„Da ist vieles so wie in meiner eigenen Jugend“

Wie die Geschichte der Familie Wagner in den Film Schächten kam und welchen Anteil Vater und Sohn dabei hatten, erzählen Victor und Michel Wagner in einem Gespräch mit Anita Pollak.

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Jeff Wilbusch spielt im Film Victor, der Jahre nach den Gräuel der NS-Zeit in Gogl einen der einstigen Täter wiedererkennt. © Jeff Wilbusch

WINA: Im Film, der jetzt in die Kinos kommt, heißt die Hauptfigur Victor wie du. Dein Sohn Michel hat den Streifen, der an deine Familiengeschichte erinnert, angestoßen. Welche Rolle hast du bei dieser Idee gespielt?
Victor Wagner: Michel hat die Filmhochschule in München absolviert und hatte die Idee und die Geschichte für den Film, das Drehbuch daraus hat dann Thomas Roth gemacht. Michel hat recherchiert und im Vorfeld diverse Gesprächspartner gehabt, die ich ihm genannt habe, denn er wusste von meiner Tätigkeit für die Sicherheit der Gemeinde in dieser Zeit. Wir haben 1968 überhaupt als Erste einen Schutztrupp vor dem Tempel aufgebaut und durften zwar kontrollieren, wer hineingeht, jedoch keinesfalls Waffen tragen. Es gab aber durchaus Leute, die im Untergrund auch bewaffnet waren.

Im Film geht es auch um Selbstjustiz. Der Strang um den NS-Verbrecher Gogl und den Racheakt im Salzkammergut entspricht aber nicht eurer Familiengeschichte.
I Ja, die Dinge sind hier vermischt. Mein Vater ist aus einem KZ geflüchtet, war dann bei der Résistance und beim D-Day bei einer Einheit, die die Schienen der Deutschen im Hinterland gesprengt hat, was wahrscheinlich hunderttausenden Amerikanern das Leben rettete. Er wurde von der Résistance ausgezeichnet, und wir, bis hin zu meinen Enkeln, haben ehrenhalber französische Pässe. Mein Papa war ein resoluter Mensch, und ähnliche Sachen, wie sie im Film vorkommen, gab es in unserer Familie schon. Unsere Firma wurde vom Chauffeur meines Großvaters arisiert, und als mein Vater nach Wien zurückkam, haben sie ihn gestellt – in welchem Zustand er nachher war, weiß ich nicht. Mit der Einstellung, dass man sich Unrecht und Antisemitismus nicht gefallen lassen darf, bin ich erzogen worden. Ich war schon mit 13 das erste Mal beim Kommissariat, weil ich einen Schulkollegen, der eine antisemitische Bemerkung machte, niedergeschlagen hab. Im Gymnasium in der Klostergasse sind damals Schüler mit NS-Emblemen in die Schule gekommen, und ich musste die Schule wechseln. Später gab es den Fall von Franz Murer, der freigesprochen wurde. Wäre es nach mir gegangen, so wäre Murer nicht eines natürlichen Todes gestorben. Aus Israel wurden wir aber zurückgepfiffen.

Gab es von Seiten deiner Familie einen Kontakt zu Simon Wiesenthal, der im Film ja eine wesentliche Rolle spielt?
I Einen sehr engen. Mein Vater hat bei der Liste von Simon Wiesenthal in der IKG kandidiert, als einer der wenigen österreichischen Juden. Auch ich selbst hatte ein gutes politisches Verhältnis zu ihm. Wiesenthal war in Wien bei einer einzigen Bar Mitzwa, und das war die meines Sohnes Michel.

„Da es schon viele Holocaust-Filme gab,
war unser
Ansatz die Nachkriegszeit.“

Michel Wagner

 

Kannst du dich in den Protagonisten Victor, der im Film den Familiennamen Dessauer trägt, hineinversetzen oder dich teilweise wiedererkennen, und hast du in deiner Jugend ein ähnliches antisemitisches Umfeld erlebt?
I Ja, durchaus, da ist vieles so wie in meiner eigenen Jugend. Ich war zum Beispiel Basketballspielen in einem Club, und da wurde mir gesagt, ich soll nicht mehr kommen. Es gab nur zwei jüdische Familien in Gersthof, und ich hatte ununterbrochen irgendeinen Wickel. Mit dem Darsteller Jeff Wilbusch hab ich im Vorfeld sogar ein sehr gutes Gespräch gehabt.

„Wäre es nach mir gegangen, so
wäre Murer nicht eines natürlichen Todes gestorben.“
Victor Wagner

 

Die Firma, die schon lange im Familienbesitz war, wurde arisiert und dann restituiert.
I Ja, aber der zweite Ariseur der Firma, eine Familie Heible, wohnt heute noch in Hietzing in der Coste noblegasse 3 in einem Haus, das aus dem Geld meiner Großeltern stammt. Denn als die Arisierungsakte erst 1988 von der Republik Österreich freigegeben wurden, war der Raub schon verjährt. Ich hab diese Akte, da steht genau, was meinen Groß- und Urgroßeltern gestohlen wurde. Ich hab mir erlaubt, vor dem Haus mehrfach Schmierereien zu machen, wurde einmal erwischt und hatte ein Verfahren wegen Sachbeschädigung, das aber auf Grund meiner Argumente eingestellt worden ist. Das war genau zu der Zeit, als der Film gedreht wurde.

Michel Wagner kommt abschließend kurz zum Gespräch hinzu.

Wie siehst du die Genese des Films und die Zusammenarbeit mit Thomas Roth?
Michel Wagner: Da es schon viele Holocaust-Filme gab, war unser Ansatz die Nachkriegszeit. Ich hab Geschichten meines Großvaters und Vaters beschrieben, und Thomas Roth hat das gut kombiniert, sodass etwas von beiden in der Hauptfigur steckt und auch noch etwas von der Geschichte Murers. Roth kannte wiederum den Fall von Gogl, und der ist da stimmiger mit Mauthausen und dem Salzkammergut und dem Gogl-Prozess. Auch der Titel Schächten stammt von Roth. Die Zusammenarbeit war sehr gut, und wir haben sogar zwei neue Projekte gemeinsam.


       Mehr über den Film im Gespräch:      

„Es ist kein Feel Well Movie“

In seinem Film Schächten arbeitet sich Thomas Roth an Hand des authentischen Falles Johann Gogl an den skandalösen Freisprüchen von NS-Verbrechern in Österreich ab. Dabei vermengt er Facts und Fiction mit der Nachkriegsgeschichte der Wiener Unternehmerfamilie Wagner.

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