
WINA: Sie feierten bei den Salzburger Festspielen 2025 gleich zwei Debüts: Sie traten zum ersten Mal hier auf und haben die Rolle der Olga in Péter Eötvös’ Oper Drei Schwestern neu einstudiert. Für Ihre stattliche Figur haben Sie eine ungewohnte Stimmlage, nämlich Countertenor*. In New York geboren, treten Sie viel in den USA auf, seit 2019 auch in Europa. Wie kam es zum Engagement nach Salzburg?
Aryeh Nussbaum Cohen: Die Casting-Direktorin der Salzburger Festspiele, die sowohl in den USA als auch in Europa gut vernetzt ist, sucht immer wieder neue, junge Talente. Sie hat mich schon vor einigen Jahren an der Lyric Opera Chicago entdeckt. Da solche Festivals langfristig planen, hat sie das mit Salzburg bereits vor zwei Jahren fixiert. Das erfordert Planung, gibt einem aber auch eine gewisse Job-Sicherheit.
Anton Tschechows Drama Drei Schwestern war die Vorlage für die 1998 uraufgeführte Oper des ungarischen Komponisten. Sehen Sie aktuelle Bezüge in der Handlung?
I Ja, durchaus, denn jetzt ist genau der richtige Moment, um dieses Thema musikalisch umzusetzen. Daher bin ich sehr glücklich, bei dem Projekt dabei zu sein. Die Geschichte könnte nicht aktueller sein: Eine Familie wird aus ihrem Haus vertrieben, möchte nach Moskau zurückkehren, aber das wird ihnen nie gelingen. Regisseur Evgeny Titov, ursprünglich aus Kasachstan, lebt im Exil und zeigt in einer packenden Inszenierung, wie in einer Bahnstation die Welt um den Menschen herum zerbröckelt. Gerade in Zeiten wie diesen, in der es so viele Kriege und Krisenherde gibt, ist es wichtig, das jetzt zu spielen und zu singen. Titov macht das sehr subtil, er fährt den Leuten nicht mit dem Zeigefinger ins Gesicht.
Insgesamt vier Frauenpartien werden von Ihnen und drei weiteren Countertenören gesungen, und jeder hat eine Fluchtgeschichte in der Familie?
I Ja, alle Kollegen leben mit ihren Familien im Exil: Cameron Shahbazis singt die Mascha, seine Familie floh nach dem Putsch im Iran 1979 nach Kanada; Dennis Orellana in der Rolle der Irina wurde in Honduras geboren, auch seine Eltern haben die Heimat verlassen. Kangmin Justin Kim aus Korea singt die Natascha, seine Familie lebt jetzt in den USA. Und ich bin der Enkel von Shoah-Überlebenden aus Deutschland.
Wie erging es Ihren Großeltern?
I Teile der Familie wurden ermordet, nur mein Großvater mütterlicherseits, Gerhard (Jerry) Nussbaum, und einige Verwandte konnten Nazi-Deutschland noch rechtzeitig verlassen. Die Familie meines Vaters kam aus Russland wegen der Pogrome nach Amerika. Doch die Rettung und Flucht meines geliebten Großvaters war mehr als gefährlich: Sein Vater und zwei Onkel wurden nach Dachau deportiert; meiner unglaublich willensstarken Urgroßmutter gelang es, einen SS-Mann zu bestechen, der sie dann befreite. Die Familie Nussbaum hatte in der Umgebung von Frankfurt Textilien produziert, und so war G’tt sei Dank genug Geld da, um die Männer freizukriegen. Die Familie hatte Verbindungen zur Firma Kodak und konnte Visa über Genua in die USA organisieren. Voller Hoffnung schickten sie ihr Gepäck in die Hafenstadt. Eine Woche vor der Abreise trat Italien an der Seite Deutschlands in den Krieg ein – damit war es mit Genua vorbei.
„Ich wollte Politiker werden.
Es war die Zeit des Aufstiegs von Barak Obama,
eine Periode der Hoffnung. Aber dann erlebte ich
meine erste Oper, Puccinis La Bohème, in der Met.
Das war mein Aha- Moment.“
Wie hat es Ihr Großvater dann geschafft?
