Das Unverständliche verstehen

Die jüdische Welt tut sich seit dem 7. Oktober vor zwei Jahren schwer, all das, was da im Gefolge passierte und Juden und Jüdinnen weltweit betraf und betrifft, emotional nachzuvollziehen. Die Wucht der Ablehnung scheint schier unbegreiflich. Der 600 Seiten starke Band Projektiver Antizionismus beleuchtet hier nun verschiedenste Aspekte aus Vergangenheit und Gegenwart, die helfen, das Unverständliche zu verstehen. Was dem Politikwissenschafter Stephan Grigat und der Soziologin Karin Stögner hier gelungen ist: das Upside-Down der Narrative, das verquer Erscheinende so mancher Debatte zu entwirren und zu erläutern.

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Stephan Grigat, Karin Stögner (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober. Nomos 2025, 600 S., € 139 Open-Access-Version erhältlich unter: nomos-shop.de

Projektiver Antizionismus: Was ist darunter zu verstehen? Zionismus sei in nahezu all seinen Ausprägungen eine Reaktion auf den Antisemitismus, auf den europäischen, aber auch den arabischen und den muslimischen, schreiben Grigat und Stögner in ihrer Einleitung zu dem Band. „Mit diesem war die zionistische Bewegung schon in den Dekaden vor der israelischen Staatsgründung konfrontiert; schon deshalb kann er kein Resultat dieser Gründung sein.“ Der Begriff projektiver Antizionismus meine „einen sich gegen Israel richtenden Antisemitismus“, der eine geopolitische Reproduktion des klassischen Antisemitismus sei.

Israel fungiere dabei, wie der Historiker Léon Poliakov es formulierte, als „Jude unter den Staaten“. In dieser ideologischen Gemengelage diene der jüdische Staat als Projektionsfläche zum einen für die nicht begriffene Widersprüchlichkeit im Nationskonzept, zum anderen für den Umstand, dass der Staat und seine Institutionen nicht deckungsgleich mit seinen Bürgern und Bürgerinnen seien. „Einerseits erscheint der Staat Israel im projektiven Antizionismus als der Inbegriff des Künstlichen, Abstrakten und Unauthentischen, als eine ‚Entität‘, die gar kein ‚richtiger‘ Staat sei; andererseits sieht man im jüdischen Staat das verkörpert, was man bei sich selbst überwunden oder verloren gegangen glaubt: ein völkisch-ethnisches Gemeinwesen, das durch sein verstocktes Festhalten an seiner Partikularität dem universellen Weltfrieden im Weg stünde.“

Was Grigat und Stögner dabei klar stellen: Der projektive Antizionismus sei keine politische Gegenbewegung zum Zionismus. Er beruhe vielmehr auf dem „Gerücht über den Zionismus“. Damit werde die ideologische Legitimation für die Vernichtung Israels konstruiert. Und: Der projektive Antizionismus sei seit der Zäsur durch den 7. Oktober in seiner Vielschichtigkeit und Beweglichkeit die im Westen derzeit vordringliche Form des Antisemitismus.

 

„Die Verweigerung von Mitgefühl gegenüber
Jüdinnen und Juden ist dabei kein
neues Phänomen, sondern ein konstitutives
Moment des Antisemitismus und
seiner emotionalen Logik.“

 

Der neue Unwille zu trauern betitelte Stögner denn auch ihren Beitrag, der sich mit Antisemitismus nach dem 7. Oktober auseinandersetzt. Sie beklagt darin gleich eingangs, dass im westlichen Wissenschaftsund Kulturbetrieb das aktive Verdrängen des Hamas-Massakers unmittelbar nach dem Morden der Dschihadisten im Oktober 2023 eingesetzt habe. „Es waren noch nicht mal alle Toten identifiziert, da wurden an zahlreichen Universitäten in Europa und den USA in aller Eile Solidaritätserklärungen verfasst, die von tausenden Universitätsangehörigen unterschrieben wurden.“

Die Solidarität habe aber weniger den ermordeten Israelis und den verschleppten Geiseln gegolten. „Im Vordergrund stand das Bestreben, den barbarischen Akt der Hamas in eine Widerstandshandlung umzudeuten und Israel zu beschuldigen, einen Genozid in Gaza als Reaktion darauf zu planen beziehungsweise schon zu begehen. Den israelischen Opfern von Mord, Vergewaltigung und Folter wurde kein Verweilen bei ihrem Leid, keine Empathie zugestanden. Die Trauer blieb aus.“ Die Opfer- Täter-Umkehr war insgesamt rasch eingeleitet. Die ausbleibende Solidarität, auch von internationalen linken und feministischen Communitys wertet Stögner als „Manifestation des alten Schuldabwehrantisemitismus“.

