„Dass jeder seine Identität definieren muss, spaltet die Gesellschaft.“‏

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Ruth Beckermann, für ihre Dokumentarfilme seit den frühen 1980er-Jahren bekannt, hat Sachbücher und Fotobände publiziert sowie Ausstellungen gemacht. Ihre Videoinstallation the missing image wurde am 12. März auf dem Albertinaplatz eröffnet. Redaktion und Fotografie: Ronnie Niedermeyer

WINA: Im Zentrum deiner neuen Installation steht eine Filmaufnahme, die in Wien unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs entstanden ist. Was war für dich schwerer zu verkraften, als du diese Bilder zum ersten Mal gesehen hast: dass Juden dazu genötigt wurden, auf allen vieren die Straße zu schrubben, oder dass die Bevölkerung sie auch noch dabei verhöhnte?

Ruth Beckermann: Beide Aspekte finde ich schrecklich und erschütternd, und zwar unabhängig der Tatsache, dass die Betroffenen Juden waren. Einerseits geht es hier um Demütigung: In dem Moment, wo Menschen auf die Knie gezwungen werden, sind sie schmutzig und erniedrigt. Das ist der Beginn der Ausgrenzung. Dann findet auch noch die Verhöhnung statt: Die Leute erfreuen sich daran, ihre Nachbarn im Dreck zu sehen. Diese Schmach war übrigens eine Erfindung der Wiener. Solche Szenen gab es im Deutschen Reich nicht, sondern ausschließlich hier bei uns.

Die Welt entwickelt sich durch Menschen, die Dinge an neue Orte bringen.

Wie bist du überhaupt zu diesem Filmmaterial gekommen?

❙ Als Alfred Hrdlickas Mahnmal gegen Krieg und Faschismus 1988 aufgestellt wurde, sind viele Juden nicht mehr über den Albertinaplatz gegangen, weil sie sich mit dieser Darstellung der Opfer nicht identifizieren konnten. Noch im gleichen Jahr schrieb ich in meinem Buch Unzugehörig darüber. Die Figur des am Bauch liegenden Mannes war schlichtweg schockierend: Erstens hätte man in dieser Körperstellung unmöglich den Boden waschen können. Zweitens wurde er als frommer, bärtiger Greis abgebildet, was ein Klischee ist. Und drittens fehlten eben die Peiniger.

Vor einem Jahr bemerkte ich bei einer Präsentation historischer Aufnahmen im Filmmuseum fünf Sekunden, wo ebendiese Menschenmenge zu sehen ist. Da dachte ich mir sofort: Das ist the missing image, damit will ich dieses Denkmal ergänzen! Mir ging es nicht um die Aussage, dass Juden die Straße reinigen mussten: Das Augenmerk auf die Täterseite zu lenken, fand ich weitaus spannender und wichtiger.

Aus dem Urmaterial haben wir Zooms auf die einzelnen Gesichter gemacht, Verlangsamungen und Schwenks eingeführt. So sind aus den fünf Sekunden eineinhalb Minuten geworden, die rund um die Uhr in einer Endlosschleife abgespielt werden.

Gleich nach deiner Promotion hast du einen Filmverleih gegründet. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

❙ Mit 18 arbeitete ich für den Trend und für die Zürcher Weltwoche als Journalistin, studierte gleichzeitig Publizistik und Kunstgeschichte und machte außerdem in New York eine Fotoausbildung. Als ich gerade mein Doktorstudium abgeschlossen hatte, organisierten sich die österreichischen Filmschaffenden zu einem Syndikat, um hier bessere Bedingungen für den Film zu schaffen. Es war eine von linken Bürgerbewegungen geprägte Zeit, in denen auch ich aktiv war. Mich reizte die Idee, politische Filme in dieses Land zu bringen, also gründete ich mit zwei Kollegen den Filmladen. Wir brachten Dokumentationen über Apartheid, über Nahrung von Nestlé, die Kinder in Afrika getötet hatte. Politische Gruppen haben sich diese Filme ausgeliehen, täglich gab es Vorführungen mit anschließender Diskussion. Engagement war mir wichtiger, als mich im L’art-pour-l’art-Bereich zu etablieren. Bis heute drehe ich Filme, weil ich damit etwas aussagen will.

Immer wieder werden auch jüdische Themen in deinen Projekten berührt. Wie definierst du selbst deine jüdische Identität?

❙ Jüdische Identität interessierte mich vor 25 Jahren, als noch kaum darüber gesprochen wurde und die Juden selbst möglichst nicht auffallen wollten. Da war es noch wichtig, Judentum sichtbar zu machen, inzwischen ist das aber nicht mehr relevant. Im Gegenteil finde ich diese ganze Identitätspolitik kontraproduktiv. Dass jeder seine Identität definieren muss – muslimisch, jüdisch, schwul, transsexuell – spaltet die Gesellschaft. Vielmehr interessiert mich, was Menschen tun, und ob ich mit ihnen gemeinsam etwas tun kann.

Auch die Themen Reise und Migration spielen in deinen Filmen eine große Rolle.

❙ Aber nicht nur geografisch, sondern vor allem im Sinne von Veränderung. Nicht umsonst heißt mein letzter Film Those Who Go Those Who Stay. Ich glaube, die Welt entwickelt sich vor allem durch jene Menschen weiter, die aus einem Ort etwas mitnehmen und es an einem anderen Ort wieder einbringen. In europamemoria habe ich Geschichten von Menschen gezeigt, die in Europa leben, aber nicht dort, wo sie geboren wurden. Und zum Großteil sind es gelungene Geschichten. Oft tut es zwar weh, das Zuhause zu verlassen. Aber wer in der neuen Umgebung weiterkommt, kann den Schmerz zu etwas sehr Produktivem umwandeln.

Vor deiner Haustür wurde eine große Steintafel aufgestellt, die an die Schoa erinnert. Wie geht es dir damit?

❙ Ich versuche, mir den Kopf nicht anzuhauen.

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