„Dem Leben nicht aus dem Weg gehen, aber es trotzdem nicht schleifen lassen.“

Leonard Bernstein, Komponist, Dirigent und Musikerklärer, wäre heuer 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass widmet Michael Horowitz dem faszinierenden Universalgenie eine liebevolle, faktenreiche und Wien-bezogene Biografie.

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Michael Horowitz, der Chronist großer Lebensgeschichten und kleiner Anekdoten. © Ela Angerer

Interview mit Michael Horowitz

WINA: Ihre erste Berufung fanden Sie bereits mit 16 Jahren, als Sie zu fotografieren begonnen haben. Als Journalist und Autor verfassten Sie Biografien über literarische Größen wie Heimito von Doderer, Egon Erwin Kisch, Karl Kraus sowie Helmut Qualtinger und H. C. Artmann. Warum jetzt ein Buch über den „Magier der Musik“, wie Sie Leonard Bernstein beschreiben?

Michael Horowitz: Weil ich Bernstein bereits 1972 zum ersten Mal gesehen und gehört habe und sofort von ihm fasziniert war. Mein Vater war ein berühmter Theaterfotograf und hat mich an diesem Abend, als Bernstein Mahlers 5. Symphonie mit den Wiener Philharmoniker dirigierte, in den Musikverein mitgenommen. Es war ein denkwürdiger Abend: Es gab ein Erdbeben in Wien, die Konzertbesucher liefen aus dem Saal, die Musiker begannen zusammenzupacken, aber Bernstein dirigierte komplett versunken in die Musik einfach weiter. Ich habe ihn später oft fotografiert, auch in Salzburg. Denn ich war nicht nur vom Musiker, sondern von Bernstein, dem Menschen, seiner vielseitigen Persönlichkeit und dieser unglaublichen Ausstrahlung begeistert. Und da ich es liebe, mich in das Leben von Menschen zu vertiefen, wollte ich ihn heuer zu seinem 100. Geburtstag würdigen.

Was ist Ihr persönlicher Bezug zur Musik?
Meine Mutter wurde in Berlin geboren, trotzdem war sie eine Besessene des wohl wienerischsten Komponisten: Ich bin mit Schubert aufgewachsen, denn meine Mutter hat den ganzen Tag seine Musik gehört, ich wurde ständig damit berieselt. Das ging mir damals ziemlich auf die Nerven, denn ich wollte nach der Schule die Rolling Stones oder die Beatles hören. Mein Vater hat mir auch Stefan Zweig und nicht Karl May zum Lesen gegeben, und meine Mutter war für Schubert-Musik im Hintergrund zuständig.

Sie haben das Buch Ihrem Vater Oscar gewidmet, dessen Vorfahren, ähnlich wie die Eltern Bernsteins, in einem Schtetl in Galizien aufgewachsen sind. Was wissen Sie über den jüdischen Teil Ihrer Familie?
Leider sehr wenig, weil viel verdrängt und wenig erzählt wurde. Das Jüdische in mir hat viel mit meiner Großmutter Dora, auch Deborah genannt, zu tun. Denn mein Vater, der 1919 in Stanislau geboren wurde, hat wie die meisten Juden, die in der Schoah gelitten haben, das Schlimme verdrängt. Die Familie kam Ende der 1920er-Jahre nach Wien und lebte in der Schiffamtsgasse, auf der so genannten Mazzesinsel. 1937 gingen mein Vater und seine Schwester, die Tante Pepi, in die Schweiz, die nächste Station war dann Frankreich. Meine Tante blieb bis zum Ende des Krieges in Paris, mein Vater hat sich nach einem Jahr zur Fremdenlegion gemeldet und war dann drei Jahre in Marokko und Algier. Dort hat er bei 40 bis 50 Grad Hitze Geleise gelegt und sich eine Blutkrankheit geholt, an der er 1975 mit 56 Jahren gestorben ist. Er kam gleich 1946 nach Wien zurück.

»Bernstein war ein wahrer Humanist. Er hat viele Jahrzehnte einen großen Teil seiner Gage an AI und die UNESCO gespendet.«

Hat die Familie in der jüdischen Tradition gelebt?
Mein Vater bekannte sich zum Judentum, hatte aber als überzeugter Antifaschist und Kommunist, er war bis 1956 Mitglied der KPÖ, nichts mit Religion am Hut. Mein persönliches Erleben von Judentum hing mit Tante Papi und ihrem Mann Mottl Krawetz zusammen, der relativ fromm war: Mit ihnen feierte ich immer Pessach, und einmal war ich auch in ihrer Laubhütte. Ich bin von jeder Religiosität weit entfernt, auch vom helvetischen Bekenntnis meiner protestantischen Mutter. Dennoch ist meine Jiddischkeit ein wichtiger Teil von mir, den ich fühle und lebe.

Die Art, wie Leonard Bernstein sein Judentum manifestiert hat, scheint Sie beeindruckt zu haben. Sie erzählen von den vielen Zeichen, die er gesetzt hat, z. B. als er 1948 aus den USA nach Israel flog, um das erste Konzert mit einer Sinfonie von Mahler am Mount Scopus zu dirigieren.
Ja, denn Bernstein lebte in einer Ambivalenz: Sein Vater war strenggläubig und wollte unbedingt, dass er sein Friseurbedarfsunternehmen weiterführt. Dass er damit nicht rechnen konnte, realisierte der Vater spätestens am 14. November 1943, als er mit seiner Frau und Lennys Bruder in der Carnegie Hall gesessen ist. Bernstein war in letzter Minute, ohne Proben, für den plötzlich erkrankten Bruno Walter eingesprungen und feierte einen riesigen Triumph. Das war Bernsteins internationaler Durchbruch, und der Vater wusste, dass sein Sohn Musiker werden musste.

