200 Jahre Wiener Stadttempel – Staatsspitzen bei Festakt in der restaurierten Synagoge
Bewegende Momente Mittwoch Nachmittag im Wiener Stadttempel: Nachdem die Gemeinde bereits vergangene Woche die Wiedereröffnung der Synagoge und am Wochenende auch Rosch HaSchana gefeiert hat, gratulierte nun das offizielle Österreich. Bei einem feierlichen Festakt fanden sich allen voran Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) und Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) ein. Aber auch der Zweite Nationalratspräsident Peter Haubner (ÖVP), die Dritte Präsidentin Doris Bures (SPÖ), Grünen-Bundessprecherin Leonore Gewessler und NEOS-Klubchef Yannick Shetty sowie Vertreter anderer Religionsgemeinschaften nahmen an der Feierstunde teil, darunter der Linzer Bischof Manfred Scheuer sowie Generalsekretär Peter Schipka von der römisch-katholischen Kirche, die evangelisch-lutherische Bischöfin Cornelia Richter und der Vorsitzende der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Ümit Vural.

„Dieses Haus ist schöner als je zuvor. Es ist die weltweit schönste Synagoge. Dass ich nicht alle gesehen habe, ist heute nebensächlich“, sagte IKG-Präsident Präsident Oskar Deutsch merkbar stolz. Und er betonte die lange Existenz jüdischen Lebens hierzulande: „Das Judentum gehört zu Österreich, wie die Milch in die Melange.“ Der IKG-Präsident warf aber auch einen Blick zurück in die Vergangenheit. Den November 1938, damals zerstörten die Nationalsozialisten alle anderen Synagogen und Bethäuser in Wien, habe der Stadttempel nur aufgrund von Auflagen bei der Errichtung des Baus vor 200 Jahren überstanden. Die Synagoge habe von außen wirken müssen „wie ein gewöhnliches Zinshaus“. Im Heute prangerte Deutsch den wachsenden Antisemitismus an. „Der Hass verschwindet nicht. Er wechselt die Worte, die Chiffren. Und anstelle von ‚der Jude‘ wird heute oft Israel verunglimpft.“ Auch der scheidende Oberrabbiner Jaron Engelmayer beklagte in seiner kurzen Rede den erstarkenden Antisemitismus.
„Erneuerung bedeutet nicht, die Vergangenheit zu vergessen oder hinter sich zu lassen. Sie bedeutet, aus ihr Zukunft entstehen zu lassen“, betonte Bundeskanzler Stocker. Auch er erinnerte an die „dunkelsten Kapitel unserer Geschichte“, die ihre Spuren hinterlassen hätten. Aufgabe sei es nun, dafür zu sorgen, „dass Jüdinnen und Juden in Österreich sicher, sichtbar und selbstverständlich jüdisch leben können“. Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder offener auftrete, sei dies keine Selbstverständlichkeit.
Der israelische Botschafter in Österreich, David Roet, hielt kurz vor dem Festakt in einer Aussendung fest: „Der Stadttempel ist ein starkes Symbol für eine jüdische Gemeinde, die lebendig und stolz ist und entschlossen, hier ihre Zukunft zu gestalten. Die Wiedereröffnung des Stadttempels sendet eine starke Botschaft aus: Das jüdische Leben in Wien blickt auf eine stolze Geschichte zurück, hat eine lebendige Gegenwart und muss eine sichere Zukunft haben.“
Im Zuge der Restaurierung und Modernisierung des Stadttempels wurden der Brandschutz und die Barrierefreiheit verbessert sowie die Eingangsbereiche umgestaltet. Freigelegt wurde auch historische Bausubstanz, etwa der Boden unter der Bima aus Budapester Marmor. Die Baukosten von 10,5 Millionen Euro (inklusive der noch folgenden Renovierung des Gemeindezentrums, der Fassade sowie des Restaurants) wurden zu zwei Dritteln von der öffentlichen Hand finanziert, der Rest stammte aus Spenden.

(Stand: 16. 09. 26., 23 Uhr)

























