„Das Judentum ist nicht nur Tod“

David Losonci war einzig durch seine Familiengeschichte mit dem Judentum verbunden. Das will er nun ändern.

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© Anna Goldenberg

Die erste Israelreise bringt junge jüdische Menschen oft näher zu ihren Wurzeln. Auch bei David Losonci war das so, als er 2014 gemeinsam mit seiner älteren Schwester hinflog. Damals war er 25 und hatte sein Jus-Studium in Wien beendet. Die beiden besuchten Familie und sahen sich das Land an. Und dann? „Ich habe beschlossen, Österreicher zu werden“, sagt David. „Ich bin doch hier zuhause.“
Davids Mutter kommt aus der Slowakei, sein Vater aus Ungarn. Geboren wurde David in Bratislava; als er zwei Jahre alt war, kam die Familie nach Österreich. Bis vor einigen Jahren war David, der neben Deutsch fließend Ungarisch und Slowakisch spricht, ungarischer Staatsbürger. David ging in Niederösterreich auf öffentliche Schulen und war in nicht-jüdischen Kreisen unterwegs. Der einzige Bezug zum Judentum blieb die Familiengeschichte: Drei seiner vier Großeltern sind Holocaust-Überlebende. Mit ihren Schicksalen hat sich David in den letzten Jahren vermehrt beschäftigt und beispielsweise recherchiert, wie sein Großvater als 17-Jähriger aus einem ungarischen Ghetto in die Zwangsarbeit verschleppt wurde und dann einen Todesmarsch über die österreichische Grenze bis nach Oberösterreich überlebte, wo er von amerikanischen Truppen befreit wurde.

»Es gibt nicht den Prototyp Juden,
das sollen die Leute sehen.«

„Es ist gut, dass wir uns damit beschäftigten“, sagt David. „Aber das Judentum ist nicht nur Tod, sondern auch Leben.“ Nach diesem Leben sucht David, nicht zuletzt, weil kaum jemand weiß, dass es in ihm steckt. Seine Eltern, in kommunistischen Ländern aufgewachsen, praktizierten jüdische Religion und Kultur nicht. Seine Schulfreunde, seine Arbeitskollegen in dem Technologiekonzern, bei dem David als Unternehmensjurist arbeitet, sie alle wissen nichts von seinem Judentum. „Man soll’s nie sagen, wenn’s nicht notwendig ist. Also sag ich’s nie“, beschreibt David die Einstellung, mit der er aufwuchs. Das, erzählt er, kann durchaus auch belastend sein – schließlich gehört das Judentum trotzdem zu ihm.
Wie der jüdische Teil von ihm aussieht, das versucht David gerade herauszufinden. Weshalb er sich nach einigem Zögern zu diesem Interview bereit erklärte. Denn: „Es gibt nicht den Prototyp Juden, das sollen die Leute sehen.“ Sein nächster Schritt ist, mehr über die Religion zu erfahren. Synagogen kennt er nur als Tourist, die Inhalte sind ihm größtenteils fremd. Was für ein Umfeld wünscht er sich, um mehr zu lernen? „Das muss ich noch rausfinden“, erklärt er. Liberal soll es sein, denn Frauen nicht die Hand geben zu dürfen, kann sich David schwer vorstellen. Nachdenklich fügt er hinzu: „Ich müsste mal mit einem Rabbiner reden.“ Das hat er nämlich noch nie getan.

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