I Der einzige Ausweg war der lange Weg über die Sowjetunion und Asien. Die einzigen Zugkarten, die sie ergattern konnten, waren für einen Samstag – und da sie sehr religiös waren, wollten sie am Schabbat nicht fahren. Mein Urgroßvater ging zum Rabbiner, um Rat zu holen, und der rief aus: „Fahrt, fahrt bitte!“ So schafften sie es bis nach Japan und von dort aus mit dem Schiff nach Seattle (Bundesstaat Washington); von dort quer durchs Land nach Washington Heights, New York City, wo sie erfuhren, dass es noch andere deutsche Juden gab. Die jüdische Hilfsorganisation HIAS fragte als erstes meine Uroma, was sie haben möchte. Und sie sagte: „Alles, was ich haben will, ist koscheres Essen.“ Ihr neues Leben begannen sie mit nichts, sie ging putzen und ihr Mann machte Heimwerker-Jobs. Ich bin die Personifizierung des American Dream.
Sie haben an der renommierten Princeton University Geschichte studiert. Warum wechselten Sie zum Gesang?
I Ich war so ein Unterhaltertyp, der gerne Geschichten erzählte, also ein Künstler, der sein Publikum suchte. In Princeton habe ich mit Vorstudien in Jus- und Politikwissenschaft begonnen, ich wollte Politiker werden. Es war die Zeit des Aufstiegs von Barak Obama, eine Periode der Hoffnung. Aber dann erlebte ich meine erste Oper, Puccinis La Bohème, in der Met. Das war mein Aha-Moment. Die ganze Kraft der Oper, die Hingabe, diese Emotionen haben mich überwältigt. Da wusste ich, was ich wirklich machen will.
Wie haben die Eltern darauf reagiert?
I Ich habe ihnen das jüdische Herz gebrochen, sie wollten so gerne einen Anwalt aus mir machen. Doch ich habe die Willensstärke meiner Uroma geerbt, habe mein Gesangsstudium begonnen und Meisterklassen absolviert. Ich hatte bereits mehrere Gesangswettbewerbe gewonnen, aber noch keine Engagements bekommen. Erst als ich mit dem Großen Preis des Laffont-Wettbewerbs der Metropolitan Opera 2017 ausgezeichnet wurde, ging es richtig los.
Wurde Ihre Stimme bei Ihrer Bar Mitzwa entdeckt?
I Eigentlich nicht. Es waren zwar keine professionellen Musiker oder Sänger in unserer Familie, aber wir waren sozusagen „jüdisch-musikalisch“: Jeden Freitagabend wurden Zemirot und Nigunim (religiöse Lieder und Psalmen) bei Tisch gesungen, denn die Praxis des jüdischen Lebens ist voller Musik. Meine ersten öffentlichen Auftritte waren auch als Chasan (Kantor) in der 1929 erbauten, konservativen Synagoge in Brooklyn, dem East Midwood Jewish Center. An diesem denkmalgeschützten Ort wurden auch Szenen für die TV-Serie The Marvelous Mrs. Maisel gedreht.
„Meine ersten öffentlichen Auftritte
waren auch als Chasan (Kantor) in der 1929
erbauten konservativen Synagoge in Brooklyn.“
Wie haben Sie entdeckt, dass Sie ein Countertenor sind?
I Bei den Tora-Vorlesungen habe ich mehr gesungen als nur vorgelesen, und da fragte man mich, ob ich für ein paar hundert Dollar auch ein ganzes Rosch ha- Schana/Neujahrstagsgebet singen würde. Ich sagte zu und sang in meiner normalen Stimme die Gebete. Nur bei meinem Lieblingspsalm habe ich – eigentlich so für mich – ziemlich hoch gesungen. Einige Damen waren begeistert davon und drängten mich, weiter so zu singen.
Sie traten 2020 an der Metropolitan Opera in Brett Deans Hamlet auf, hatten ihr Europa-Debüt in Zürich sowie in der Folge zahlreiche weitere Auftritte in Europa und Asien. Sie haben dabei Ihren leicht als jüdisch zu erkennenden Namen behalten.
