„Das ist eine absolut ideologische Verblendung“

Diskurse, die seit Jahren schieflaufen, wurden im Gefolge des 7. Oktober 2023 vor allem in linken Debattenbeiträgen deutlicher sichtbar. Warum hält sich etwa das Narrativ von der Terrororganisation Hamas als Freiheitsbewegung so hartnäckig? Warum schweigen Frauenorganisationen zur sexuellen Gewalt an Israelinnen? Und warum wird der Hashtag #FreeGazaFromHamas von progressiven Gruppen eher vermieden? WINA bat die Soziologin Karin Stögner um eine Einordnung.

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Karin Stögner Die Soziologin verknüpft in ihrer Arbeit u. a. die Themen Antisemitismus, Sexismus, Feminismus und Identitätspolitik. © Akademie für Politische Bildung Tutzing_2022

WINA: Der Terror der Hamas am 7. Oktober in Israel umfasste nicht nur Mord und Folter, sondern bediente sich auch massiv sexueller Gewalt. Hier irritiert das Schweigen, teils sogar Verleugnen von Feministinnen beziehungsweise Frauenorganisationen. Wie ist das zu erklären?
Karin Stögner: Das Schweigen vieler Feministinnen zum Hamas-Terror ist skandalös, wenngleich für mich auch nicht ganz überraschend. Ich weiß seit Jahren, wie jene Teile der internationalen feministischen Community, die von der Boycott, Divestment, Sanctions-Kampagne beeinflusst und vereinnahmt sind, auf solche Dinge reagieren. Das nennt sich dann Queer BDS. Das Streben nach sexueller Selbstbestimmung, was ja das Bestreben von queeren Feministinnen und überhaupt von intersektionalem Feminismus ist, wird dem Streben nach nationaler Selbstbestimmung der Palästinenser untergeordnet. Aktivisten und

Aktivistinnen von Queer BDS geben das als einen gemeinsamen Kampf aus und merken nicht, dass sich diese beiden Seiten massiv widersprechen. Daher kommen auch die Schilder mit der Aufschrift „Queers for Palestine“ bei Demonstrationen. Die Vorstellung ist: Es kann keine individuelle Freiheit geben, solange Palästina als Kollektiv unfrei ist. Wenn Palästina erst frei sei, dann wären auch Frauen und LGBTIQ frei. Die antisemitische und misogyne Ideologie der Hamas oder des Islamischen Jihad wird schlicht ignoriert. Und so wird auch die Frage nach Freiheit und Emanzipation in Palästina gar nicht gestellt.

 

Warum wird diese Frage gar nicht gestellt?
I Man darf diese Frage gar nicht stellen, weil sie von Vorneherein als kulturimperialistische Frage definiert wird. Freiheit und Emanzipation seien westliche Werte und dürften nicht anderen, hier den Palästinenserinnen und Palästinensern, übergestülpt werden.

 

Ist es aber nicht absurd, dass Menschen – eben zum Beispiel Homosexuelle – hier für ein Regime demonstrieren, in dem sie wegen ihrer Sexualität getötet werden können?
I Das ist nicht nur absurd, das ist haarsträubend. Das ist eine absolut ideologische Verblendung, die wir aber auch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft sehen. Auch Frauen haben immer wieder gegen die Emanzipation gearbeitet und tun es noch. Auf Seiten der Aktivistinnen bestehen viel Unwissen und krasse Phrasendrescherei.

Nichtsdestotrotz gibt es einen ideologisch harten Kern, und der ist schlichtweg antisemitisch. Dieser Antisemitismus wird in einem Hass auf Israel ausagiert. Dabei sind Palästinenserinnen und Palästinenser keine konkreten Person mehr, sondern eine hoch idealisierte und hoch ideologische Projektionsfläche. Diese Projektionsfläche braucht man, um für das eigene antiwestliche Ressentiment, hinter dem sich eben auch Antisemitismus verbirgt, zu mobilisieren. Und diese Projektionsfläche muss widerspruchsfrei und rein gehalten werden, weshalb auch die sexuelle Gewalt der Hamas verleugnet wird. Das würde das verzerrte Bild des heroisierten Widerstandkämpfers stören.

