Damals in Samarkand

Feiern mit der Großfamilie: Berta Alaev und Irina Kandoff erinnern sich an Sederabende in ihrer Kindheit und Jugend. Über Festtagsgewänder, typische Speisen, monatelange Vorbereitungen und akribisches Putzen.

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©Daniel Shaked

IRINA KANDOFF
geb. 1959 in Samarkand. 1972 emigrierte die Familie zunächst nach Israel, seit 1975 lebt sie in Wien

Wir waren zehn Kinder – zwei waren adoptiert, weil ihre Eltern gestorben waren –, sechs davon Mädchen. Vor Pessach war meine Mutter sehr streng mit uns. Wenn wir von der Schule nach Hause gekommen sind, sagte sie uns, ihr müsst die Fenster putzen, ihr müsst die Vorhänge waschen. Wir haben auch in einem großen Haus gelebt – mein Vater war Großhändler für Friseurbedarf und hat gut verdient. Er hat zu Pessach auch immer Lebensmittel– Fisch, Fleisch, Getreide – in Kisten gepackt und an bedürftige Familien verschenkt. Es gab damals auch sehr viele arme Leute. Mit den Vorbereitungen hat mein Vater schon Monate vor Pessach begonnen. Er hat zum Beispiel Lagerräume angemietet, die auch bewacht wurden. Es musste ja genügend Weizen für die Matzot da sein. Die Matzot haben wir zu Hause in einem Ofen gebacken. Unter dem Jahr wurde darin Brot gebacken. Vor Pessach wurde er geputzt, und es kam der Rav, und der Ofen wurde koscher le Pessach gemacht.

„Die Matzot haben wir zu Hause in einem Ofen gebacken.
Vor Pessach wurde er geputzt, und es kam der Rav, und der Ofen wurde koscher le Pessach gemacht.“

 

Der Rav hat dann auch am Seder durch den Abend geführt. Wir haben als Kinder schon auf diese Feier gewartet, wir haben viel gesungen, und es war sehr lustig. Vor Pessach haben wir Kinder auch immer neue Kleider und Schuhe geschenkt bekommen, darauf haben wir uns immer schon gefreut. Als kleines Mädchen trug ich am Seder ein Samtkleid, das etwa bis zu den Knien ging, und darunter eine Hose. Meine Lieblingsspeise war eine Suppe. Sie heißt Maso Joschak. Dafür brät man Zwiebel an und Karotten, und dann gibt man klein geschnittenes Hühnerfleisch dazu. Darauf kommen Salz, Pfeffer und Wasser, und man lässt das eine Weile kochen. Zum Schluss mixt man zuerst Eier und lässt sie dann durch ein Sieb eintropfen – so sind sie dann gut in der Suppe verteilt. Obendrauf kommt dann noch frischer Koriander. Heute muss ich sagen, dass es Frauen zu Pessach sehr leicht haben. Sie haben Putzfrauen, sie haben Helfer, das Fleisch kann man schon fertig kaufen, Matzot auch, das Gemüse ist geputzt – es ist viel weniger Arbeit. Aber eines muss ich auch sagen: Das Essen schmeckt nicht mehr so gut wie in meiner Kindheit. Es war besser, als wir alles selbst gemacht haben, auch wenn es viel Arbeit war.“


BERTA ALAEV
geb. 1935 in Samarkand. Nach 1,5 Jahren in Israel lebt sie seit 1974 in Wien.

Mit dem Pessach-Putz haben wir sofort nach Purim begonnen. Alle mussten mithelfen, auch wir Kinder. Wir hatten ein großes Haus, mein Vater war Textilhändler und wohlhabend. Vor Pessach wurde alles, was man vors Haus tragen konnte, hinausgebracht und geputzt. Möbel wurden verschoben, damit man auch dahinter sauber machen konnte. Der Pessach-Tisch wurde schon vier Wochen vor dem ersten Sederabend gedeckt. Er stand in einem großen Zimmer, an dem wir auch am Schabbat und an anderen Feiertagen zusammengekommen sind. Dann wurde der Tisch abgedeckt, und der Raum blieb zu. Für Pessach gab es eigenes Geschirr, nur die Töpfe, sie waren aus Kupfer, die wurden das ganze Jahr über verwendet und vor Pessach mit Sand und kochendem Wasser gekaschert. Sehr aufwändig war es auch, die Speisen zuzubereiten. Das Fleisch, das wurde zwar koscher geschlachtet, aber den Rest mussten wir selbst machen, also Blutgefäße und Fett entfernen und es dann in Salz einlegen. Der Weizen für die Matzot wurde von uns zwei Mal gereinigt, da mussten wir ganz genau darauf achten, dass Steine und Würmer entfernt wurden. Dann wurde der Weizen gemahlen und in einem Ofen, der von vielen Familien genutzt wurde, wurden die Matzot gebacken.

Berta Alaev hält eine bucharischeHaggada in ihren Händen. ©Daniel Shaked
„Am Sederabend hat sich die ganze Großfamilie versammelt, wir waren dann ungefähr 45 Personen.“

 

Den Reis haben wir auch mehrmals gesiebt, damit er ganz sauber ist. Am Sederabend hat sich die ganze Großfamilie versammelt, wir waren dann ungefähr 45 Personen. Die Männer saßen auf der einen Seite des Tisches, die Frauen auf der anderen. Die Männer hatten die traditionellen Mäntel an und trugen keine Kippot, sondern Kalpok. Die Frauen trugen ab der Hochzeit immer Kopftuch, niemand hat damals Scheitel getragen. Ich hatte ein festliches Kleid aus Samt an. Begonnen hat der Seder um sieben Uhr abends, und gedauert hat er bis ein Uhr Früh. Mein Vater hat gemeinsam mit männlichen Gästen abwechselnd aus der Haggada gelesen, danach haben wir gegessen. Mein Lieblingsgessen als Kind war Kvovu Rihani Peshoi. Das war eine Art Gulasch, auf das man obendrauf auch Eier gegeben hat. Charosset bereiten wir bis heute aus Rosinen, Haselnüssen, Datteln und süßem Wein zu. Diese Speisen bereiten wir auch heute in Wien zu, und auch hier feiern wir in der Großfamilie. Trotzdem ist es anders. Paare sitzen heute zum Beispiel gemeinsam am Tisch. Und meine Schwiegertöchter – ich habe vier Söhne – tragen alle Scheitel.“

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