Der Band Projektiver Antizionismus bietet insgesamt unzählige Aha-Momente dieser Art. Beleuchtet werden in vielen kurzen Beiträgen verschiedenster Experten unterschiedlichste Aspekte des aktuellen Antisemitismus.

Der Politikwissenschafter Matthias Küntzel beleuchtet beispielsweise den Antisemitismus der Hamas, der demnach auf den Antisemitismus des Nationalsozialismus zurückgeht. „Wir haben es hier mit einem Judenhass zu tun, den die Nazis im Nahen Osten ein gutes Jahrzehnt vor der Gründung Israels zu schüren begannen – einem Hass, der das antijüdische Ressentiment aus der Zeit des Frühislam nutzt und radikalisiert und der stets eher Ursache für die Gewalt im Nahen Osten denn eine Reaktion darauf gewesen ist. Dieser Hass richtet sich gegen alle Juden, egal wie sehr sie sich für das Einvernehmen mit Palästinensern engagieren, was bei vielen der am 7. Oktober Ermordeten der Fall gewesen ist; und er richtet sich gegen alles, was auch immer Israel tut.“

Jede Menge Lesestoff gibt es in dem Buch aber auch zu all den Phänomenen, die einem aktuell massiv begegnen: dem in Memes gegossenen Antisemitismus, der Rolle der UNO in Bezug auf Israel, Queer BDS – die Unterstützung der Boycott, Divestment und Sanctions-Bewegung durch die queere Szene oder israelbezogener Antisemitismus, der sich auf anti- und postkoloniale Theorie stützt. Der Blick in die Vergangenheit wiederum zeigt, wo die aktuellen Diskurse andocken. Beleuchtet werden der spätstalinistische Antisemitismus ebenso wie die jüdische Nakba oder deutsch-arabische Allianzen gegen Israel in der Nachkriegszeit.

 

„Wir haben es hier mit einem
Judenhass zu tun, den die Nazis
im Nahen Osten ein gutes Jahrzehnt
vor der Gründung Israels
zu schüren begannen.“

 

Die Antisemitismus-Forscherin Johanna Bach kommt in ihrem Beitrag zu dem Schluss: „Antisemitismus ist keine abgeschlossene, in sich konsistente Weltanschauung, keine individuelle Einstellung oder schlicht irrationaler Hass. Er ist eine dynamische und intersubjektive Praxis verfolgender, ‚moralischer‘ Empörung, die sich durch ein Ensemble meist flüchtig erworbener, gleichwohl stets identischer Verdächtigungen und Vorwürfe zu legitimieren versucht. Die Verweigerung von Mitgefühl gegenüber Jüdinnen und Juden ist dabei kein neues Phänomen, sondern ein konstitutives Moment des Antisemitismus und seiner emotionalen Logik, welche sich in antisemitischen Taten ebenso ausdrückt wie in den Reaktionen ‚unbeteiligter Dritter‘ auf diese. Während die emotionalen und affektiven Grundlagen des Antisemitismus aus den gesellschaftlichen Strukturen entspringen, bieten die aktuellen Konflikte im Nahen Osten eine ‚ideale‘ Projektionsfläche, um diese Gefühle zu konkretisieren.“

Das, was einem nach der Lektüre solch analytisch wichtiger Bücher wie diesem allerdings in den Sinn kommt: Jene, die Antisemitismus erkennen oder von diesem sogar betroffen sind, hilft diese Expertise, das Warum zu verstehen. Jene, die dem Antisemitismus anhängen, wird aber wohl auch dieses Werk nicht erreichen beziehungsweise wird das darin Festgehaltene schlicht angezweifelt und vom Tisch gewischt. Willkommen im postfaktischen Zeitalter.

 

 

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