Interessant ist dabei, dass Feministinnen normalerweise, wenn es um sexuelle Gewalt im Westen geht, die Definitionsmacht immer und ganz explizit beim Opfer sehen. Wenn das Opfer sagt, es war sexuelle Gewalt, dann war es sexuelle Gewalt, und niemand anders hat das zu bestimmen. Und nun stellen Proponentinnen des Queerfeminismus, darunter auch Judith Butler, die sexuelle Gewalt am 7. Oktober in Frage und meinen, es brauche mehr Evidenz. Das sind Double Standards, wie sie aus dem Antisemitismus bekannt sind. Völlig irrsinnig wird es, wenn diese extreme sexuelle Gewalt implizit als Teil eines Widerstands interpretiert wird. Das bietet ein Ausagieren aller möglichen sadistischen Gelüste im Westen, die man sich sonst nicht eingestehen möchte.

 

Bereits vor der Zäsur durch den 7. Oktober 2023 kam dieses Phänomen in einer öffentlichen Debatte über auf der documenta 2022 in Kassel ausgestellte Kunst zu Tage. Kuratiert wurde die documenta fifteen vom Kollektiv ruangrupa aus Indonesien. Zu sehen war unter anderem eine antisemitische Darstellung eines Juden. In der Diskussion, in der es viel um Kolonialismus ging, ging allerdings die Tatsache, dass es sich hier auch um Sexismus handelte, unter. Sie haben sich das Kunstwerk näher angesehen und analysiert.
I Bei der documenta-Debatte war auffällig, dass man zunächst Ausreden gesucht hat, wie etwa, dass man für Indonesien die Maßstäbe, die in Deutschland gelten, nicht anlegen könne. Zudem müsse Meinungsfreiheit gelten, und würde man hier eingreifen, würde die Meinungsfreiheit des globalen Südens pauschal eingeschränkt. Die Deutschen würden also ihre Vorstellungen, wie man Antisemitismus sehen solle und was alles Antisemitismus sei, über die Äußerungsformen des globalen Südens hegemonial drüberstülpen. Das kommt einer Provinzialisierung des Antisemitismus gleich und ist auch ein Versuch, den Antisemitismus im globalen Süden zu legitimieren. So funktionieren übrigens große Teile des postkolonialen Diskurses. In Bezug auf Antisemitismus wird verkannt, dass dieser immer schon global war.

Interessant bei der Debatte war aber eben auch, dass der Antisemitismus diskutiert wurde, der Sexismus aber nicht. Das Gemälde People’s Justice der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi zeigt eine Figur mit Schläfenlocken, blutunterlaufenen Augen, Reißzähnen und SS-Runen auf dem Hut. Das wurde berechtigterweise als Antisemitismus interpretiert. Diese antisemitische Figur ist aber auch umgeben von Frauenfiguren, die Lüsternheit ausstrahlen. Dieser Teil des Bildes ist in düsteren Farben gehalten und soll die dekadente Welt des Westens darstellen, die vor allem auf Konsum abziele, der seinerseits auf der Ausbeutung des globalen Südens basiere. Auf der anderen Seite, in erdigen Farben gemalt, sieht man die indigene Welt, in der die Familienstrukturen noch funktionieren. Den nährenden Müttern werden die lüsternen Frauen, die alles zerstören und die Welt in den Abgrund stürzen, gegenübergestellt. Und der Strippenzieher dahinter ist der Jude.

 

Warum kam dieser frauenfeindliche Aspekt, der sich mit Antisemitismus verbindet, medial kaum vor?
I Das erkennt man nur dann, wenn man Antisemitismus nicht als eine isolierte Ideologie neben anderen sieht, sondern als eine Ideologie, die sich Momente anderer Ideologien quasi einverleibt – etwa des Sexismus, des Rassismus, des Antimodernismus und der Geistfeindschaft. Der Antisemitismus enthält ein gesamtes Weltbild.

