Das „Vereinsmeiergen“ als beglückende Erbschaft

Die Hakoah-Aktivistin Ruth Fuchs erzählt von ihrem guten Leben – bei wöchentlichen Schwimm­abenden, im Hakoah-Museum, bei Hakoah-Reisen …

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Ruth Fuchs zählt sich zur goldenen Generation, kein Krieg, gute Jobs, keine Ängste … © Konrad Holzer

Sie muss noch rasch eine rauchen gehen und Lippenstift auftragen, für die Fotos.

„Ich sehe mir jedes an, ich bin sehr eitel”, warnt Ruth Fuchs. Aus ihrem Wohnort Mödling ist sie nach Wien zum Gespräch gekommen und hat den Termin mit einer Vorstandssitzung ihrer Hakoah verbunden.

„Die Hakoah war immer mein Leben. Wir haben das von meinem Vater mitbekommen, es ist eine Erbschaft, die wirklich das Leben erfüllt.”

Schon vor dem Krieg war Ruths Vater, Karl Haber, Schwimmer beim jüdischen Sportclub, in der Zeit seines Schweizer Exils führte er die St. Gallener Wasserballmannschaft erfolgreich zum Schweizer Meister, und gleich nach seiner Rückkehr begründete er die Wiener Hakoah neu. „Er hat sofort versucht, den Hakoah-Platz im Prater wiederzubekommen, der damals im Besitz des Finanzamts war. Die Restitution und Neueröffnung hat er leider nicht mehr erlebt. Es war unglaublich visionär, diesen Sportplatz für die so kleine jüdische Gemeinde zu errichten.”

In den Nachkriegsjahren waren die wöchentlichen Schwimmabende im Jörgerbad, Training und Schwimmbewerbe „ein Muss” für die beiden Haber-Kinder, und was dem älteren Bruder Paul an sportlichem Talent vielleicht fehlte, das habe er durch unglaublichen Ehrgeiz wettgemacht, erzählt die Schwester. Auch für den späteren Sportarzt Paul Haber waren Schwimmen und die Hakoah ein wesentlicher Lebensinhalt. Heute ist er deren Präsident. „Er ist überhaupt gerne Präsident.” Und das neue Sport- und Freizeitzentrum der Hakoah trägt, nicht zuletzt auf Betreiben der rührigen Tochter, den Namen Karl Habers.

„Auch das Hakoah-Museum ist mein Baby. Es war fast ein Gottesgeschenk, denn es hat alles auf wunderbare Weise zusammengepasst.” Das Timing gleich nach Eröffnung des Sportzentrums und kurz vor der Finanzkrise 2008, betrachtet sie heute als „Glücksfall”, denn damals gab es noch Subventionen. „Ich habe die ganze Welt angeschnorrt, und wir haben so viele Spenden bekommen.” Außerdem erhielt Frau Fuchs vom Jüdischen Museum, mit dem sie zusammenarbeitete, Material aus der abgebauten Hakoah-Ausstellung. „Die hätten ja alles weggeschmissen.”

Bereits als junges Mädchen organisierte Ruth Mitgliedsbeiträge für den Verein, heute ist sie dessen Schriftführerin. „Vereinsmeierin” zu sein ist für sie „ein glückliches Schicksal, denn es bringt unglaubliche Freude, wenn Leute sehen, dass man etwas mit Liebe macht.”

Hakoah-Reisen. Mit Liebe und Freude organisiert Ruth Fuchs auch seit rund 25 Jahren „Hakoah-Reisen”, und das nicht nur für Mitglieder. „Wir machen touristische Reisen mit jüdischem Einschlag, d. h. wir versuchen in jedem Land das Judentum näher kennenzulernen und jüdische Spuren zu verfolgen.”

Ziele sind Länder oder Gegenden in Europa, die noch nicht so überlaufen sind, wie etwa Bulgarien, das heuer auf dem Programm steht. Für nächstes Jahr ist Georgien geplant. „Wir sehen dabei vieles, das andere touristische Gruppen nicht sehen, und haben oft berührende Begegnungen, zum Beispiel in Czernowitz mit der jüdischen Gemeinde.”

Mit dem Reiseveranstalter Elite-Tours und dort wiederum mit der sehr engagierten und am Judentum interessierten Mitarbeiterin Victoria Klaus hat Fuchs eine ideale Partnerin gefunden. So konnten sie etwa in Deutschland die so genannten „SchUM-Städte” Speyer, Worms und Mainz besuchen, in denen sich im Mittelalter berühmte jüdische Gemeinden befanden.

»Es war unglaublich visionär,
diesen Sportplatz für die so kleine
jüdische Gemeinde zu errichten.«
Ruth Fuchs

„Es ist nicht unbedingt ein Pfadfinderausflug”, beschreibt Fuchs die Altersgruppe der Reisenden. Natürlich sind es, wie überhaupt meist bei Kulturreisen, größtenteils interessierte Pensionisten. „Sehr gebildet und teamfähig”, lobt sie. „Doch die Sitzplatzerstellung ist für mich das Schlimmste an den Reisen.” Nein, eine freie Platzwahl, das wäre unmöglich, „weil sonst die Leute streiten”. Als Königsidee ist ihr dazu eingefallen, die erste Reihe im Bus immer frei zu lassen. „Das ist psychologisch das Beste, denn die Menschen müssen nicht vorne sitzen, könnten es aber bei Bedarf.”

Jeder und jede ist natürlich willkommen, „wir haben keinen Anti-Arier-Paragrafen”, und koscher geht auch nicht. „Aber es gibt auf unseren Reisen kein Schweinefleisch.”

Quasi privat ist Ruth Fuchs auch viel auf Achse, einmal jährlich auf „Mädelstour” mit ihren ehemaligen Mitschülerinnen aus der Handelsakademie und öfter nach St. Petersburg, wo ihr Sohn mit seiner Familie jetzt für einige Jahre lebt. Die Fotos der beiden „schönsten Enkelkinder” zieht die stolze Oma mit geübtem Griff sofort aus der Tasche.

„Das Vereinsmeiergen hab’ ich an meinen Sohn Dani vererbt. Er war schon im Schomer und in der IKG aktiv und ist noch immer im Kultusrat engagiert, obwohl er zurzeit gar nicht in Wien ist.”

Dass sie ein durch und durch positiver Mensch ist, diesen Eindruck kann sie nur bestätigen.

„Ich bin sehr positiv und sehr mutig bis übermutig, und ich bin sehr neugierig, weil mich alles interessiert. Ich bin ja aus der goldenen Generation, kein Krieg, gute Jobs, wir konnten uns etwas ersparen und hatten keine Ängste. Es ist ein gutes Leben.” 

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