Das Ungeheuer von T el Aviv und der gefundene Schatz

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Die Stadtplanung in Tel Aviv war nicht immer vorteilhaft. Doch manchmal verbirgt sich an architektonischen Schandflecken zwischen Schmutz und Verwahrlosung ein wahrer Schatz – wie die landesweit größte Sammlung an jiddischer Literatur in der „neuen“ zentralen Busstation.

Von Daniela Segenreich-Horsky

Die Verantwortlichen für die Tel Aviver Stadtplanung haben einige Bausünden zu verantworten, so etwa den verschandelten Dizengoff-Platz, der jetzt nach beinahe fünfzig Jahren wieder in seine ursprüngliche Form zurückversetzt wird. Oder den Atarim-Platz an der Strandpromenade, von dem Bürgermeister Lahat im zweiten Golfkrieg gesagt hat, er sollte am besten von einer Scud-Rakete getroffen werden. Auch das pittoreske alte Viertel von Neve Zedek wäre damals beinahe zu Gunsten von Hochhäusern niedergemäht worden. Doch bei Weitem führend in dieser Liste ist wohl die „neue“ zentrale Busstation. Die Tel Aviver nennen das monströse Gebäude im südlichen Stadtviertel von Neve Sha’anan voll Abscheu „HaMiflezet“ – das Ungeheuer. Und der Name passt: 44.000 Quadratmeter Boden verschlingt das Unding. Und in seinem Inneren liegt ein insgesamt 230.000 Quadratmeter umfassendes hässliches Labyrinth aus sieben teilweise unterirdischen Stockwerken mit unübersichtlichen Passagen, Parkplätzen und über tausend heruntergekommenen Geschäftslokalen, die zum Großteil leer stehen.

Bausünde.Tel Aviver nennen das monströse Gebäude der zentralen Busstation voll Abscheu „HaMiflezet“ – das Ungeheuer.

Architekt dieses Schandmals war niemand Geringerer als Ram Karmi, der im In- und Ausland gefeierte Meister, zu dessen Werken unter anderem das majestätische Gebäude des Obersten Gerichtshofs in Jerusalem gehört. Die zentrale Busstation ist wohl eher zu seinen „Jugendsünden“ zu zählen und scheint offiziell in der Liste seiner Bauwerke und in seinen Büchern nirgends auf. – Wohl mit gutem Grund: Die neue Anlage sollte die aus allen Nähten platzende alte Tel Aviver Busstation ersetzen. Baubeginn unter Ram Karmi war 1967, doch Budgetprobleme verschleppten den Bau, und das von den Tel Avivern als „weißer Elefant“ betitelte Projekt wurde erst beinahe drei Jahrzehnte später von zwei anderen Architekten fertiggestellt. Bereits kurz nach der Eröffnung 1993 war klar, dass die damals weltweit größte Busstation, die bis heute täglich von etwa hunderttausend Menschen bevölkert wird, extrem schlecht geplant, inadäquat und unwirtschaftlich ist. Die kompliziert angelegte Anlage mit ihren 29 Rolltreppen und 13 Liften ist völlig unübersichtlich, und einige der als Shoppingcenter vorgesehenen Stockwerke werden so gut wie nicht verwendet, während die übrigen Etagen überfüllt und die Bahnsteige und Zugänge viel zu eng sind.

In der Mitte von nirgendwo steht
man vor dem Eingang zu
Yung & Yiddish, der Bibliothek
mit der größten Sammlung an
jiddischen Büchern in Israel.

Wer hier um Hilfe schreit, wird nicht gehört.
„HaMiflezet“

Vor fünf Jahren meldeten die Eigentümer schließlich den Bankrott an. Heute tummeln sich im Inneren dieses „Ungeheuers“ in einem der ärmsten Viertel von Tel Aviv Drogensüchtige, Prostituierte, Taschendiebe und Obdachlose. Daneben bieten Fremdarbeiter aus den Philippinen und Flüchtlinge aus Afrika auf einer Art Markt im Erdgeschoss des Gebäudes ihre Waren an, hauptsächlich Textilien, Obst, Gemüse und ihre lokalen kulinarischen Spezialitäten. Es ist, als wäre man auf einem Straßenmarkt in Senegal und Manila gleichzeitig.

