Die Bücher, die Schülerinnen und Schüler im Deutschunterricht lesen, gehören oft zu jener Literatur, die sie ein Leben lang begleitet: erste große Leseerfahrungen, Begegnungen mit Geschichte, Identität und Gegenwart. Am Realgymnasium der Zwi-Perez- Chajes-Schule spielt jüdische und israelische Literatur eine besondere Rolle, erzählen vier Deutschlehrer:innen der AHS, Eva Pichler, Bernhard Präauer, Sonja Schorn und Sabine Wörndle. Schon in der zweiten Klasse beginnt die Beschäftigung mit einem Text, der zum Klassiker der Schule geworden ist: Ida Vos’ Wer nicht weg ist, wird gesehen. „Obwohl es vergriffen ist, lesen wir es jedes Jahr“, erklärt Wörndle. „Die Schüler und Schülerinnen fühlen sich von diesem Buch ernst genommen und sind unglaublich engagiert dabei. Sie bringen ohnehin schon viel Vorwissen mit – das Interesse ist da“, so Pichler. Das Buch erzählt vom Untertauchen während der Schoa – ein Thema, das die Jugendlichen stark bewegt.
In der vierten Klasse folgt Mojsche und Rejzele, ein Buch über Ghetto, Verfolgung und Widerstand. Präauer erklärt: „Da ist der Grat zwischen Fordern und Überfordern sehr schmal. Manche Fragen verschieben wir bewusst in die Oberstufe.“ Besonders zentral sei die Figur Janusz Korczaks: Pädagoge, Arzt, Humanist. „Da kommen gleich zwei Ebenen zusammen: jüdische Geschichte und Korczaks Pädagogik.“
Pichler nennt auch noch ein anderes prägendes Buch: „In der vierten Klasse lese ich sehr gerne Malka Mai. Ich war 2007 bei einer großartigen Fortbildung in Yad Vashem, und viele der Anregungen, die ich dort bekommen habe, fließen noch immer in meinen Unterricht ein. Malka Mai ist für die Jugendlichen immer sehr bewegend. Wir lesen überhaupt viel von Mirjam Pressler – sie ist einfach großartig.“
Für Schorn und Präauer zählt Alhambra zum Fixprogramm: „Das ist immer der Abschluss in der vierten Klasse. Freundschaft, Zeitreise, ein jüdischer Junge, ein muslimischer Junge – und plötzlich steht Christoph Kolumbus da. Das funktioniert bei ihnen unglaublich gut.“
Für Referate lassen die Lehrer:innen bewusst viel Freiheit. Doch oft beobachten sie ein gruppendynamisches Phänomen. „Es ist oft wie ein Dominoeffekt. Eine Schülerin hält ein starkes Referat über ein Holocaust- Thema – und plötzlich wählen alle etwas Ähnliches.“ Schorn bestätigt: „Es ist faszinierend. Themen springen über wie Funken. Ein Jahrgang ist sehr geschichtsorientiert, der nächste weniger. Es entsteht manchmal so eine Gruppendynamik.“ Häufig greifen die Jugendlichen zu Büchern wie Hitlerjunge Salomon, Anne Franks Tagebuch oder Wir tanzen nicht nach Führers Pfeife. Manche entscheiden sich für zeitgenössische Jugendbücher wie Kirsten Boies Dunkelnacht oder – immer wieder – Die Welle.
