – bis auf die sterblichen Überreste von Ran Gvili – inzwischen wieder zuhause oder konnten beerdigt werden. Aber dann tauchten diese Aufnahmen auf, die einen schon bei der bloßen Ankündigung das Blut gefrieren ließen. Nicht, weil sie so brutal wären, sondern weil es sie überhaupt gibt und sie uns einen Einblick geben in das, was Außenstehende wohl niemals in der Lage nachzuvollziehen sein werden: Zu sehen sind Hersh Goldberg-Polin, Carmel Gat, Eden Yerushalmi, Almog Sarusi, Ori Danino und Alex Lobanov in ihrem Tunneldasein – 80 Tage, nachdem sie von Hamas-Terroristen brutal entführt und acht Monate, bevor sie ermordet wurden. Mehr als hundert Stunden solcher Aufnahmen soll es geben.

Ganz offensichtlich hat die Hamas die Videos zu Propagandazwecken gemacht. Doch wurden sie nicht veröffentlicht. Warum, das kann man nur vermuten. Vielleicht, weil sich die Geiseln dem Skript entziehen. Die sechs mussten sich filmen lassen, man sieht sie gebeugt durch einen schmalen Tunnel gehen, zu ihrem Verließ tief unter der Erde. Dort sitzen sie auf dünnen Matratzen, spielen Karten und Schach, teilen sich eine Orange.

Für die Angehörigen, die der Veröffentlichung zugestimmt haben, lassen solche Szenen vor allem die „Menschlichkeit ihrer Lieben durchscheinen“, die viel stärker sei als jede Terrororganisation.

Und dann, auf den zweiten Blick, sind da die Verbände. Es ist Blut an einem Unterhemd, und man sieht den einhändigen Hersh, die Wunde am Armstumpf ist noch da. Eine Granate hatte am 7. Oktober seine Hand zerfetzt. Heute wissen wir auch, dass Ori bei der Aufnahme eine Kugel im Rücken trägt. Auch Almog ist schwer verletzt. Er war zunächst in einer Wohnung untergebracht, dort war er ans Bett angekettet worden.

Im Video reden sie miteinander, sie singen „Wir sind die Kinder vom Winter 73“. Sie rasieren einander die Haare ab. Und sie feiern Chanukka. Zwei Kerzen stehen auf umgedrehten Pappbechern. Als sie angezündet werden, gibt es die Sorge, dass das Feuer den knappen Sauerstoff noch mehr verdünnt. Es gibt auch ein Silvestervideo. Manchmal schauen sie direkt in die Kamera. Ab und zu taucht ein Terrorist in voller Hamas- Montur auf. Carmel, die immer schon dafür bekannt war, dass sie sich um andere kümmert, vermittelt ihm, dass dringend eine Wunde versorgt werden müsse. Sie sagt es mit leiser Stimme, aber bestimmt und gefasst.

Für die Angehörigen, die der Veröffentlichung zugestimmt haben, lassen solche Szenen vor allem die „Menschlichkeit ihrer Lieben durchscheinen“, die viel stärker sei als jede Terrororganisation. Möglicherweise hat das auch die Hamas so wahrgenommen. Denn sie gab allein ein anderes Video von den sechs für ihre Zwecke frei, nur wenige Tage, nachdem ihre Leichen in einem Tunnel in der Nähe von Rafah im Süden des Gazastreifens entdeckt wurden. Dieses Video ist untermalt mit dramatischer Musik. Die sechs Geiseln werden von der Kamera fixiert wie auf einem Fahndungsfoto. Alle sagen ihren Namen. Die Botschaft ist die Drohung, dass dies ihre letzten Worte seien, wenn es nicht zu einem Deal mit der israelischen Regierung kommt.

Die im dunklen Tunnelraum entzündeten Kerzen erinnern an ein ikonisches Foto, das den Chanukka-Leuchter der jüdischen Familie Posner als Gegenpol zu den […] wehenden Hakenkreuzflaggen zeigt.

Drei Wochen vor ihrem Tod hatten die Familien noch ein letztes Lebenszeichen von ihnen bekommen. Dann wurden sie ermordet, weil die Hamas die israelische Armee in der Nähe wähnte. Sie war es tatsächlich, was die Frage nach einer möglichen Mitverantwortung für das tragische Ende der sechs aufwirft. Ebenso wie die Frage, ob nicht auch schon zuvor ein Abkommen möglich gewesen wäre, das sie gerettet hätte.

Für die Eltern waren die Aufnahmen jenseits von jeglichem Vorstellungsvermögen. Der Vater von Hersh erzählt, wie er stundenlang vor dem Bildschirm saß. „Die Aufnahmen sind in sehr guter Qualität, man hat das Gefühl, als wäre er direkt vor einem.“ Bis dahin hatte er seinen Sohn nur mit zwei Armen gekannt. Das hat sich nun geändert. Jetzt bleibt ihm ein anderes letztes Bild und der Wunsch nach Aufklärung.

Auch drängen sich unwillkürlich Parallelen auf. An einer Stelle sagt einer der sechs ganz explizit, dass ihn das alles an den Film Der Pianist erinnere. Dort geht es um das wahre Schicksal von Wladystaw Szpilman, der die Brutalität der Nazis in Warschau durch Verstecken und Flucht knapp überlebt. Der Kommunikationswissenschaftler Tobias Hartmann, der gerade einen Essay über die „Gewalt der Bilder vom 7. Oktober im Spiegel der visuellen Erinnerung an die Shoah“ veröffentlicht hat, erinnert im Zusammenhang mit der Aufnahme an noch eine andere historische Parallele, auch wenn wir die Hintergründe bis heute nicht vollständig kennen.

1942 filmten Propagandakompanien im Warschauer Ghetto. Die Deutschen hatten dort eine Realität der Verelendung geschaffen, die die jüdische Bevölkerung dem antisemitischen Zerrbild der NS-Ideologie angleichen sollte. Auch diese Aufnahmen wurden nie veröffentlicht. Später wurden sie von manchen – entgegen der ursprünglichen Intention – als Dokumente der Verfolgung und Resilienz gelesen.

Die in dem dunklen Tunnelraum entzündeten Kerzen erinnern an ein ikonisches Foto, das den Chanukka-Leuchter der jüdischen Familie Posner aus Kiel als Gegenpol zu den auf der gegenüberliegenden Seite ihres Fensters wehenden Hakenkreuzflaggen zeigt. Als die Aufnahmen jetzt im israelischen Fernsehen gezeigt wurde, hat man das Bild eingeblendet.

Alex hat inzwischen ein Kind bekommen, von dessen Geburt er niemals erfahren hat.

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