
Wie verwandelt sich ein seriöser und respektierter Journalist in ein willfähriges Instrument rechtsextremer Medien und in ein Sprachrohr entsprechender Populisten? In einer Art literarischer Vivisektion rollt der israelische Schriftsteller Yishai Sarid diese Fallgeschichte in seinem zeitgeistigen Roman Chamäleon beispielhaft auf. Bei seinem kurzen Wien-Besuch traf ihn WINA in der Lobby eines Wiener Innenstadt-Hotels.
WINA: In all Ihren Romane nehmen Sie ganz aktuelle, brennende Themen der Gegenwart auf. War es zuletzt ein dystopisch anmutendes globales Hacker-Szenario, das sich bald als super realistisch erwies, scheint die Geschichte jetzt eher in der israelischen Gesellschaft verortet, berührt aber darüber hinaus auch ein weltweites Phänomen. Wie gelangen Sie an Ihre Stoffe, die so dicht am Puls der Zeit sind?
Yishai Sarid: Nun, ich bin Rechtsanwalt und als solcher mit vielen Menschen und Problemen konfrontiert, gehe aber immer von einem Charakter aus, den ich vor Augen habe und der mich aus einem menschlichen Blickwinkel interessiert. Vieles lässt sich auch auf persönliche Erfahrungen aus meiner Zeit als Soldat und Nachrichtenoffizier zurückführen. Menschen geraten in ihrem Berufsleben oft in extreme Situationen, die sie vorerst mit großem Pflichtgefühl lösen wollen, aber dann geraten die Dinge für sie außer Kontrolle.

Wie Ihr Protagonist Shai Tammuz, der sich immer tiefer in die Fänge rechtsextremer Netzwerke verstrickt. Hatten Sie ein reales Vorbild für ihn?
I Nein. Es basiert im Wesentlichen auf dem israelischen TV-Sender Channel 14, den ich im Buch den patriotischen Sender nenne, und dort lassen sich viele ähnliche Typen finden. Journalisten, Autoren, die früher irgendwie links oder Mitte links waren und die, um ihre stockende Karriere voranzutreiben, die Seiten wechselten und sich diesem Channel anschlossen. Da sich die israelische Gesellschaft immer mehr nach rechts entwickelt hat, ist es heute viel populärer, als Journalist auch rechts gerichtet zu sein. Rechtspopulistisch zu sein, gibt ihnen, nicht nur in diesem Sender, bessere Karrieremöglichkeiten. Natürlich ist das nicht schön, aber ich verstehe meinen Protagonisten.
Das heißt, Sie verachten ihn nicht, haben vielleicht sogar Mitleid mit ihm?
I Ja, ich habe Mitleid mit ihm, denn er war als Journalist ein kleiner Star in den 1990ern, und dann ging es mit seiner Karriere schrittweise bergab. Sein Gehalt wird reduziert, seine Frau liebt ihn nicht mehr so sehr, er muss über Theaterstücke schreiben, die niemanden interessieren. Das betrifft natürlich auch die kulturelle Welt an sich, die immer weniger wichtig wird, und die sinkende Bedeutung der Printmedien. Früher diskutierten die Leute über seine Kolumnen, jetzt ignoriert man sie. Es gibt neue Stars in Social Media, wo Shai es auch versucht, aber darin ist er nicht gut. Und er sieht, dass niemand mehr ausgewogene, komplexe, seriöse Meinungen hören will. Die Leute wollen Tratsch, Skandale und Gewalt, keinen literarischen Stoff, sagt ihm sein Herausgeber.
„Gerade jetzt erlebt man, was ohne
moralischen Kompass passiert.“
Spüren Sie das als Schriftsteller auch?
I Natürlich. Es gibt weniger Leser:innen. Literatur hat nicht mehr dieselbe Bedeutung wie vor einigen Jahrzehnten, sie ist darin so ähnlich wie die klassische Musik geworden. Menschen gehen zwar noch in Konzerte, aber es ist eine meist ältere Minorität. Es lesen natürlich auch Jüngere, aber insgesamt viel weniger als zuvor. Ich habe aber noch meine guten Leser:innen und sogar mehr als früher. Die meisten Verlage, allerdings nicht meiner, verlangen von ihren Autoren Geld, um sie zu publizieren, was schrecklich ist. Es ist aber nicht nur ein wirtschaftliches Thema, sondern hängt auch mit alten und neuen Eliten in Israel zusammen. Schriftsteller wie Amos Oz wurden wie große Propheten oder Priester der israelischen Seele verehrt, das gibt es nicht mehr. Menschen von rechts wie von links wollen überhaupt keine Autoritäten mehr, schon gar nicht, wenn sie männlich sind. Doch gerade jetzt erlebt man, was ohne moralischen Kompass passiert, deshalb finde ich diese Entwicklung umso bedauernswerter.
