Bringschuld statt #bringthemhome

Selbst der „Holukaust“ mit sechs Millionen Ermordeten war ganz offensichtlich nicht schrecklich genug, um den Antisemitismus für immer hinter der Menschheit zu lassen.

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Bild: Canva

Wir befinden uns gesellschaftlich hier: Jüdinnen und Juden sind weltweit in Bringschuld, die besseren Menschen sein zu müssen, weil die Nazis sie fast ausgerottet haben. Wie solche Forderungen dann konkret daherkommen, folgt etwas weiter unten im Text. Seit dem 7. Oktober 2023 ist nichts mehr, wie es gewesen ist. Nicht in den Leben derer, die es hinausgeschafft haben. Nicht in den Leben aller Menschen in Israel. Und nicht im Leben der Juden und Jüdinnen weltweit, wenn auch auf eine andere Art und Weise als jene, die direkte Berührung mit den Gräueltaten der Terroristen hatten, auf welche Art und Weise auch immer.

Es ist aber auch in Europa nichts mehr so, wie es vor dem 7. Oktober war. Das größte Massaker an Juden und Jüdinnen seit dem Holocaust hat auch das Verhältnis vieler Menschen zu Judentum und Israel verändert. Und nicht, dass man jetzt gar glauben würde, zum Besseren. Wer auf Mitgefühl und Solidarität gehofft hat, wird staunen, was man alles vorgeworfen bekommen kann, nach der grauenhaften Gewalt, die friedlich tanzenden jungen Menschen, Kindern und ihren Familien, Friedensaktivisten und HolocaustÜberlebenden angetan wurde. Der Antisemitismus steigt. In Europa. Aber auch weltweit. Die Antwort auf das Abschlachten jüdischer Menschen lautet in vielen Fällen: selbst schuld. Irgendwie halt. Über die Geiseln spricht man sowieso nicht mehr. Social Media explodieren in blankem Hass. Das rote Dreieck der Hamas: irgendwie cool. Für einige. So cool, dass man Missliebige (nach! dem! 7. Oktober!) damit spaßeshalber markiert. Ganz egal, wie man zur Politik der Netanjahu- Regierung steht, ganz egal, wie weit weg man von Rechtsextremismus verortet ist, beides wird vorgeworfen werden, wenn man einen jüdischen Nachnamen trägt. Und nicht nur das. Sogar der Holocaust muss noch zur Opfertäterumkehr, den 7. Oktober betreffend, herhalten.

Unter einem Facebook-Beitrag von Herrn El-Ghawary (der auf seiner Site unwidersprochen immer wieder die – höflich ausgedrückt – seltsamsten Postings stehen lässt, was seine Fans widerstandslos hinnehmen, dieselben Fans, die sich mit großer Wahrscheinlichkeit maßlos darüber empören würden, würden diese Postings unter dem Artikel eines rechtsextremen oder rechtskonservativen Politikers auftauchen) blühte folgender Text auf, locker aus dem Ärmel geschüttelt: „Und jetzt frag ich mich, wie ein Volk, das den Holukaust [sic!] erlebt und durchgemacht hat, so grausam sein kann. Und die ganze Welt sieht zu. Ich fasse es nicht.“

Die Verfasserin dieser Zeilen fasst es leider auch nicht. Aber in ganz anderer Art und Weise. Abgesehen davon, dass man die Vernichtung jüdischen Lebens nicht „erlebt“ hat wie in einer Art Vergnügungspark. Sondern überlebt. Mit sechs Millionen Ermordeten.

Was sagt ein solcher Text aus? Wir befinden uns tatsächlich und wie am Beginn der Kolumne angekündigt, gesellschaftlich exakt hier: Jüdinnen und Juden sind in Bringschuld, die besseren Menschen sein zu müssen, weil die Nazis sie fast ausgerottet haben. Das war schrecklich, aber offenbar nicht schrecklich genug, um den eigenen Antisemitismus zu hinterfragen. Und nicht einmal Holocaust korrekt schreiben zu können, als minimalen Respekt.

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