Culture unplugged – als der Kultur das Licht ausging

Mit dem völligen Abdrehen des gesamten Kulturbetriebs mussten viele Kulturschaffende Essenspakete in Anspruch nehmen, weil ihr Einkommen auf Null gesunken war. Der gesamte Chor der Israelischen Oper wurde gekündigt. Einige Schauspieler fanden eine Alternative als Tourguides zu Kulturthemen, andere versuchten sich in alternativen Berufen, wie etwa als Pizzaausträger. Die von der Tel Aviver Stadtverwaltung geplanten Outdoor-Kunstaktivitäten waren nur ein kleines Trostpflaster und wurden dann im letzten Lockdown allesamt eingestellt. Aber es gab auch viele neue und extrem kreative Ideen, um die coronabedingte Distanz zum Publikum zu überwinden. Hat also diese Krise der Kultur etwas gebracht? Daniela Segenreich sprach mit dem israelischen Schriftsteller und Drehbuchautor Etgar Keret über sein „Coronaprojekt“, über die Auswirkungen der Krise auf ihn persönlich und auf die Künstler im Allgemeinen.

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Etgar Keret und Inbal Pinto beim Dreh von Outside. © Lielle Sand

WINA: Wie haben Sie dieses letzte Jahr erlebt, und wie hat sich Corona auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Etgar Keret: Einerseits wurden die Theater geschlossen, die Kultur ist „stumm“ gestellt, alle meine Projekte sind on hold, mein Stück Anihu, ein Renner im Cameri Theater, gestoppt. Andererseits war das seit meinem Armeedienst vor 34 Jahren die kreativste Zeit in meinem Leben. Damals fühlte ich mich wie erstickt, war frustriert, hatte Angst im Bauch. Und da begann ich zu schreiben und veröffentlichte nach der Armee mein erstes Buch.
Und auch jetzt gab es vieles, vor dem man sich fürchten konnte. Und auch viel Langeweile und Frustration. Normalerweise ist immer noch etwas Wichtigeres zu tun, bevor man sich an den Schreibtisch setzt ein Kind zum Kindergarten bringen, in den Supermarkt gehen, um Milch zu kaufen , all das fiel jetzt plötzlich weg, Corona hat die vielen alltäglichen kleinen Handlungen storniert. Damit blieb einem als Künstler netto das zu tun, was man wirklich tun will: in der Früh aufstehen und kreativ sein. Es ist also das Paradies und die Hölle in einem.
Das Problem war aber nicht die Kreativität, die Störung lag am Kontakt mit der übrigen Welt, im Schnittpunkt zwischen Künstler und Publikum. In Israel hat die Kultur ohnehin einen geringen Stellenwert. Dazu wurden in dieser Krise auch noch die Kulturseiten in den Zeitungen weggekürzt. Es wurden auch kaum Filme gedreht, also wurden auch keine Drehbücher und kaum Geschichten bestellt. Um in die Öffentlichkeit zu kommen, musste ein Künstler aus seiner Komfortzone heraustreten und sich auf Neuland begeben, darin lag die Herausforderung. Dafür brauchte es jetzt viel mehr Kreativität, denn für Zoom und die Onlineplattformen ist kein Copypaste der hergebrachten Erfahrungen möglich.

»In den Tagen nach Aufhebung der Ausgangssperre wurde klar, dass niemand plante, das Haus zu verlassen. Aus unbekannten Gründen bevorzugten die Menschen, drinnen zu bleiben, vielleicht waren sie einfach froh, allem fern zu bleiben … Nach so langer Zeit zu Hause war man es einfach gewohnt …«
Aus der Kurzgeschichte Outside von Etgar Keret

Sie haben gemeinsam mit der Choreografin Inbal Pinto einen Videofilm von einer getanzten Kurzgeschichte zum Thema Corona gemacht. Wie kam es dazu?
Als wir einander im letzten Mai kennenlernten, sollte Inbal gerade an einer Produktion mit der Israelischen Oper arbeiten und ich sollte auf Lesereise in den USA sein. Wir saßen beide zu Hause und gründeten mit Hilfe eines Nachbarn vom Stock unter mir eine Website für „Coronageschichten“. Und da hatte Inbal die Idee, eine Choreografie zu meiner Kurzgeschichte Outside zu machen. Die Geschichte entstand aus einer Erfahrung nach der ersten Ausgangssperre. Es geht um die Fantasien der idealisierten Welt „draußen“, ohne den Lockdown, und wie diese Welt dann plötzlich bedrohlich werden kann. Ich wohne auf der „Dizengoff“, einer sehr belebten Straße, auf der alle einander kennen, ein wenig wie in einem Kibbuz. Und in den vielen Wochen zu Hause habe ich davon geträumt, endlich wieder auf der Dizengoff flanieren zu können und Menschen zu treffen. Aber als es dann so weit war, wurde mir das alles zu viel, ich wurde fast von einem Motorroller überfahren und angebrüllt und wünschte mir nichts sehnlicher, als möglichst schnell wieder zu Hause zu sein.