 

Das Mindset, dass Juden und Jüdinnen verkommen und lüstern seien, gab es auch im Nationalsozialismus. Können Sie da die Verbindungen aufzeigen?
I Das ist die Abwehr von Emanzipation, die in die Ablehnung einer freien weiblichen Sexualität mündet. Das ist im Nationalsozialismus deutlich. Das heißt nicht, dass der Nationalsozialismus keine Sexualität zugelassen hätte, aber immer nur im Rahmen eines bestimmten Regimes. Sexualität hatte zweckgerichtet den Volkskörper zu reproduzieren. Es ging nicht um Erotik, Lust oder individuelles Glück. Es ging überhaupt nicht um die Subjekte, sondern nur um den Fortbestand und die Ausbreitung des Volkskörpers. Frauen, die einer freien Sexualität anhingen, wurden daher als Volksschädlinge diffamiert. Frauen mussten also eingehegt werden, da von ihnen permanent eine Gefahr der Verunreinigung ausging. Hier sieht man auch eine Ähnlichkeit im islamistischen Umgang mit Frauen. Auch sie werden eingehegt, verhüllt, eingesperrt, überwacht.

 

Im Heute sind wir nun nach dem 7. Oktober damit konfrontiert, dass Israel ein Genozid vorgeworfen wird. Wie ist das einzuordnen?
I Das ist das aktuelle Masternarrativ, das bereits unmittelbar nach dem 7. Oktober aufgenommen wurde, als die Hamas selbst noch ihre genozidalen Angriffe auf Israel durchgeführt hat – genozidal deshalb, weil sie gegen Juden und Jüdinnen als Juden und Jüdinnen gerichtet waren und auf Vernichtung abzielten. Es ging nicht darum, einen politischen Gegner zu treffen, es ging darum, Juden und Jüdinnen umzubringen, sonst hätten sie ja kein linksgerichtetes Musikfestival und keine Kibbuzim überfallen. Wenn etwas genozidal war, dann die Angriffe vom 7. Oktober.

Und dennoch hat man eben schon am 7. Oktober auf Social Media den Aufschrei gehört, man müsse den Genozid in Gaza verhindern. Dieser Vorwurf kommt inzwischen ganz automatisch, es ist ein sehr eingespielter Diskurs, in dem es keine Rolle spielt, was Genozid eigentlich heißt. Der Krieg in Gaza fordert sehr viele zivile Opfer, und das ist grauenhaft. Nichtsdestotrotz ist dafür in erster Linie die Hamas verantwortlich, welche die Bevölkerung in Geiselhaft nimmt und ihre Kriegsinfrastruktur im Gazastreifen so ausrichtet, dass es gar nicht möglich ist, diese anzugreifen, ohne auch zivile Infrastruktur zu treffen.

„Und nun stellen Proponentinnen des Queerfeminismus, darunter auch Judith Butler, die sexuelle Gewalt
am 7. Oktober in Frage und meinen, es brauche mehr Evidenz. Das sind Double Standards, wie sie aus dem Antisemitismus bekannt sind.“

 

Warum wird die Hamas dafür aber gerade von progressiven Kräften im Westen nicht stärker in die Pflicht genommen? Es gibt zum Beispiel auf Social Media den Hashtag #FreeGazaFromHamas. Benutzt wird aber meist nur #FreeGaza.
I Zum Hashtag #FreeGazaFromHamas hat mir eine Aktivistin Folgendes erklärt – und da schließen wir auch an die documenta-Debatte an: Dieser Slogan werde abgelehnt, weil das ein neokolonialistischer Freiheitsbegriff sei. Wir hätten nicht zu entscheiden, wovon sich die Palästinenserinnen und Palästinenser befreien wollen. Wenn sie sagen, sie wollen sich von Israel befreien, haben wir ihnen Glauben zu schenken und ihnen in dieser Forderung zu folgen. Alles andere wäre ein neokolonialistischer, paternalistischer Akt. Die Gegenfrage, die man in diesem Zusammenhang stellen kann und muss, ist, ob diese Leute dann am 8. Mai die Befreiung von Deutschland und Österreich feiern würden oder ob das für sie auch ein kolonialistischer Freiheitsbegriff wäre, weil die Deutschen wollten sich ja nicht befreien lassen und die Österreicher genausowenig. Und genau da merkt man wieder die Double Standards, die hier angelegt werden – nebst einem massiven historischen Unwissen.

