Die gebürtige Ungarin Éva Kovács ist Soziologin und stellvertretende Direktorin Wissenschaft am Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Holocaust- und Erinnerungsforschung, jüdische Identität in Osteuropa sowie Roma- und Sinti-Studien. Sie veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten und gründete das Archiv „Voices of the Twentieth Century“.
Das letzte Mal, dass ich Hoffnung für Europa gespürt habe, war …
Hm, in den vergangenen 16 Jahren habe ich im Grunde jeden Tag in der Hoffnung verbracht, dass Ungarn trotz der katastrophalen Europa-Politik Orbáns doch Teil der Europäischen Union bleiben würde. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich in den letzten 25 bis 30 Jahren an zahlreichen europäischen Forschungsprojekten teilnehmen durfte, und ich sehe, welch große Triebkraft die europäische Idee bei der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses hat. Dieses Erlebnis müssen wir auch der nächsten Generation ermöglichen, nun, da Ungarn das Recht auf Hoffnung am 12. April zurückgewonnen hat.
Das letzte Mal, dass ich stolz auf mein Geburtsland empfand,
war, als ich mitverfolgte, wie die europäische Presse den Nobelpreis von László Krasznahorkai feierte. Ich hätte nie gedacht, dass es so viele sensible Leser:innen für diese in unserer komplizierten Sprache verfasste und oft recht deprimierende Welt geben könnte. Meine Bekannten von Athen bis Oslo widmeten etwa einen ganzen Abend dem gemeinsamen Vorlesen von Krasznahorkais Werken, in einem Bus nach Southampton habe ich zufällig ein Gespräch mitgehört, in dem einer der Fahrgäste den Satanstango lobte – es hat mich bewegt, dass ein ungarischer „Nischenautor“ eine so innige Beziehung zur Welt aufbauen kann.
Das letzte Mal, dass mich etwas in Budapest überrascht hat,
war die 30. Budapest Pride Parade, die trotz des Verbots des Orbán-Regimes 300.000 Teilnehmende mobilisierte. Es war wunderbar, so viel Solidarität und Widerstandskraft unter den Menschen zu sehen.
Das letzte Mal, dass ich optimistisch war, dass auch der Antisemitismus in Ungarn eingedämmt wird, war, als ich noch als Gymnasiastin in Pécs wohnte. In dieser Stadt lebten viele ethnische und religiöse Minderheiten relativ sichtbar und friedlich zusammen. Ich war zutiefst enttäuscht, als ich Anfang der 1980er- Jahre als Studentin nach Budapest kam und mit der Spannung zwischen „Volkstümlichen“ und „Urbanisten“ (sprich: Juden und Jüdinnen) in den höchsten Intellektuellenkreisen konfrontiert wurde. Die Situation hat sich seitdem nicht verbessert, sondern sogar verschlechtert – zumindest laut zuverlässigen Umfragen. Und obwohl das Orbán-Regime in den Geflüchteten (die sogenannten „Migrant:innen“) seinen größten Feind sah, hat es wenig gegen Antisemitismus und Roma-Feindlichkeit unternommen.
























