Das Museum des SSObersturmbannführers

Sehr spät, dafür sehr umfassend hat das „Haus der Natur“ in Salzburg seine Geschichte aufarbeiten lassen. Im Zentrum des nun im Studien Verlag erschienenen mehr als 800 Seiten starken Bandes steht das Wirken von Eduard Paul Tratz (1888–1977). Er begründete 1924 das für seine Zeit innovative Museum, gestaltete es in der NS-Zeit im Sinn der Rassenlehre ideologisch um und übernahm die Leitung ab 1949 wieder. Tratz stand dem Museum bis 1976 vor.

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Robert Hoffmann, Robert Lindner (Hg.): Ein Museum zwischen Innovation und Ideologie. Das Salzburger Haus der Natur in der Ära von Eduard Paul Tratz, 1913–1976. Studien Verlag, 840 S., € 49,95

Zwei im Nationalsozialismus verfolgte und im Konzentrationslager Dachau internierte Juden mussten ihren Schädel hinhalten und das ganz wortwörtlich: Von ihren Köpfen wurde Abformungen angefertigt. Als Modell für einen „Handelsjuden“ sowie einen „intellektuellen Juden“ reihten sie sich im Salzburger Museum in eine ganze Reihe so genannter „Rassenköpfe“ ein, die den Besuchern in der in der NS-Zeit geschaffenen „Rassenkundlichen Abteilung“ gezeigt wurden.
Diese „Rassenköpfe“ beauftragte der Museumsdirektor im Frühjahr 1939, unmittelbar nach der Eingliederung des „Hauses der Natur“ in das SS-„Ahnenerbe“. Eduard Paul Tratz hatte sofort nach dem „Anschluss“ an Hitler-Deutschland 1938 die Nähe zu den neuen Machthabern gesucht. Von „Selbstgleichschaltung“ spricht die nun erstellte Studie.
Sein Ziel: in die „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“ der SS eingegliedert zu werden, um mehr Ressourcen für das Museum zu erhalten. Dabei zog Tratz alle Register: Er wurde rasch Mitglied der NSDAP, trat in die SS ein und stieg nach und nach zum SS-Obersturmbannführer auf. Überzeugung scheint dabei weniger eine Rolle gespielt zu haben als der Wunsch, das Museum und damit auch sein persönliches Ansehen nach vorne zu bringen.
Noch befand sich das Haus zu dieser Zeit im Aufbau. Es stellte damals einen neuen Museumstyp dar: Nicht die Forschung stand im Mittelpunkt, sondern eine für Besucher perfekte Präsentation und eine Ausstellung, die nicht starr war, sondern immer wieder adaptiert und damit weiterentwickelt werden konnte. Gestützt durch die finanzielle Förderung des „Ahnenerbes“ konnte Tratz währen der NS-Zeit die Dauerausstellung weiter vervollständigen.

„[…] dass die Grenze zwischen opportunistischem
Handeln und ideologischer Überzeugung
allmählich fließend wurde.“
aus Ein Museum zwischen Innovation und Ideologie

Fertiggestellt wurden die Abteilungen „Pflanzenkunde“, „Forstwirtschaft“ und „Luft- und Wetterkunde“. Aktuelle Bezüge zum Nationalsozialismus flocht er ein, wo sie sich anboten, so die Studienautoren, „ob bei der Naturschutzgesetzgebung, im Jagdrecht oder in der Höhlenforschung. Tagesaktuell präsentierte er NS-Rückzüchtungsversuche und SS-Expeditionen“. 1941 wurde die „Eiszeitschau“ und 1943 die „Tibetschau“ eröffnet.
Die NS-Ideologie bildete sich am deutlichsten bei der bereits erwähnten 1940 eröffneten „Rassenkundlichen Abteilung“ ab. „Die drei neu gestalteten Ausstellungsräume standen in Verbindung mit drei Stützpfeilern der NS-Weltanschauung: der Überzeugung, dass die Gesellschaft biologisch determiniert sei, der daraus abgeleiteten eigenen Überlegenheit und der daraus folgenden Legitimierung der Unterwerfung der ganzen Welt mittels Wissenschaft und Krieg.“
Wirklich in die Tiefe ging Tratz dabei aber nicht, wie eine Analyse der in der Vergangenheit präsentierten Inhalte ergab. Die Ausstellung sei insgesamt zu breit und heterogen angelegt gewesen, um in eine in sich konsistente Ideologieschau transformiert zu werden. Beim „Rassenkundlichen Saal“ habe es sich daher um eine eher oberflächlich ideologisierte Darstellung von Grundlagen der Vererbung gehandelt, die zuvor schon im Kontext der Tierzucht abgehandelt worden war. „Typisch für die inhaltliche Neuausrichtung der Ausstellung war auch, dass sie sich nicht mehr im Duktus der Tafel- und Raumüberschriften ausdrückte, zum Beispiel bei der Rede vom ‚Lebensraum‘ und ‚Lebenskampf‘, als in tatsächlich neuen Ausstellungsinhalten und -exponaten.“ Bei den Veränderungen der Ausstellung zwischen 1939 und 1943 habe es sich daher insgesamt mehr um Interventionen und nicht um eine völlig neue Konzeption gehandelt. Allerdings: Es war auch nicht so, dass der Museumsdirektor der NS-Ideologie nichts abgewinnen hätte können. Er sei vielmehr überzeugt gewesen, dass sich seine individuelle Weltanschauung zu hundert Prozent mit der des Nationalsozialismus deckte. Aus seiner Sicht habe er sich daher nicht der NS-Ideologie untergeordnet, sondern fühlte sich in dieser bestätigt. 1943 veröffentlichte er im Verlag des „Ahnenerbes“ das Buch Natur ist alles. Der Band enthielt viele Abbildungen von Exponaten aus dem Museum und stellte Analogien zwischen der Tierwelt und der menschlichen Gesellschaft sowie einen Antagonismus zwischen einer negativen ökonomischen Naturausbeutung und einer positiven nationalsozialistischen Naturlenkung her.

