Bühnen aller Art

Wer sprechen darf und wer verstummen muss, entscheidet sich zurzeit auf vielen Bühnen der Welt. Über einen Einzelfall, der keiner ist.

734
DJane Barbara Butch musste aufgrund massiver Störaktionen ein Konzert beenden. © APA-IMAGES / AFP / KENZO TRIBOUILLARD

Das Vergangene zwängt sich uneingeladen in die Gegenwart, versucht, in die Zukunft zu gelangen. Das Vergangene hat eine leicht verwesende Geruchsnote, einen Hautgoût, aber das scheint von vielen nicht wahrgenommen zu werden, auch wenn der Geruch bisweilen penetrant ist; und es scheint viele, die ihn doch wahrnehmen, nicht weiter zu stören. Man muss sogar befürchten, dass dieser Duft seine Anhänger:innen hat, denen es vorläufig opportun scheint, so zu tun, als würden sie nichts riechen. Die, die sich nicht daran stören, und die, die sich daran vielleicht sogar ergötzen, haben die Kleider gewechselt. Sie sehen anders aus als die, die den Geruch früher toleriert haben. Sie sind jung. Sie sind eine andere Generation. Dennoch: Sie sind jetzt da. Und sie sind laut.

So laut, wie es beispielsweise bei einem Konzert der LGBTQ-Ikone Barbara Butch wurde. Bei einem Festival in Grenoble. Aber nicht, weil die DJane so intensiv gespielt hätte. Nein. Der Lärm schlug ihr aus dem Publikum entgegen. Warum? Was war geschehen?

Eine Frau steht auf einer Bühne. Musik ist ein Versprechen. Für ein paar Stunden soll sie die Schwerkraft aufheben, Menschen verbinden, einen Rhythmus finden, der größer ist als alle einzelnen Personen im Raum. Es kommt anders. Es erhebt sich ein anderer Klang. Buhrufe. Stimmen, die nicht zuhören wollen. Stimmen, die sie beschimpfen. Es fliegen Objekte. Es rollt die Welle des Hasses. Butch verlässt die Bühne. Die Bühne wird plötzlich zu einem Ort, an dem man nicht länger Musik und das gemeinsame Erlebnis verhandelt, sondern Zugehörigkeit. Genauer: unpassende Zugehörigkeit. Butch ist Jüdin. Die Jüdin ist gezwungen, ihre Bühne zu verlassen.

„Geschichte wiederholt sich sehr selten
wortwörtlich. Sie tauscht Uniformen
gegen Hashtags, Erlasse gegen Empörung,
Schweigen gegen Lärm.“

Man könnte sagen: ein Einzelfall. Ein eskalierter Abend. Ein politischer Konflikt. Europa hat eine bemerkenswerte Begabung entwickelt, den Blick zu verkleinern, bis das Muster verschwindet. Es melden sich nicht so rasend viele Stimmen, die das Geschehene verurteilen. Das ist mittlerweile gefährlich geworden. Für die eigene Karriere, für den eigenen Seelenfrieden. Ein unpassender Name reicht. Der Geburtsort reicht. Wir kennen das von früher. Es haftet diesem Procedere ein Hautgoût an. Jüdische Künstler waren nie nur Gäste dieser Kultur; aber sie wurden schon einmal aus ihr vertrieben. Europa spricht übrigens mit einer Stimme, die ohne jüdische Künstler:innen eine völlig andere wäre. Man feiert die alten. Und cancelt ab und zu die neuen. Ich dachte, das hätten wir längst hinter uns. Aber ich irre mich.

Es geschieht etwas Merkwürdiges. Der Mensch verschwindet plötzlich hinter dem Etikett. Der Komponist wird zum jüdischen Komponisten. Die Schriftstellerin zur jüdischen Schriftstellerin. Die DJane zur jüdischen DJane. Als müsste jede Kunst zuerst einen Identitätsnachweis erbringen, eine Erlaubnis, eine Distanzierung von whatever, bevor sie Kunst sein darf. Jedenfalls öffentlich. Einladungen bleiben aus, Anrufe werden nicht mehr beantwortet; es sei kompliziert, sagt man. Dabei ist es eigentlich einfach. Niemand will einen Mob in seinen Veranstaltungen haben. Alle wollen Frieden und Freude.

Geschichte wiederholt sich sehr selten wortwörtlich. Sie tauscht Uniformen gegen Hashtags, Erlasse gegen Empörung, Schweigen gegen Lärm. Die Frage aber bleibt dieselbe. Wer darf sprechen? Wer muss verstummen? Die Antwort entscheidet sich nicht in Gedenkreden. Sie entscheidet sich – unter anderem – auf einer Bühne.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here