Unterm Strich bleibt: Die Hamas muss als Projektionsfläche für antiwestliche Ressentiments im Westen von jeglichem Widerspruch freigehalten werden. Und um dieses Narrativ aufrechtzuerhalten, wird sie als Freiheitsbewegung heroisiert. Daher muss man auch ausblenden, dass es sich um eine extrem brutale Form von Herrschaft handelt. Und man muss Palästinenser und Palästinenserinnen als einheitliches Kollektiv schmieden, die vorgeblich alle dasselbe wollen.

 

Das Narrativ des schlechten Westens – bezogen auf Ausbeutung, Konsum, Unterdrückung des globalen Südens – seitens progressiver Kräfte trifft auf das Narativ des schlechten Westens bezogen auf die Moral seitens islamischer und islamistischer Kräfte, allen voran seitens des Iran. Und bei der Projektionsfläche Israel/Palästina trifft man sich. Wie ist das zu erklären?
I Dass der Westen nicht nur gut ist, stelle ich hier einmal außer Frage. Der Westen hat auch tatsächlich Befreiungsbewegungen in postkolonialen Situationen – etwa in Afghanistan – immer wieder im Stich gelassen und falsch reagiert. Allerdings ist es eben schon so, dass ein ganz bestimmtes, sehr eingeschränktes antiimperialistisches Weltbild den Westen als nur böse, schlecht, dekadent darstellt und demgegenüber ein Bild des Globalen Südens zeichnet, das genau das Gegenteil ausdrückt. Hier wird ein realer Widerspruch einfach aufgelöst in hier gut, da böse. Argumentiert wird, es gehe im Westen nur um die Freiheit zum Konsum und damit in der Folge um eine Freiheit zur Ausbeutung und Unterdrückung anderer. Natürlich ist die Freiheit, für die der Westen steht, real eine beschränkte Form von Freiheit, und der Westen wird seinem eigenen Anspruch auf Freiheit allzu oft nicht gerecht. Diese realen Widersprüche in der Moderne hat die Kritische Theorie der Frankfurter Schule deutlich gemacht. Allerdings hat sie nicht der beschädigten Freiheit im Westen etwas vorgeblich Gutes und Reines im Islam entgegengesetzt. Bei manchen Feministinnen führen diese Widersprüche dazu, dass muslimischen Frauen unterstellt wird, sie würden gar keine Freiheit in unserem Sinn wollen, sondern sie würden Würde und Anerkennung ihrer besonderen kulturellen und religiösen Situation wollen. Dabei werden Frauen zu einem einheitlichen Kollektiv geschmiedet, in dem alle die gleichen Interessen hätten. Wie massiv patriarchal unterdrückt muslimische Frauen in konservativen muslimischen Zusammenhängen tatsächlich sind, soll gar nicht angekreidet werden. In solch einem Kulturrelativismus wird die Anerkennung einer marginalisierten Kultur oder Religion als Kollektiv über die Rechte derer gestellt, die in diesen Kulturen und Religionen leben.