Kehrtwende. Ein Jahr später, 1944, begann Tratz jedoch bereits vorsichtig auf Distanz zu gehen. In einem Vorwort zu einem neu erschienenen Museumsführer bezeichnete er das Haus der Natur als „einzigartige Stätte weltanschaulicher Besinnung auf naturwissenschaftlicher Grundlage“, nicht aber als nationalsozialistische Bildungsstätte. Das Wort „nationalsozialistisch“ kam in dem Buch überhaupt nicht vor. „Öffentlich wurde diese vorsichtige Kehrtwende jedoch nicht mehr, da die Publikation nicht gedruckt wurde.“
Im Zug der Entnazifizierung nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus wurde Tratz als Museumsleiter abbestellt und war bis August 1947 in den Lagern Glasenbach, Moosburg und Pupping interniert. Er wurde jedoch schließlich als „minderbelastet“ eingestuft und kehrte 1949 als Direktor des Hauses der Natur zurück. Bis 1976 sollte er das Museum schließlich leiten. Dabei zeigte er sich erneut sehr anpassungsfähig und bildete eine Brücke zwischen der alten Heimat- und Naturschutzbewegung und der neuen Umweltbewegung der 1960er- und 1970er-Jahre. Fazit der Studienautoren: „Tratz musste sich dafür nicht verändern. Er blieb bei seiner Überzeugung, dass sich die menschliche Gesellschaft an der Natur ausrichten müsse. Er untermauerte seine Auffassung nun mit den Argumenten des Umweltschutzes.“

Tratz sei also einer der „zahlreichen politischen Konjunkturritter und Wendehälse“ gewesen, die den Regimewechsel zum eigenen Vorteil nutzten. Seinen eigenen persönlichen „Anschluss“ habe er weniger auf der Grundlage einer festgefügten weltanschaulichen Überzeugung, sondern aus dem nüchternen Kalkül eines aktiven Opportunismus heraus vollzogen. Er sah die Gunst der Stunde für sich, aber auch für sein unter chronischer Finanznot leidendes Museum. „Die demonstrative Anpassung an die ideologischen Prämissen der nationalsozialistischen Weltanschauung, welche er in weiterer Folge insbesondere in einigen seiner Publikationen an den Tag legte, lässt allerdings den Schluss zu, dass die Grenze zwischen opportunistischem Handeln und ideologischer Überzeugung allmählich fließend wurde.“ Tratz’ Kooperation mit dem NS-Regime ging schließlich weit über das hinaus, was den Menschen damals abverlangt wurde.
Die traurige Erkenntnis nach Lektüre dieser umfassenden Studie: Einmal mehr wird hier der schlampige Umgang Österreichs mit der Entnazifizierung dokumentiert. Und einmal mehr zeigt sich hier eine Geschichte unliebsamer Kontinuitäten. Ein Mann konnte sich, um seine Karriere voranzutreiben, den Nazis andienen und sogar der SS angehören und dennoch Jahrzehnte über das Kriegsende hinaus erfolgreich Karriere machen. Sogar ein Preis wurde nach dem so lange umtriebigen Museumsdirektor benannt. Der „Eduard Paul Tratz Preis“ des Landes Salzburgs für naturwissenschaftliche Forschungen wurden jedoch nach der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit Tratz’ in „Haus der Natur Preis“ umbenannt. Ehrungen, die ihm zuerkannt wurden, darunter das Goldene Verdienstzeichen des Landes Salzburg sowie der Ring des Landes Salzburg, wurden ihm postum im Jahr 2016 aberkannt.

Zuvor hatte das Haus der Natur 2014 eine kritische Darstellung von Tratz’ Geschichte in einer Sonderausstellung mit dem Titel Das Haus der Natur 1924–1976 – Die Ära Tratz präsentiert. Inzwischen wurde diese zeithistorische Aufarbeitung in die Dauerausstellung des Museums integriert und in den Bereich der Tibet-Dioramen eingebettet. Die Tibetschau wurde in der NS-Zeit und anlässlich der von der SS mitfinanzierten Tibet-Expedition gestaltet. Die Entstehungsgeschichte dieser Schau sei zwar in historisch belastetem Kontext erfolgt, die Darstellungen würden jedoch „eine einzigartige, meisterhafte Präsentation des alten Tibet“ darstellen „und vermitteln keinerlei ideologischen Bezug der NS-Zeit“, heißt es heute auf der Seite des Museums. In zwei Jahren wird das Haus der Natur 100 Jahre alt. Sein Gründer hätte sich damals wohl nicht träumen lassen, dass er selbst einmal auch zum Thema in der Ausstellung würde – und wenn schon, dann als gefeierter und gewürdigter langjähriger Direktor und nicht als unliebsames Beispiel für einen Opportunisten, der nicht vor einer zerstörerischen Ideologie zurückschreckte, solange sie ihm nur zum Vorteil gereichte.

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