Was war für Sie persönlich das Faszinierendste an Lenny?
Mehrere Dinge. Was die wenigsten Menschen wissen, hoffentlich wird das durch die Lektüre des Buches bekannter: Bernstein war ein wahrer Humanist. Er hat viele Jahrzehnte einen großen Teil seiner Gage an Amnesty International und die UNESCO gespendet. Er hat sich bereits in den 1960er-Jahren, in einem sehr puritanisch-rigiden Amerika, zu seiner Bisexualität bekannt. Das war damals sehr wichtig, um jungen Menschen Hoffnung zu geben, denn der Promifaktor war damals gleich wichtig wie heute. Und er war ein phantasievoller, emotionaler, kreativer Mensch, dessen Kerze wirklich an beiden Seiten brannte. Für ihn stimmte das. Egal, ob er bis vier Uhr durchgesoffen oder 100 Zigaretten geraucht hatte, am nächsten Morgen zur Probe war er pünktlich um 9 Uhr da und bestens vorbereitet. Er lebte nach dem Motto: „Dem Leben nicht aus dem Weg gehen, aber es trotzdem nicht schleifen lassen.“

Michael Horowitz:
Leonard Bernstein.
Magier der Musik.
Die Biografie.
Amalthea Signum,
240 S., € 25

Unverständlich war für mich sein Verhalten gegenüber ehemals aktiven Nazis, wie z. B. dem Solotrompeter der Wiener Philharmoniker Helmut Wobisch. Wie beurteilen Sie das, nachdem Sie sich so genau in sein Denken und Wirken eingelebt haben?
Da muss ich etwas ausholen: So wie man über den großen Romancier Heimito von Doderer sagen muss, dass er ein Nazi war, weil es so ist, meinte Hilde Spiel dazu: „Wenn er auch noch so ein Nazi war, was er geschrieben hat, gehört zum Größten der österreichischen Literatur.“ Ähnliche Aussprüche gab es auch von Marcel Reich-Ranicki über andere Schriftsteller. An der Nähe zu Wobisch, den Bernstein übrigens ‚my dearest Nazi‘ nannte, war eigentlich Marcel Prawy „schuld“: Auf sein Anraten organisierte Wobisch ein einwöchiges Bernstein-Festival im Rahmen des Carinthischen Sommers. Die Werke des Komponisten Bernstein wurden aufgeführt, und dieser war selig.

Die Skepsis gegenüber dem Amerikaner und Juden war bei den Wiener Philharmonikern auch präsent?
Bernstein hat bereits 1947 in München dirigiert und gewusst, dass fast alle Nazis waren, die im Orchester saßen. So ähnlich erging es ihm auch mit den Wiener Philharmonikern. Die europäischen Orchester wollten sich auch nicht vorstellen, dass gerade ein Amerikaner ihnen zeigen sollte, wie man Wagner oder Strauss spielt. Aber als Bernstein mit ihnen zu arbeiten begonnen hat, die Art, wie er die Musiker packte und mit sich hineinzog, änderte alles: Es wandelte sich nicht nur in Wertschätzung, sondern in echte Zuneigung. Bernstein selbst wollte in Europa und auf der ganzen Welt dirigieren, spielen und Erfolg haben. So entschloss er sich zu verdrängen, so wie wir alle das gelegentlich tun.


Leonard Bernstein wurde 1918 in Lawrence, Massachusetts, geboren. Sein Vater Sam war sechzehnjährig aus Równo, heute Ukraine, nach Amerika eingewandert und hatte nach mühsamen Arbeitsjahren, u. a. bei dessen Onkel, in Boston eine eigene Kosmetikfirma gegründet. Bernsteins Mutter Jennie kam als siebenjähriges russisches Mädchen nach Amerika. Die Eltern lebten strenggläubig. Als Kind lernte Lenny Klavierspielen; nach seinem Schulabschluss studierte er an der Harvard-Universität, wo er neben den Musikfächern auch Vorlesungen in Philosophie, Ästhetik, Literatur- und Sprachwissenschaft besuchte. Bernsteins große Stunde als Dirigent schlug, als er am 14. November 1943 kurzfristig für den plötzlich erkrankten Bruno Walter einspringen musste. Ab 1945 war er Chefdirigent des New York City Symphony Orchestra. 1958 ernannten ihn die New Yorker Philharmoniker zu ihrem Musikdirektor. Zu Bernsteins Pionierleistungen zählte in den 60er-Jahren die erste Einspielung aller Sinfonien von Gustav Mahler. Er war regelmäßiger Gastdirigent der Wiener Philharmoniker, trat 1959 erstmals bei den Salzburger Festspielen auf und debütierte 1966 an der Wiener Staatsoper. 1987 wurde er Ehrenbürger Wiens.
Bernstein komponierte u. a. drei Symphonien (Jeremiah, The Age of Anxiety, Kaddish); weltberühmt wurde sein Broadway-Musical West Side Story. Leonard Bernstein starb 1990 in New York. Mit seiner Frau Felicia hatte er drei Kinder.

 

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