Freiluftkino: Dreharbeiten zu Outside. © Lielle Sand

Inbal hat diese Geschichte nach innen, in ein Zimmer versetzt und gleichzeitig eine Art modernes Märchen daraus gemacht, ein „Covidmärchen“, in dem es darum geht, wie wir (physisch und psychisch) auf diese Situation des Eingesperrtseins reagieren.

Der Film wurde auf ungewöhnliche Art realisiert und vorgestellt. Wie hat sich der Entstehungsprozess gestaltet?
Neben der israelischen Tänzerin gibt es auch einen Tänzer aus Japan, den wir per Zoom instruiert haben. Es tanzte also jeder auf einem anderen Kontinent.
Es stellte sich die Frage, wie wir produzieren und das Video einem größeren Publikum vorstellen könnten. Die Kultur war sozusagen „unplugged“, es gab nur die Präsenz eines großen „Nichts“, man musste alles neu erfinden. Es war notgedrungen eine Lowbudgetinszenierung, die wir mit Hilfe der japanischen Botschaft und einiger Sponsoren auf die Beine gestellt haben. Aber wir konnten mit den besten Videokünstlern arbeiten, alle haben uns großzügig ihre (viele freie) Zeit und ihr Talent zur Verfügung gestellt. Das Video wurde dann auf Onlineplattformen gespielt und auf die Außenwände von öffentlichen Gebäuden projiziert, unter anderem auf die Fassade des Libeskind Buildings in Berlin und des jüdischen Museums in Bonn, auf dem Times Square und dem Platz vor dem Habima-Theater.

In den nächsten Tagen sperren die Theater und Konzertsäle wieder auf, vielleicht ist das alles hinter uns. Haben diese Krise und diese neue Realität den Künstlerinnen und Künstlern auch etwas gebracht?
Ich lebe seit 27 Jahren auf der Dizengoff Straße und habe hier im letzten Jahr zum ersten Mal statt dem ständigen Lärm der Autobusse die Vögel zwitschern gehört das ist vielleicht wie eine Metapher für unsere Situation. Ich möchte keine Vergleiche ziehen, aber als ich meinen gesegneten Vater, der ein Holocaust-Überlebender war, einmal gefragt habe: „Papa, war die Schoah eine sehr schlechte Zeit für dich?“, da hat er geantwortet: „Es gibt keine schlechten Zeiten, es gibt nur schwierige Zeiten. In jeder Phase lernst du etwas über dich selbst.“ In diesem Sinne habe ich keine Lust, die Coronazeit „wegzulöschen“. Ich glaube, sie hat uns geholfen, unsere Realität zu überprüfen, sie hat uns einen Spiegel vor das Gesicht gehalten. Wir konnten Dinge entdecken, die wir lieben und schätzen, und auch Dinge, die wir vorher nicht sehen wollten …

 CoronaKunst
Der Graffity-Künstler Dede zeichnete unter dem Motto „Wir müssen unser Geld absichern“ kunstvolle Masken auf die auf den israelischen Geldscheinen abgebildeten Gesichter. Die Designerin Yali Zwi entwarf ein „Malbuch für verwirrende Tage“ (li. oben), das tausende Male online heruntergeladen wurde. Der Fotograf Yoav Gati hatte mit seinen „Glove Stories“ (li. unten), in denen er weggeworfene Plastikhandschuhe zu Comics-Charakteren umwandelte, großen Erfolg auf Instagram. Und der Autor Etgar Keret inszenierte gemeinsam mt der Choreografin Inbal Pinto zu einer seiner Kurzgeschichten ein vielbeachtetes Video, das auf kreativen Wegen global vorgestellt wurde.

yaliziv.com/Coloring-pages
instagram.com/glove.stories/?hl=de
outside-film.com

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