„Das jüdische Publikum war das treueste“

In seinem neuen Band Der Semmering. Eine exzentrische Landschaft legt Wolfgang Kos Geschichte und Schichten des legendären Luftkurorts frei.

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Wolfgang Kos, der ehemalige Direktor des Wien Museums, ist in seinem Unruhe-Stand auf den Berg seiner Jugend zurückgekehrt. © Christine Pichler/Die Presse/picturedesk.com

Über den Semmering hat Wolfgang Kos schon früh und viel publiziert. Bereits 1982 ist der gleichnamige Band mit dem Untertitel Kulturgeschichte einer künstlichen Landschaft erschienen. Ein ganzes Arbeitsleben später, in dem der Historiker unter anderem als Radiomacher und danach als Direktor des Wien Museums tätig war, ist er im Unruhe-Stand auf den Berg seiner Jugend zurückgekehrt und beschreibt nun die Nostalgie-trächtige Gegend von den Anfängen ihrer Erschließung durch die berühmte Ghega-Bahn chronologisch bin hin in die unmittelbare Gegenwart. Die Phasen der Besiedlung, die Geschichte der Hotelpaläste, die Gründerzeit im Villenbau und ihre schillernden Protagonisten, Glanzzeiten und Abstiege, Anachronismen, Extravaganzen und Kuriositäten, Mythos und Legenden rund um den späteren „Zauberberg“ und seine viel gerühmte Luft, all das präsentiert Wolfgang Kos mit der dem Sujet entsprechenden Eleganz. Der Flair dieses „Balkon von Wien“ verdankt sich zum Gutteil seinen jüdischen Besuchern, stellt Kos fest und resümiert: „Mit der Vertreibung der Juden war der Semmering auf Dauer beschädigt und starb einen seelischen Tod.“
Im Zwiegespräch über Buch und Berg treffen zwei Semmering-Fans aufeinander.

»Mit der Vertreibung der Juden war der Semmering auf Dauer beschädigt und starb einen seelischen Tod.«

 

WINA: Ist der Semmering für Sie so etwas wie eine „Lebensliebe“?
Wolfgang Kos: Nein, es war nie Liebe, ich hab’s mir ja nicht ausgesucht, sondern bin sozusagen hinein erzogen worden. Es gibt schon eine frühe Prägung, weil mein Vater gern Eisenbahn gefahren ist. Vor allem die Semmeringbahn hat es ihm angetan, die konnte er auswendig, wie die Viadukte heißen etc. Mir blieb als Kind nichts andres übrig, als das auch zu lernen. Meine Eltern haben dann am Semmering ein Appartement gekauft, wo ich in meiner Jugend gerne war. In den 1950er-Jahren war ja noch ein gewisser Glanz da, das Panhans hat sich als Nobelhotel präsentiert, Staatsgäste sind abgestiegen, und es war aus Wiener Sicht noch ein Stück große Welt. Ich habe also die Topografie und die Gschichterln gekannt und so auch den Mythos kennengelernt. Über den Schi-Club, bei dem ich als Jugendlicher war, habe ich auch Freunde gewonnen, aber ich hatte nie den Wunsch, mich dort als Zweitwohner anzusiedeln und auch kein Problem, der Gegend 20 Jahre lang untreu zu sein, denn treu war ich ihr ja nie.

Wie kam es dann zur neuerlichen Beschäftigung mit der Region und ihrer Geschichte?
I Schon für mein erstes Buch haben mich die historischen Schichten interessiert. Es ist dann später auch meine Dissertation geworden, denn mein ursprüngliches Dissertationsthema über die Entnazifizierung in Österreich musste ich aufgeben, das war damals nicht zu machen. Vor allem ging dieses Buch nur bis 1980 und die Landesausstellung 1992 überhaupt nur bis zur Arisierung 1938. Das war der Tod der ersten Semmering-Geschichte. Es ist aber seit den 1990er-Jahren unerhört viel bedeutende Literatur darüber erschienen, Architektur- und Eisenbahngeschichte und literarische Forschung, ein neuer Faktenberg also, und ich konnte die Kulturzeitgeschichte auch nach 1980 völlig neu recherchieren. 1998 wurde ja die Semmering-Bahn als Welterbe-Ort aufgenommen und ist damit weltberühmt geworden.