I Das wäre mir nie eingefallen; ich bin sehr stolz, dass ich Jude bin; es ist der wichtigste Teil meiner Identität, meiner Familie. Ich komme aus einem koscheren Haus, das alle religiösen Regeln einhält. Mein Vater, der in der IT-Branche arbeitete, wuchs als orthodoxer Jude in der Chabad-Bewegung auf. Meine Mutter, Deborah Nussbaum-Cohen, die viele Jahre als USA-Korrespondentin für die israelische Tageszeitung Haaretz sowie in New York für den Forward geschrieben hat, wuchs in der Reform-Synagoge auf – sie trafen sich dann in der Mitte.
Sie heimsen laufend großartige Kritiken für Ihre Interpretationen von Barockopern, aber auch zeitgenössischer Musik ein. Ich lese in Ihrer offiziellen Biografie aber auch, dass Sie ein eigenes Projekt mit befreundeten Musikern haben – JIVE (Jewish Innovative Voices & Experiences) –, im Rahmen dessen sie regelmäßig Amerika-weit Konzerte veranstalten, die ebenso traditionelle Klezmermusik und sephardische Lieder wie auch Jazziges, Musicals und Oper beinhalten. Wie kam es dazu?
I Aus einem persönlichen Bedürfnis heraus wollten wir einfach jüdische Musik machen und unser Vergnügen mit anderen teilen. Ronny M. Greenberg, ein lieber Freund und langjähriger Nachbar, ist ein wunderbarer Pianist, so haben wir Konzertprogramme für drei Hohe Feiertage kreiert: Pessach (Ostern), Rosch ha-Schana (Neujahr) und Chanukka (Lichterfest). Dabei kommt alles vor, was Sie erwähnt haben, aber wenn es z. B. um Pessach geht, das Fest der Freiheit, so spielen wir auch Musik von Georg Friedrich Händel und während der Shoah geschriebene Musik, die wir wieder aufgeführt haben, weil dort diese Themen auch vorkommen.
Bereits als Mitglied im Opernstudio der Houston Grand Opera haben Sie u. a. in einer Inszenierung von Regiemeister Barrie Kosky die Rolle des David in Händels Oper Saul gesungen. Wird es wieder eine Zusammenarbeit geben?
I Er war jetzt hier bei den Salzburger Festspielen, und wir haben über konkrete Pläne für nächstes Jahr in Berlin gesprochen. Aber ich darf noch nichts sagen.
Was sind Ihre nächsten Pläne?
I Bis Oktober gebe ich Konzerte in den USA – in Chicago, San Francisco, Boston und an anderen Orten. Im Oktober geht es dann nach Asien, im November nach Malta und von dort aus nach Valencia, das ist mein Debüt in Spanien. Nach einer Oper in Houston und Konzerten in Litauen und New York kommen dann Stuttgart und Berlin dran.
Ich höre nichts von Wien?
I Mit 21 Jahren habe ich mein erstes Konzert in Wien gegeben: Alan Curtis, der amerikanische Cembalist und Dirigent, hat viel zur Renaissance der Musik von Christoph Willibald Gluck beigetragen. Und er hat mich gebeten, für einen erkrankten Sänger einzuspringen. Aber in diesem Sommer bin ich sehr glücklich, mit meiner Frau und unserem drei Monate alten Sohn Eli hier in Salzburg zu sein. Hier hat sich ein großer Traum für mich erfüllt. Ich denke oft an meinen Opa Jerry Nussbaum, der leider gestorben ist, bevor er meine Auftritte erleben konnte. Das wäre das Einzige gewesen, das ihn nach Deutschland und Österreich zurückgebracht hätte. Wir wollten ihm zum 70. Geburtstag eine Reise zu seinen deutschen Ursprüngen schenken, damit er seine Stadt, seine Umgebung wiedersieht. Doch er weigerte sich, deutschen Boden zu betreten. Nur sein Stolz über meine Auftritte wäre ein Motiv gewesen, ihn nach Salzburg und Berlin zu bringen. Der Applaus für mich in Salzburg wäre nicht nur große Freude, sondern auch Genugtuung für ihn gewesen.
* Als Countertenor (Kontratenor) wird ein männlicher Sänger bezeichnet, der mit Hilfe einer durch Brustresonanz verstärkten Kopfstimmen- bzw. Falsett-Technik in Alt- oder Sopranlage singt.






















