„Chemiker wie der Vater“

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Martin Spatz leitet seit drei Jahren die Österreich-Tochter des israelischen Pharmakonzerns Teva. Eine internationale Karriere in Wien. Text und Foto: Reinhard Engel

Die Zahlen sind mehr als herzeigbar, das Wachstum war beeindruckend. „Wir haben in den letzten Jahren den Umsatz beinahe verdoppelt, von 60 auf 110 Mio. Euro.“ Martin Spatz sitzt entspannt in seinem nüchternen Eckbüro im Gewerbegebiet Auhof mit Blick auf den Wienerwald.

Zulegen konnte das Unternehmen, das auf Generika spezialisiert ist, in mehreren Medikamentensparten, bei Blutdrucksenkern, Antidepressiva oder Mitteln gegen Parkinson. Dabei hilft auch der Sparzwang des Gesundheitssystems, der Ärzte und Spitäler zu den kontengünstigen „Nachbauten“ motiviert. Aber der größte Schub kam aus den Apotheken – ganz ohne Rezepte. Denn Teva hat sich vor einigen Jahren mit P & G (früher Procter & Gamble) zu einem Joint Venture zusammengeschlossen, in dem gemeinsam so genannte „Over The Counter“-Medikamente vermarktet werden, die hierzulande zwar in Apotheken verkauft werden, aber keine ärztliche Verschreibung benötigen. Dabei brachte P & G seine weltweit starke Marke Wick ein, Teva steuerte eine ganze Palette von Schmerzmitteln bei. Hier waren die Zuwachsraten in den letzten Jahren jeweils zweistellig.

„Es hat kein Assessment Center gegeben und keine aufwendige Aus-schreibung. Es hätte auch schiefgehen können. Aber es hat funktioniert.“

Spatz ist zwar jetzt der oberste Verkäufer des Unternehmens, aber er kommt aus einer ganz anderen Ecke der Pharmabranche, aus der Forschung. Studiert hat der 1969 in Wien Geborene Chemie, und er spezialisierte sich bald auf Biochemie, weil ihm das als die interessanteste Sparte erschien. „Entscheidend für meine Studienwahl war ein faszinierender Professor im Schottengymnasium, außerdem wollte ich meinem Vater nachfolgen, der gelernter Chemiker war.“

Martin Spatz hat die Leitung des israelischen Generika Weltmarktführers Teva in Wien neu aufgestellt.
Martin Spatz hat die Leitung des israelischen Generika Weltmarktführers Teva in Wien neu aufgestellt.
Start in der Forschung

Dieser hatte am Technion in Haifa seinen Abschluss gemacht. Die jüdische Familie Spatz stammte aus Lemberg und war 1939 nicht vor den Nazis, sondern vor den Sowjetkommunisten nach Israel geflohen. Der Großvater hatte dort ein Sägewerk betrieben und sah mit dem Hitler-Stalin-Pakt und der Besetzung Ostpolens Enteignung und Schikanen auf die Familie zukommen. Doch das Leben in Palästina war damals alles andere als leicht, und „die Altösterreicher, die auch in Lemberg deutsch gesprochen haben“ (Spatz) konnten sich nicht an das heiße Klima gewöhnen. So dachten sie immer wieder an Rückkehr, und da Lemberg nach dem Krieg in der sowjetischen Ukraine verblieb, wurde 1950 Wien das Ziel. Spatz Senior gründete im dritten Bezirk eine kleine Fabrik für beschichtete Papiere, in die unter anderem Manner-Karamellen verpackt wurden.

