„Das erste All-inclusive-Buch über das Judentum“

Geboren ist er in Tel Aviv, benannt ist er nach Herzl, und als Bub hat er Bruno Kreisky die haTikwa vorgesungen. Man muss sich Theodor Benjamin Much als einen kämpferischen Aufklärer vorstellen, was man bei seiner kleinen und eher zarten Erscheinung nicht unbedingt vermuten würde. Doch wenn ihm etwas ungerecht oder falsch erscheint, dann schreibt er in einem Buch dagegen an oder gründet einen Verein, wenn ihm was besonders am Herzen liegt. Ein Porträt von Anita Pollak

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© Konrad Holzer

Rückblickend ist er in einigen Dingen ein Pionier gewesen. So fuhr er als einer der ersten in Österreich einen Toyota und erklärte seinen staunenden Freunden, die den japanischen Namen noch nie gehört hatten, dass diese Automarke bald die Welt erobern würde. Als er damals beim Fahren noch dazu einen Gurt benutzte, wurde er sogar für etwas meschugge gehalten. Doch zurück zu den Anfängen.

Als Zionisten waren seine aus Wien stammenden Eltern, der Vater war Augenarzt, bereits 1937 nach Israel ausgewandert, Hebräisch haben sie aber nie erlernt, „denn ihr ganzer jeckischer Freundeskreis hat nur Deutsch geredet”. Ivrit hat Dori, wie ihn seine Freunde nennen, erst im Kindergartenalter gesprochen, und nach seiner Bar Mitzwa sind die Eltern „ohne mich zu fragen” mit ihm nach Wien zurückgekehrt. „Wir hatten ein schönes Haus in Herzlia mit einem großen Grund, das man damals, es war gerade die Suez-Krise, nicht verkaufen konnte. Daher hat mein Vater es hergeschenkt. Darüber ärgere ich mich noch heute, es wäre jetzt ein Vermögen wert.”

Vater Much war ein Cousin Bruno Kreiskys, und beim ersten Besuch in dessen Haus hat Kreisky den kleinen Sabre Dori aufgefordert, ihm doch die israelische Hymne vorzusingen und soll danach „total gerührt” gewesen sein. Später ist Peter Kreisky sein Schulkollege geworden.

»Die Hauptgefahr ist für uns heutzutage der islamische Antijudaismus.«
Theodor Much

Or Chadasch. Nach seinem Medizinstudium in Wien ging der junge Arzt mit seiner Ehefrau, einer finnischen Pastoren-Tochter, für einige Zeit in die Schweiz, wo er nicht nur Hautarzt wurde, sondern auch das liberale Judentum von Or Chadasch „im Embryostadium” kennenlernte. Praktisch ohne jüdischen Background aufgewachsen – „meine Eltern waren säkular und wussten vom Judentum plus minus Null” –, hatte er schließlich in England anlässlich der Hochzeit eines Verwandten quasi sein religiöses Erweckungserlebnis. In einem Londoner Park fand er in einer auf einer Bank liegenden Ausgabe des Jewish Chronicle einen Artikel von Rabbi Brichtum, der ihm, so schwärmt er noch heute, die Augen über das liberale Judentum öffnete.

Und mit diesen offenen Augen gründete er schon kurz danach gemeinsam mit einigen MitstreiterInnen wie Eleonore Lappin und Peter Landesmann in Wien Or Chadasch („Neues Licht”). Den ersten liberalen Gottesdienst feierte die kleine Reformgemeinde mit dem deutschen Rabbiner Henry Brandt am 4. Mai 1990 im Hotel Imperial, „das waren die Günstigsten”, und es kamen gleich 100 Leute.

Theodor Much: Faszination Judentum. LIT Verlag 2018, 352 S., € 34,90

Die Lokalsuche gestaltete sich in der Folge schwierig, bis sie von der IKG eine alte Druckerei in der Robertgasse im 2. Bezirk angeboten bekamen, die nach einer totalen Renovierung als schöne moderne Synagoge etwa 100 Besuchern Platz bietet. Nun hat die Gemeinde nicht nur eine Kinder- und Jugendgruppe, eine Sunday-School, ein Lehrhaus und mit dem jungen Lior Bar Ami, der in Deutschland am Abraham Geiger Kolleg studierte, erstmals einen in Wien stationären Rabbiner. Seit 30 Jahren Präsident des Vereins, pflegt Much derzeit, wie er sagt, gute Beziehungen zur IKG.