Kunst und jiddische Kultur.

Das Gelände wirkt vernachlässigt, schmutzig und abgenützt, ist teilweise überfüllt und an anderen Stellen leer wie eine Geisterstadt. Ein Mord und drei Vergewaltigungen sollen in den letzten Jahren hier stattgefunden haben: „Hier würde man gar nicht gehört werden, wenn man um Hilfe schreit“, verkündet Ajelet, eine der zahlreichen Fremdenführerinnen, die hier ihr tägliches Brot verdienen, indem sie Gruppen von Schaulustigen durch die Anlage führen. Im fünften, völlig abgelegenen und menschenleeren Stockwerk angelangt, entdecken die Besucher unerwartet einen künstlerischen Schatz – riesige Wandbilder, Graffitis, wo immer man hinsieht. Manche der hier vertretenen Künstler, wie Dede oder Neta Mintz, sind im In- und Ausland bekannt, andere sind völlig anonym. Es ist, als wäre man in einer großen Ausstellungshalle. Daneben dienen einige der kleinen leerstehenden Lokale als Kunstgalerien und werden von den Künstlern aus Geldmangel auch als vorübergehende Schlafstellen benützt.

Mendy Cahan hat ein kleines Universum des Jiddischen geschaffen, das wohl an das verlorene Paradies erinnern mag.

Und wenn man dann schließlich am allerletzten Ende des Nordflügels angekommen ist, sozusagen in der Mitte von nirgendwo, steht man vor dem Eingang zu Yung & Yiddish, der Bibliothek mit der größten Sammlung an jiddischen Büchern im Land. 50.000 Titel an jiddischer und übersetzter Literatur sowie Zeitungen und Magazine sind hier rund um eine kleine Bühne gestapelt, auf der Mendy Cahan, der Initiator dieses Unternehmens, ab und zu jiddische Klassiker, aber auch Jacques Brel und internationale Hits auf „Mamme Luschen“ singt.

Der Schauspieler, Übersetzer und Interpret von Chansons hat, nachdem er auf der Tel Aviver Universität Deutsch, Englisch und Französisch abgehakt hatte, den Charme der jiddischen Sprache entdeckt und war von dieser Kultur nicht mehr losgekommen: „Da hat sich mir plötzlich eine ganze Welt aufgetan“, sagt er heute. Er tauchte ein in diese Welt und hatte noch das Privileg, Schauspielunterricht bei den Großen des Jiddischen Theaters zu nehmen. So wurde der gebürtige Belgier zum Jiddisch-Spezialisten und machte vor zwei Jahren unter anderem als Übersetzer, Sprachcoach und Schauspieler beim preisgekrönten Holocaustfilm Schauls Sohn mit, in dem Großteils Jiddisch gesprochen wird.

In seiner Sammlung, die er vor etwa zehn Jahren in das kostengünstige Lokal in der Busstation übersiedelte, finden sich unzählige Schätze, etwa eines der ältesten erhaltenen Bücher in Jiddisch aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert, zwei illustrierte Ausgaben von Rudyard Kiplings Dschungelbuch aus den 1920er-Jahren, eine alte Anthologie der französischen Literatur und eine Übersetzung von Baudelaire ins Jiddische. Daneben Tagesblätter und Illustrierte vom Anfang des letzten Jahrhunderts, zahlreiche Platten, Kinderbücher und Spiele und sogar ein Monopoly-Spiel mit Anweisungen auf Jiddisch …

Einige potenzielle Besucher der Veranstaltungen von Yung & Yiddish lassen sich vom Labyrinth der Busstation mit ihren zwielichtigen Typen sicherlich abschrecken, aber Mendy Cahan sieht in dem Ort auch Vorteile: „Dieser Platz ist billig und groß und auch ein wenig wirr und exotisch. Und wenigstens ist hier inzwischen ein Fortbestehen der Sammlung möglich …“

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