Im Buch benennen Sie viele Figuren mit ihren echten Namen wie etwa Jair Lapid. Netanjahu, seine Frau, sein Sohn und einige gut identifizierbare rechtsextreme Minister allerdings nicht. Wie wurde das in Israel, wo man ja mehr Insider-Wissen hat, denn aufgenommen?
I Was die Namen betrifft, hatte ich ein bisschen Spaß damit. Den Premierminister habe ich absichtlich nicht sehr spezifisch, eher allgemeiner gezeichnet, denn ich wollte kein Buch über Netanjahu schreiben, und ich denke, dass das geschilderte Phänomen nicht nur auf ihn, sondern auch auf andere Führungsfiguren in der Welt zutreffen kann. Mein Held hat ja Phantasien, mit Netanjahu befreundet zu sein, was natürlich unmöglich ist, da Netanjahu sich überhaupt nicht um andere kümmert, außer wenn sie ihm und seinem politischen Überleben nützlich sind.
Der Roman blickt zurück auf das Attentat auf Yitzhak Rabin und endet nach dem 7. Oktober, zwei der traumatischsten und folgenreichsten Daten der israelischen Geschichte. Betrachtet man Bücher, die danach in Israel erschienen sind, so scheint es, dass niemand nicht darüber schreiben kann.
I Als der 7. Oktober geschah, hatte ich etwa zwei Drittel des Romans schon fertig. Ich habe ihn dann für einige Monate beiseite geschoben, da ich nicht schreiben konnte. Ich wusste, der Krieg musste darin irgendwie vorkommen. Einige Kritiker sagen, Literatur muss abwarten und nicht sofort auf Ereignisse reagieren, aber meine Bücher nehmen oft sehr aktuelle Themen auf, geben tiefere Einblicke dazu und zeigen die psychologischen Mechanismen von Menschen in solchen Krisen auf, wie mir meine Leser:innen immer wieder bestätigen.
Wie an sich anständige Menschen ihre moralischen Werte opportunistisch aufgeben und immer manipulierbarer werden, ist aber ein Sujet, das nicht nur mit der aktuellen Situation zu tun hat.
I Ja, ein Beispiel ist Mephisto von Klaus Mann, das vor dem Zweiten Weltkrieg verfasst wurde und diese Zeit beschreibt, oder Der Konformist von Alberto Moravia, das in der Zeit Mussolinis spielt. Es gibt zwei Gründe für eine solche Persönlichkeitsentwicklung. Einer ist die Kränkung, die entsteht, wenn Menschen sich nicht wertgeschätzt, nicht wichtig und abgeschoben fühlen. Dieser Mechanismus treibt einen Charakter wie Shai an, nahezu alles zu tun, um wieder Bedeutung und Anerkennung zu erlangen. Der zweite Grund ist die Anziehungskraft starker Personen auf Menschen mit ihren kleinen Leben, die jemanden Großen und Mächtigen suchen, der sie irgendwie zu sich erheben kann. Das geht aber nicht, ohne die eigene Seele zu verkaufen.
Israel hat seit dem Gaza-Krieg weltweit ein massives PR-Problem, das auch den kulturellen „Export“ betrifft. Spüren Sie persönlich auch, dass Literatur aus Israel nicht mehr so rezipiert wird wie zuvor bzw. fühlen Sie sich selbst als Autor nicht mehr so willkommen?
I Ich habe sehr gute Verleger im deutschen, französischen und spanischen Sprachraum, aber man spürt es überall. Ich wurde früher zu vielen Literaturfestivals auf der ganzen Welt eingeladen. Das hat aufgehört und betrifft nicht nur mich. Deutschland und Österreich sind da noch Ausnahmen, dafür gibt es offensichtliche Gründe. In anderen Ländern sagt man mir, wir kennen und schätzen Sie, aber wir wollen keine Probleme bekommen.




