Martin zog es zunächst nicht ins Geschäftsleben, sondern in die Forschung. Seine ersten Jahre verbrachte er in den Labors von Immuno, das dann an den Weltkonzern Baxter verkauft wurde. Anschließend folgte er den Immuno-Gründern noch in ein Start-up, die Biomedizinische Forschungsgesellschaft, als Chief Scientist. „Irgendwann hat es mir gereicht, ich bin draufgekommen, dass ich von wirtschaftlichen Grundlagen, etwa der Gewinn- und Verlustrechnung, keine Ahnung gehabt habe.“ Spatz hängte ein MBA-Studium an der amerikanischen Webster-Universität in Wien an – und wechselte die Seiten, zum AWS, der Förderbank des Bundes. Nun war er es, der über Anstoßfinanzierung von neu gegründeten Unternehmen zu entscheiden hatte, er las und konzipierte Businesspläne. Seiner ursprünglichen Branche blieb er freilich treu und hatte mit einer ganzen Reihe für Österreich einzigartiger Unternehmen zu tun: Intercell (heute Valneva), Affiris und Apeiron. Spatz: „Im internationalen Vergleich, vor allem auch zu Israel, ist Österreich hier etwas zu zögerlich.“ Es gebe zu wenig Risikokapital, auch zu wenig steuerliche Förderung.

Zu Israel hatte er damals nur private Beziehungen, sein Vater blieb – obwohl er das Land einst verlassen hatte – Israel emotional eng verbunden, reiste auch mit den Kindern dorthin. „In den Wiener Tempel, in den er jeden Freitag gegangen ist, hat er mich leider nie mitgenommen“, erzählt Spatz heute mit Bedauern. Die Kinder wurden von der christlichen Mutter katholisch erzogen, der Vater mischte sich da nicht ein. Insgesamt spielte Religion zu Hause allerdings kaum eine Rolle. „Einmal, kann ich mich erinnern, habe ich ein Referat im Gymnasium gehalten über ‚Jesus als Jude‘ und dafür viel gelesen und Bezüge zum alten Testament gesucht. Das hat meinem Vater unglaublich gefallen, er hat Tränen in den Augen gehabt.“

„Im internationalen Vergleich, vor allem zu Israel, ist Österreich etwas zu zögerlich.“

Martins nächster Karriereschritt erfolgte nüchterner: 2006 bewarb er sich auf eine Annonce der deutschen Ratiopharm und arbeitete in deren Wiener Tochter im Portfolio Management. Das hieß, neue Produkte durch die Anmeldung begleiten, bis sie auf den Markt gebracht werden können. Ratiopharm-Eigentümer Adolf Merckle nahm sich 2009 nach gewaltigen Fehlspekulationen mit Volkswagen-Aktien das Leben. Seine Erben mussten Teile des großen Mischkonzerns verkaufen, das war dann eben Ratiopharm. Der israelische Generika-Weltmarktführer Teva sah seine Chance, groß in den europäischen Markt zu expandieren, und schlug zu.

„Die zwei Unternehmen hatten eine völlig unterschiedliche Kultur“, erinnert sich Spatz. „Das damalige Management hier ist damit nicht fertig geworden.“ Die Israelis schickten einen Vertreter, der die Leitung neu aufbauen sollte. „Er hat mich ganz überraschend gefragt, ob ich mir das zutraue: ‚Why dont’t you do it?‘ Es hat kein Assessment Center gegeben und keine aufwendige Ausschreibung. Es hätte auch schiefgehen können. Aber es hat funktioniert.“

ISRAELS PHARMARIESE
Teva, gegründet 1901, ist der weltgrößte Konzern für Generika. Im Jahr 2012 setzte die Gruppe 20,3 Mrd. Dollar um und beschäftigte mehr als 46.000 Mitarbeiter. Teva legte in den letzten Jahrzehnten eine beispiellose globale Einkaufstour hin, mit Übernahmen in Nordamerika, aber auch auf anderen Kontinenten. Dabei hat das Management auch die Strategie etwas verwässert: Um den sinkenden Margen bei Generika zu entgehen, setzte man verstärkt auf Eigenentwicklungen, kaufte auch „klassische“ Pharmaunternehmen zu wie die amerikanische Cephalon. Jetzt hat der Konzern erheblichen Reformbedarf: Einerseits ist Teva im Generikageschäft nicht ganz so profitabel wie große Mitbewerber. Die übernommenen Unternehmen wurden noch nicht optimal in die Gruppe eingegliedert, man produziert und verwaltet zu teuer. Und auf einmal sieht sich Teva selbst als Gejagter: Im Frühjahr 2014 läuft ein Teva-Patent für eines seiner profitabelsten Medikamente aus, schon lauern die Konkurrenten, um diesen Markt mit eigenen Nachbauten anzuknabbern.

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