„Es ging nicht darum, einen politischen
Gegner zu treffen, es ging darum, Juden
und Jüdinnen umzubringen, sonst hätten
sie ja kein linksgerichtetes Musikfestival
und keine
Kibbuzim überfallen.“

Führt das dann auch dazu, dass Proteste beispielsweise gegen Hinrichtungen von Homosexuellen im Iran, aber auch gegen die Folter und Ermordung von iranischen Frauen, die das Kopftuch verweigern, eher verhalten ausfallen?
I Genau das ist das Ergebnis von kulturrelativistischen Diskursen, die mittlerweile in vielen linken, progressiven, akademischen Zusammenhängen verbreitet sind. Damit verbunden ist eine Einschränkung von Kritik auf die vorgeblich eigene Kultur, während vorgeblich fremde Kulturen von Kritik ausgenommen sein sollen. Es geht also in erster Linie um die Anerkennung von Kultur oder Religion und nicht um Solidarität mit jenen, die sich wie die iranischen Frauen, die gegen das Kopftuch protestieren, gegen eine bestimmte Auslegung von Kultur und Religion auflehnen. Kulturrelativismus stellt die Universalität von Menschenrechten in Frage, da sie ihren Ursprung im Westen haben. Damit werden Frauen in nichtwestlichen Zusammenhängen die Menschenrechte vorenthalten. Das aber ist, zu Ende gedacht, rassistisch und antifeministisch. Und nicht selten verbinden sich solche Rassismen und Antifeminismen mit Antisemitismus – weil es eben um die Durchsetzung eines antiwestlichen Weltbildes geht.

 

Wie kann man da wieder herauskommen?
I Im Grunde bleibt nichts anderes, als wieder Komplexität in die Debatte einzubringen und, wie Theodor W. Adorno gesagt hat, sich von der eigenen Ohnmacht nicht irre machen zu lassen. Ich finde es nötig, hier zu intervenieren und offensiv antisemitismuskritische postkoloniale Theoreme zu entwerfen. Ich höre immer wieder von Studierenden, man müsse das krasse Leiden von Palästinensern und Palästinenserinnen berücksichtigen, und ja, das muss man, aber auf antisemitismuskritische Weise, die den ganzen Kontext sieht und gleichzeitig die Multidimensionalität von Herrschaft und die multiplen Ausgrenzungen von Menschen aufgrund unterschiedlicher zugeschriebener Identitätsmarker anspricht.

Ich bin mir sicher, dass nicht alle verlorene Antisemiten und Antisemitinnen sind und Aufklärungsarbeit greifen kann. Das zeigt sich am Diskurs in Deutschland und Österreich, der doch in weiten Teilen anders läuft als in den USA, wo BDS an progressiven Universitäten ein kultureller Code ist. An österreichischen und deutschen Universitäten identifizieren sich maßgebliche linke Studierendengruppen nicht so, sondern gehen antisemitismuskritisch an das Ganze heran. Und genau diese Kräfte gilt es zu unterstützen.

„Ich bin mir sicher, dass nicht alle
verlorene Antisemiten und Antisemitinnen sind und
Aufklärungsarbeit greifen kann.“

 

Was für Strategien schweben Ihnen dazu konkret vor?
I Man muss beispielweise aufzeigen, inwiefern Intersektionalität einen wahren und wichtigen Kern hat, und dann weiter, dass Antisemitismus selbst intersektional funktioniert. Antisemitismus ist eine Ideologie, die nicht nur als reiner Judenhass funktioniert, sondern auch immer wieder Momente von Sexismus, von Rassismus, auch von Nationalismus und Homophobie annimmt. Genau das haben wir bei den Hamas-Attacken gesehen, wie sehr diese Momente ineinandergreifen.

Man muss aber auch aufzeigen, dass es in der islamistischen Ideologie um zwei Momente geht: um die Vernichtung der Juden und Jüdinnen und um strikte Geschlechterapartheid. Dahinter steckt wiederum der Hass auf ein bestimmtes Bild des Westens, das mit Liberalismus, Aufklärung, Individualismus, Universalismus, Emanzipation, freier Sexualität etc. in Verbindung gebracht wird. Juden und emanzipierte Frauen stehen in diesen ideologisch verblendeten Zusammenhängen für den als ausschließlich böse wahrgenommenen Westen, und der Westen steht für das verhasste Judentum. Juden würden etwa traditionelle Communitys zerstören, indem sie Frauen dazu verleiten, sich zu emanzipieren und von der vorgeschriebenen Tugendhaftigkeit zu entfernen. In dieser Ideologie sind Juden permanente Unruhestifter.