Wolfgang Kos: Der Semmering. Eine exzentrische Landschaft. Residenz Verlag, 384 S., € 34

Es gab in jeder Phase seiner Geschichte unterschiedliche jüdische Kreise, die den Semmering als temporären Wohnort in den Villen, als Gäste in den Hotels bevölkert haben. Ein Sehnsuchtsort blieb er für die meisten auch nach der Vertreibung und Arisierung. Was war das Faszinosum gerade für das jüdische Publikum?
I Es hat sehr stark mit der österreichischen Gesetzgebung ab 1870 zu tun, die Juden erlaubte, Grund zu kaufen. Wie an der Ringstraße waren es überproportional jüdische Großbürger, die Aristokraten hatten ihre Palais ja bereits, vielfach Aufsteiger, die zweite Generation nach den Firmengründern, die dann auch die Prachtentfaltung gesucht und ein kulturelles Interesse hatten. Relativ gleichzeitig zu dieser Selbstverwirklichungsmöglichkeit entlang der Ringstraße ist das Reichenauer Tal mit den ersten Villen besetzt worden. „Die Ringstraßenvorstadt Wiens“ war zuerst in Reichenau. Ich habe bei den einzelnen Villenbesitzern natürlich nicht in die Tiefe recherchiert, ob sie Juden waren oder getaufte Juden. Dass wir alle gezwungen sind, diese Frage zu stellen, hängt ja nur mit dem Nationalsozialismus zusammen, obwohl es manchmal soziologisch wichtig ist. In dieser auch kulturell expansiven Zeit hat die Schubkraft des jüdischen Großbürgertums in Wien auch die Dynamik in Reichenau und auf dem Semmering angetrieben.

Vorausgegangen ist diesem Boom aber der gigantomanische Hotelbau am Semmering mit den großen Hotelpalästen, in denen ebenso vorwiegend jüdische Gäste abstiegen.
I Ja, nach dem ersten Hotel Semmering 1882 sind bald einige Villen entstanden, und die Südbahngesellschaft hat es verstanden, dieses anfängliche Niemandsland schnell als Luxus zu vermarkten, als würde man eine neue Insel besiedeln. Da gab es keine Einheimischen, nur einige wenige Waldbauern, das meiste gehörte dem Fürsten Liechtenstein. Nach dem Südbahnhotel ist relativ bald das Hotel Panhans entstanden und dazwischen der Korso. In der nächsten Phase kamen dann sehr reiche Leute aus Wien, und besonders die um die Jahrhundertwende entstandenen Villen wurden fast durchwegs von jüdischen Bauherrn in Auftrag gegeben.

Das heißt, es gab dort eine jüdische Gründerzeit und Pioniere, die eine leeres Gebiet besiedelt und daher auch niemanden verdrängt haben. Ein einzigartiges Phänomen?
I Ja, denn da gab es keine Kirche, keinen Pfarrer, keinen Friedhof, es war auch kein Dorf. Als jüdischer Sommerfrischler am Semmering konnte man von null beginnen. Die Villenbesitzer, so viele sind es ja nicht, haben dort die Rolle der Aristokratie übernommen, die anderen mussten sich im Hotel einquartieren. Und der Semmering hat nicht zuletzt eine große Rolle als jüdischer Heiratsmarkt gespielt, zum Matchmaking, denn während der Sommerfrische konnten die Familien einander beobachten. Und auch nach dem Einbruch des Ersten Weltkriegs blieb das jüdische Publikum treu.

Nach 1945 kamen jüdische Gäste aus dem Raum der ehemaligen Monarchie, die den Mythos Semmering nur vom Hörensagen kannten, d. h. er hat den Krieg überlebt. Es gab ein relativ kurzes Revival, eine jüdische Jeunesse dorée etwa beim Five O’Clock Tea im Panhans, ein koscheres Restaurant etc., also eine kurze Blüte bis in die späten 1960er-Jahre. Man sieht es an den Semmering-Motiven der jüdischen Gesellschafts-Fotografin Margit Dobronyi. Angehörige meiner Generation haben sentimentale Erinnerungen an diese Phase. Warum kommt diese Zeit in Ihrem Buch zu kurz?
I Ich bin leider aus rechtlichen Gründen an kein Foto von Margit Dobronyi gekommen. Über die Periode der späten 1950er- und 1960er-Jahre habe ich auch zu wenig gewusst. Und für die Zeit von 1945 bis 1980 waren mir die politischen Themen wichtig. Aber ich fand die Geschichte der 1927 erbauten Hakoah-Hütte spannend, die nach dem Krieg nochmals jüdisch belebt wurde, nach der Arisierung und Restituierung. Ihre Geschichte ist gar nicht leicht recherchierbar. In den späten 1980er-Jahren hat niemand auf dem Semmering von der Hakoah-Hütte gesprochen.

Sie geben in Ihrem Buch einen relativ optimistischen Ausblick auf die Zukunft des Semmering, dessen Wachküssung ja schon oft ausgerufen wurde. Was erwarten Sie?
I Wie immer geben die Gebildeteren die Trends vor, und die entdecken den Semmering wieder. Es gibt eine neue Kultur der Nähe, und auch die Bahnkultur hat in den letzten Jahren wieder einen Aufschwung erhalten. Aber der jüdische Semmering, das ist vorbei. Das jüdische Publikum war das treueste, und von diesem Mythos lebt man nach wie vor. Ich sehe aber die Gefahr, dass diese jüdische Prägung des Semmering wie eine Folklore behandelt wird, ähnlich wie Wien um 1900. Das Jüdische ist ein Teil der DNA dieser Region, aber es bleibt in einer ungreifbaren Vergangenheit.

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