Das versteckte Herz

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Die Wiener Synagoge in der Seitenstettengasse im ersten Wiener Gemeindebezirk wurde in ein Wohnhaus integriert und blieb auf diesem Weg von größeren Zerstörungen verschont. Sie ist für Wiener Juden eine zentrale Einrichtung mit vielfältiger Bedeutung. 2026 feiert sie ihr 200-jähriges Bestehen.

 Von Viola Heilman

Für viele Wiener Juden hat der Wiener Stadttempel eine wichtige Rolle in ihren Erinnerungen. Die Synagoge war und ist viel mehr als ein Ort des Gebets. An den Hohen Feiertagen bietet der Stadttempel die Gelegenheit, mit Menschen zusammenzukommen, die man im Laufe des Jahres vielleicht nicht gesehen hat, sich aber freut, sie dort zu treffen. In der kleinen jüdischen Gemeinde Wiens kennt fast jeder jeden mehr oder weniger gut. Hier werden Geschäfte vereinbart, Neuigkeiten ausgetauscht, getratscht und die anderen mit kritischem Blick beobachtet. Für kleine Kinder ist die Synagoge Spielplatz, für die älteren ein Ort der Begegnung. Dass diese Aktivitäten im Stadttempel nicht immer leise verlaufen, lässt sich an der strengen Anmahnung in regelmäßigen Zeitabständen während des G’ttesdienstes durch den Oberrabbiner ablesen. Für einige Minuten wird es dann etwas leiser. 

Der Unterschied zu einer Kirche zeigt sich schon in der Herkunft der Worte. Beide stammen aus dem Altgriechischen. Das Wort für Kirche leitet sich von kyriakón ab, was so viel wie „dem Herrn zugehörig“ oder „Haus des Herrn“ bedeutet. Synagoge leitet sich hingegen von   ab und heißt übersetzt „zusammenbringen“ oder „Versammlung“. Während eine Kirche üblicherweise lediglich als Gebetsort dient, erfüllt die Synagoge eine umfassendere Rolle als Zentrum des religiösen und sozialen jüdischen Lebens. Eine Synagoge ist gleichzeitig G’tteshaus, Schule und Gemeindezentrum. 

Aus dieser Rolle heraus gibt es zahlreiche Anekdoten, die sich im Laufe der Jahre angeblich im Wiener Stadttempel zugetragen haben sollen. So ist es etwa Tradition, sich zu Rosch haSchana, dem jüdischen Neujahr, neue Kleidung zu kaufen. Zu den Hohen Feiertagen kleiden sich die Gemeindemitglieder und Besucher des Stadttempels besonders elegant und legen Wert auf ihr gutes Aussehen. Eine der regelmäßigen Besucherinnen griff zusätzlich in nicht nur eine, sondern wahrscheinlich zwei Schmuckschatullen, um jedes Jahr alles, was sie besaß, vorzuführen. Sie trug zu diesem Anlass mehr Schmuck, als sie groß war. Dafür war sie bekannt und geliebt.


Die Atmosphäre in der Synagoge schafft ein gemeinschaftliches, soziales und kulturelles Umfeld, das die Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellt.

Es gab einen bekannten Wiener Textilhändler, der am Ende von Jom Kippur nicht nur seiner Ehefrau, sondern auch anderen Damen jeweils eine rote Rose schenkte, die er ihnen in die Galerie im Obergeschoß der Synagoge brachte, wo Männer üblicherweise keinen Zutritt haben. Nach welchen Kriterien er die Damen auswählte, blieb sein Geheimnis.

Da zu Jom Kippur mehr als 24 Stunden nicht gegessen und getrunken wird, gehörte es zur Tradition, dass einige Frauen für ihre Sitznachbarinnen auf der Galerie der Synagoge einen traditionellen Honigkuchen (Leykach) für den Ausklang des Hohen Feiertags mitbrachten. Doch ein Kuchen war ganz besonders beliebt. Die talentierte Bäckerin verfeinerte ihren Honigkuchen mit Kakao! So wollten dann nicht nur ihre Sitznachbarinnen ein Stück, sondern so manche andere Dame viel weiter entfernter Plätze kam wie zufällig in die Nähe des schokoladig glänzenden Kuchens, um ein Stück zu ergattern. 

Technische Pannen treten auch in Synagogen auf und wie fast immer in den ungünstigsten Momenten. An einem der Hohen Feiertage fiel der Strom in der Wiener Synagoge aus. Der Vorbeter oder möglicherweise auch der Rabbiner wandte sich an die betende Gemeinschaft mit der Frage, ob ein Handwerker unter ihnen sei. Als sich niemand meldete, rief eine Frau von der Galerie: „Ein Arzt wäre einfacher zu finden.“ 

Doch nicht jeder Arzt wird von allen gleich eingeschätzt. Als während Jom Kippur eine Frau auf der Galerie aus Erschöpfung kollabierte, wurde im Parkett der Synagoge nach einem Arzt gerufen. Ein Gynäkologe begab sich nach oben, und als er dort eintraf, um der geschwächten Frau zu helfen, wurde er mit den Worten „Wir brauchen einen Arzt, keinen Gynäkologen!“ empfangen. 