Hier wird das intersektionale Ineinandergreifen von Versatzstücken unterschiedlicher Ideologien deutlich. Gerade das Intersektionalitätskonzept ist für viele sehr attraktiv, da es etwas Reales in unserer Gesellschaft benennt. Hier kann man ansetzen, indem man die antisemitischen Momente reflektiert und diese Momente zum Ausgangspunkt einer neuen, antisemitismuskritischen Intersektionalität nimmt.

 

Es geht also darum, eine adaptierte Analyseform anzubieten.
I Genau das muss man versuchen.

 

Wie kam es historisch zu den antisemitischen Momenten im Intersektionalitätsmodell?
I Intersektionalität ist wie „queer“ zum Schlagwort geworden. De facto ist es inzwischen häufig ein bloßes Alibi, um dahinter Israelhass, Antisemitismus und antiwestliches Ressentiment ausleben zu können. Historisch hat sich Intersektionalität in den USA in den 1970er-Jahren aus einer Bewegung von schwarzen Feministinnen entwickelt, den black feminists. Sie haben festgestellt, dass sie als schwarze Frauen in den Diskursen des Civil Rights Movement ausgeschlossen waren, weil diese von Männern dominiert waren, und dass in den feministischen Diskursen wiederum weiße Frauen im Mittelpunkt standen, dass sie also in einer Art ZweiFronten-Krieg standen. Das machte durchaus Sinn und benannte reale Ausschlussmechanismen. Allerdings waren in diesem sogenannten weißen Feminismus jüdische Frauen präsent, und gegen sie richtete sich in der Folge die Abwehr ganz besonders, sodass ab den 1980er-Jahren gerade jüdische Feministinnen, weil sie vorgeblich Weiße waren, marginalisiert und angefeindet wurden. Damals kam auch das Konzept der Whiteness ins Gespräch.

Verkannt wurde dabei, dass Antisemitismus in der amerikanischen Gesellschaft bis heute existiert und auch massiv diskriminierend war. Bis in die 1960erJahre hinein konnten Juden und Jüdinnen nicht einfach an allen Universitäten studieren. Es gab eigene jüdische Universitäten. Das wird aber einfach alles ausgeblendet. Die Juden hätten sowieso alles in der Hand, würden die Medien etc. kontrollieren. Im Black Feminism ist also ein impliziter Antisemitismus enthalten, der nie thematisiert und problematisiert und daher auch nicht reflektiert wurde. Und das wirkte dann in die intersektionale Theoriebildung hinein.

Damit kam es dann auch zu einer Gleichsetzung von jüdisch und weiß, während palästinensisch als black oder coloured gelabelt wurde. Hier haben tatsächlich krude Identifikationswege stattgefunden. Angela Davis, eine Ikone der schwarzen Frauenbewegung, hat zum Beispiel früh schon sehr einseitig Partei für Palästina ergriffen. Dabei geht es im Kern nicht um die Freiheit der Palästinenser und Palästinenserinnen, sondern darum, dass man Israel vernichten möchte.



KARIN STÖGNER
studierte an der Universität Wien Soziologie, Geschichte, Romanistik und Anglistik. 2014 promovierte sie mit einer Dissertation zu Antisemitismus und Sexismus. 2017 habilitierte sie sich an der Uni Wien, seit 2019 hat sie an der Universtität Passau den Lehrstuhl für Soziologie inne. In ihrer Forschung verknüpft sie die Themen Antisemitismus, Sexismus, Feminismus, Intersektionalität und Identitätspolitik. Sie ist unter anderem Autorin von Sexismus und Antisemitismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen (Nomos Verlag, 2024) und Koherausgeberin von Kritische Theorie und Feminismus (Suhrkamp Verlag, 2022).

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