Daneben ist der nunmehr pensionierte Hautarzt fallweise noch immer als solcher tätig, unter anderem in Finnland, wo auch sein Sohn Arzt ist, vor allem aber ein überaus produktiver Buchautor und zwar auf zwei thematisch völlig unterschiedlichen Schienen. Auf einer zieht er gegen die „Irrwege und Lügen der Alternativmedizin” (so einer seiner Titel) zu Felde, auf einer anderen beschäftigt er sich mit verschiedenen Phänomenen des Judentums. Beseelt von einem aufklärerischen Duktus ist er in allen seinen Publikationen.

Faszination Judentum, ein Handbuch über die Grundlagen der Religion in Theorie und Praxis, ist dabei sein jüngster Wurf.

Sein eigenes Wissen über das Judentum hat sich Much über Jahre im Selbststudium erarbeitet. „Ich musste das liberale Judentum, das anfänglich vielen Angriffen ausgesetzt war, verteidigen und war dabei gezwungen, mich mit der Theologie auseinanderzusetzen.”

Auf die Frage, was ihn persönlich am Judentum fasziniert, antwortet er mit einer ganzen Lawine an Argumenten und weist dazu immer wieder erklärend auf Kapitel seines Buches hin. Die Ethik und Vielfalt des Judentums und dass es in vielen Belangen sehr fortschrittlich sei, erwähnt er besonders. „Je mehr man sich damit beschäftigt, umso interessanter wird es, und dazu kommt noch die Geschichte Israels und des Zionismus, die damit zusammenhängt. Das Judentum war ja nie ein monolithischer Block, sondern hat sich immer weiterentwickelt. Und es gab immer schon Reformen, was aber oft bestritten wird.”

Der Titel „Faszination” betrifft auch die Zielgruppen. Das sind einerseits viele Christen, die vom Judentum fasziniert sind, mehr darüber wissen wollen und, obwohl der christliche Judenhass, so Much, stark abgenommen habe, dennoch Vorurteile hätten. Andererseits ist Much auch oft mit Juden konfrontiert gewesen, die durch ihr Unwissen das Judentum nicht verteidigen können. Diesen möchte er mit seinem Buch Argumente zur Diskussion liefern, will aber auch Vorurteile innerhalb des Judentums abbauen.

„Die Hauptgefahr ist für uns aber heutzutage der islamische Antijudaismus, der nicht neu ist, sondern eine gewaltige Tradition hat. Im islamischen Raum gab es schon seit jeher Pogrome mit tausenden von Toten, sogar im Goldenen Zeitalter in Granada.”

Dass er nicht das erste und wohl auch nicht das letzte Buch über das Judentum geschrieben hat, ist ihm durchaus bewusst. „Aber es ist das erste All-inclusive-Buch über dieses Thema. Es vermittelt theologisches Grundwissen, Feste und Traditionen, Judentum für Fortgeschrittene und für Christen und meine persönliche Perspektive.” Diese betrifft Themen wie den Status der Frau oder innerjüdisch umstrittene wie die Konversion zum Judentum. Auch die Frage „Wer killte Rabbi Jesus”, der Much schon einmal ein ganzes Buch gewidmet hat, wird in diesem „auch Nachschlagewerk”, wie der Autor es nennt, nochmals erörtert. Ein besonderes Anliegen ist dem bekennenden Zionisten Much aber auch die Aufklärung über den „Sündenbock Israel”, wozu er grundlegende Daten und Fakten liefert.

Fit für seinen engagierten Kampf gegen Vorurteile aller Art hält sich der in Baden bei Wien lebende Großvater von acht Enkeln mit ausgiebigem Sport wie Jogging, Tennis, Squash, Bergsteigen und Fußball. „Da war ich bis vor Kurzem in einer Mannschaft mit Hans Krankl.” 

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