Ein besonderes Missverständnis verursachte die Reaktion eines jungen Mannes, als er bei einem G’ttesdienst zum Vorlesen aus der Thora aufgerufen wurde. Sehr verunsichert gestand er dem Vorbeter, dass er nicht sehr religiös sei und nicht wisse, was er nun tun solle. Der Vorbeter sagte milde, „gib ein Bussi“. Der junge Mann zögerte nicht lange und folgte der Anweisung. Allerdings beglückte er damit den Vorbeter und nicht die vor ihm liegende Thora. 

Persönliche Verbundenheit. Die Atmosphäre in der Synagoge ist, wie die Anekdoten zeigen, nicht nur „religiös“. Sie schafft ein gemeinschaftliches, soziales und kulturelles Umfeld, das die Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellt und ihre Mitglieder wie eine Familie zusammenbringt. Innerhalb der Wiener jüdischen Gemeinschaft hat jedes Mitglied seine eigene „Synagoge“, mit der er oder sie sich persönlich verbunden fühlt und eine kulturell-gemeinschaftliche Zugehörigkeit verspürt, die durch Kleiderordnung, Sprache und Verhaltensnormen eine spirituelle Bedeutung erhält. Die Synagoge dient als Ort für alle Ereignisse und Werte des jüdischen Lebens, von Bar Mizwas bis zu Spendenaktionen und Kantorenkonzerten. Zu den Feiertagen und am Schabbat wird eine Kinderbetreuung angeboten, und zu den Festtagen werden gemeinsame Mahlzeiten organisiert. 

Ariel Muzicant,
Shmuel Barzilai,
Jaron Engelmayer,

Oskar Deutsch: 

200 Jahre Wiener
Stadttempel, 1826–2026.

Brandstätter 2026,
176 S., € 38

Im Verlauf der 200-jährigen Geschichte der Wiener Synagoge ereigneten sich auch bedeutsame historische Momente, die sogar eine wichtige Rolle für den Staat Israel spielten. Als am 3. Juli 1904 Theodor Herzl in Edlach an der Rax (NÖ) starb, wurde er zunächst auf dem Döblinger Friedhof in Wien bestattet. In seinem Testament hatte er festgelegt, dass er und seine Schwester, seine Eltern und vor allem seine Kinder ihre letzte Ruhestätte in dem von ihm angestrebten Judenstaat finden sollten. Mit der Gründung des Staates Israel konnte dieser Wunsch erfüllt werden. Vor der Überführung nach Israel am 14. August 1949 wurden die Särge von Theodor Herzl, seinen Eltern und seiner Schwester im Wiener Stadttempel aufgebahrt. Danach wurden sie nach Jerusalem gebracht und dort auf dem später nach ihm benannten Herzlberg in Westjerusalem beigesetzt. Auf dem Wiener Döblinger Friedhof blieb ein Ehrengrab.

Erschütternd und traurig waren die Terroranschläge, die am 22. April 1979 und am 29. August 1981 in und vor der Synagoge passierten. Beim ersten Anschlag ließ eine palästinensische Extremistengruppe im Hof der Synagoge ein halbes Kilogramm Plastiksprengstoff explodieren. Am 29. August 1981 verübten zwei schwer bewaffnete arabische Terroristen einen Anschlag auf den Stadttempel. Das Attentat fand nach einer Bar-Mizwa-Feier statt und forderte zwei Tote und rund 30 teils Schwerverletzte.

Die Synagoge in Wien spiegelt mit ihrer Geschichte wichtige historische und gesellschaftliche Ereignisse der Wiener jüdischen Geschichte wider. Sie veranschaulicht die lebendige und vielschichtige Natur des Judentums. Sie ist ein Ort des G’ttesdienstes, des Lernens und der Gemeinschaft. 2026 hat sie ihr 200. Jubiläum. Zu den Feierlichkeiten erscheinen eine reich bebilderte Jubiläumsbroschüre mit informativen Inhalten sowie eine Sonderbriefmarke. Das Buch 200 Jahre Wiener Stadttempel, 1826–2026 erzählt die facettenreiche Geschichte der Synagoge einschließlich ihrer einzigartigen Architektur, religiösen Praktiken und der bedeutenden Rolle der kantoralen Musik. Die Herausgeber Ariel Muzicant, Shmuel Barzilai, Jaron Engelmayer und Oskar Deutsch präsentieren darin die vielen Aspekte dieses spirituellen Zentrums des jüdischen Lebens in Österreich und das lebendige Miteinander der Gemeinde. 

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