Dass jüdische Themen dominieren, verstehen sie – aber sie achten bewusst darauf, es nicht zu verengen. „Flucht, Identität oder Ausgrenzung sollen nicht ausschließlich als jüdische Themen verstanden werden“, sagt Präauer. „Viele der Kinder haben selbst Familiengeschichten aus unterschiedlichen Ländern. Das verbindet.“
In der Oberstufe öffnen sich neue Räume: Max Frischs Andorra, Joseph Roths Hiob, Lessings Nathan der Weise – manchmal auch in der Jugendvariante Nathan und seine Kinder von Mirjam Pressler. Präauer: „Es holt die Themen aus Nathan der Weise in eine Sprache, die die Kinder verstehen.“ Wörndle erzählt von einer jugendsprachlichen Woyzeck-Fassung, die sie zufällig auf der Buchmesse entdeckt hat: „Das war ein Wahnsinn. Sie haben die Sprache verstanden, den Inhalt gespürt – ein richtiges Aha-Erlebnis.“
„Es sind intensive Bücher. Reich an Perspektiven,
emotional, vielschichtig.“
Sabine Wörndle
Besonders eindrücklich in Erinnerung bleiben Theaterbesuche. Wörndle und Präauer waren begeistert von der Inszenierung der Schachnovelle am Burgtheater, die die Jugendlichen sehr beeindruckt hat: „Das war fabelhaft. Der Schauspieler war unfassbar präsent. Der Text hat das Publikum hineingezogen.“ Zur Festwochen-Produktion eines israelischen Regisseurs sagt Schorn: „Der Originaltext ist mitgelaufen, und die Jugendlichen haben sofort verstanden, warum man unbedingt Shakespeare lesen muss. Weil es lebt. Man müsste jede Schulklasse dorthin schicken.“
Bei Faust ist man uneinig: Während eine Kollegin Mut zur Lücke beweist, betont die andere, wie wertvoll die Lektüre des Klassikers mit ihren Schüler:innen ist. Manchmal brauche man nur einen moderneren Zugang. Jedes Jahr entstehen daher auch kreative Projekte – etwa in der 7A, erzählt Schorn begeistert: „Die Schülerinnen und Schüler kennen die Erklärvideos, vor allem Sommers Weltliteratur to go. Da dachte ich: Warum machen sie das nicht selbst?“ Zu zweit produzierten die Jugendlichen sieben- bis zehnminütige Videos über deutschsprachige jüdische Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts: Schnitzler, Kafka, Else Lasker- Schüler, Franz Werfel (Eine blassblaue Frauenschrift), Hugo Bettauer (Die Stadt ohne Juden), Mirjam Pressler, Stefan Zweig (Brief einer Unbekannten), Doron Rabinovici. Manche spielten Szenen nach, andere arbeiteten mit ausgeschnittenen Figuren. „Unterschiedlich, lustig, aber manche fast professionell. Manche haben acht bis zehn Stunden pro Video gearbeitet.“
„Man muss Jugendlichen etwas zutrauen. Daran wachsen sie.“
Sabine Wörndle
Ein neuerer Schwerpunkt ist die israelische Gegenwartsliteratur. Pichler schwärmt davon: „Ich liebe israelische Autor:innen. Zeruya Shalev ist großartig, auch wenn ihre Themen oft schmerzen. Und Eshkol Nevo – ich habe fast alles von ihm. Wenn man einmal in Israel war, versteht man seine Bücher noch ganz anders.“ Wörndle erzählt von einer achten Klasse, mit der sie ausschließlich israelische Autor:innen gelesen hat: „Ich war überrascht, wie sehr sie das angesprochen hat. Das waren Bücher für erwachsene Leser:innen, doch sie wollten trotzdem weiterlesen.“
Die Jugendlichen hätten sich besonders in modernen Alltagskonflikten wiedergefunden: Beziehungen, Familie, Militärdienst, Zugehörigkeit, politische Spannungen. „Es sind intensive Bücher. Reich an Perspektiven, emotional, vielschichtig.“
„Wir lesen überhaupt viel von Mirjam Pressler – sie ist einfach großartig.“
Eva Pichler
Eine starke Verbindung entsteht auch dort, wo Jugendliche lebenden Autorinnen und Autoren persönlich begegnen. Doron Rabinovici ist dabei besonders präsent. Viele kennen ihn, haben Interviews im Fernsehen gesehen oder ihn bei Veranstaltungen erlebt. „Das verändert die Lektüre total“, sagt Wörndle. Schorn drückt es schärfer aus: „Die sind nicht seit hundert Jahren tot. Sie geben Interviews, reden über Politik und Schreiben. Das macht Literatur greifbar.“
Eine der jüngsten Stimmen, die im Unterricht diskutiert wird, ist die deutsch-jüdische Autorin Dana Vowinckel mit ihrem Roman Gewässer im Ziplock. Präauer: „Ein fantastischer Roman über drei Generationen und drei Kontinente. Voller Identifikationspotenzial. Es sollte zur Standardliteratur zählen.“ Wörndle ergänzt: „Mein Sohn hat das Buch von jüdischen Freunden in Berlin geschenkt bekommen – das zeigt, wie lebendig jüdische Literatur heute zirkuliert.“ Hier spielt auch der Blick auf die literarische Gegenwart eine große Rolle: Vowinckel war mit einem frühen Text beim Ingeborg- Bachmann-Preis in Kärnten eingeladen und wurde dort ausgezeichnet. Für die Jugendlichen, erzählen die Lehrkräfte, sei das besonders motivierend: „Sie merken: Diese Literatur ist in der Gegenwart verankert. Sie gewinnt Preise, sie wird diskutiert, sie entsteht jetzt“, sagt Schorn. „Das macht sie zugänglich – sie ist Teil ihrer Welt.“
Gleichzeitig sehen die Lehrer:innen Veränderungen beim Lesen: „Der Wortschatz ist kleiner geworden und die Aufmerksamkeitsspanne kürzer“, sind sie sich einig über die junge Generation. Vielleserin Pichler bringt deshalb oft ihr eigenes aktuelles Buch mit: „Damit sie sehen: Lesen ist Teil meines Lebens.“ Neue Formate – Podcasts, Erklärvideos, kreative Aufgaben – ergänzen die klassischen Methoden. „Man muss Jugendlichen etwas zutrauen. Daran wachsen sie“, weiß Wörndle.
„Der Wortschatz ist kleiner geworden und die Aufmerksamkeitsspanne
kürzer“, sind sie sich einig über die junge Generation.
Im Gespräch wird spürbar: Deutschunterricht ist hier mehr als Textanalyse. Er ist eine Haltung, eine Einladung zum Denken und zum Verstehen. Sonja Schorn fasst es so zusammen: „Wir wollen, dass die Schüler:innen sehen, dass Literatur lebt.“ Und dass jüdische Literatur ein Fixpunkt bleibt – nicht aus Pflicht, sondern weil sie kluge Fragen stellt über Menschlichkeit, Identität und Verantwortung.
- LeseTipps
- Klassische, historische, jüdische bzw. Holocaust-Literatur sowie zeitgenössische Werke, die häufig als Schullektüre gewählt werden
- ➧ Hugo Bettauer: Die Stadt ohne Juden
- ➧ Kirsten Boie: Dunkelnacht, Alhambra
- ➧ Das Tagebuch der Anne Frank
- ➧ Lizzie Doron: Ruhige Zeiten, Who the Fuck Is Kafka, Was wäre
- wenn, Nur nicht zu den Löwen u. a.
- ➧ Max Frisch: Andorra
- ➧ Franz Kafka: Das Schloss, Der Prozess, Die Verwandlung u. a.
- ➧ Ruth Klüger: Weiter leben. Eine Jugend
- ➧ Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise
- ➧ Dror Mishani: Drei
- ➧ Heather Morris: Der Tätowierer von Auschwitz
- ➧ Eshkol Nevo: Neuland, Wir haben noch das ganze Leben,
- Über uns u. a.
- ➧ Sally Perel: Ich war Hitlerjunge Salomon
- ➧ Mirjam Pressler: Malka Mai, Moishe und Reizele, Die KZ-Kinder
- von Korczak, Das Schild der Tochter, Dunkles Gold, Nathan
- und seine Kinder
- ➧ Morton Rhue (Todd Strasser): Die Welle
- ➧ Joseph Roth: Hiob
- ➧ Arthur Schnitzler: Fräulein Else, Leutnant Gustl u. a.
- ➧ Zeruya Shalev: Liebesleben, Späte Familie, Schmerz u. a.
- ➧ Ida Vos: Wer nicht weg ist, wird gesehen
- ➧ Dana Vowinckel: Gewässer im Ziplock
- ➧ Franz Werfel: Eine blassblaue Frauenschrift
- ➧ „Wiener Kaffeehausliteratur“
- ➧ Elie Wiesel: Die Nacht
- ➧ Elisabeth Zöller: Wir tanzen nicht nach Führers Pfeife
- ➧ Stefan Zweig: Schachnovelle, Brief einer Unbekannten

























