Dem Vergessen entreißen

Gerne werden im Rückblick jüdische Kulturgrößen, Wissenschafter, Industrielle und Wirtschaftstreibende, aber auch Mäzene gefeiert. Doch der Blick in die Geschichte zeigt eine weitere Gruppe von Juden und Jüdinnen, die Vorreiter waren: Sie engagierten sich in der Arbeiterbewegung. Die bisherige Forschung dazu konzentrierte sich auf einzelne prominente Akteure wie Victor und Friedrich Adler, Otto Bauer oder Käthe Leichter. Nun sieht sich ein Projekt des Instituts für historische Sozialforschung (HSF) der Arbeiterkammer Wien den Beitrag jüdischer Aktivisten und Aktivistinnen aus einer umfassenderen Perspektive an.

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Arbeiterunruhen in Wien 1890: Am 8. April dieses Jahres streikten die Wiener Maurer. © akg-images / picturedesk.com; Sammlung Hubmann / brandstaetter images / picturedesk.com

Sie engagierten sich als Betriebsräte, in Gewerkschaften, politisch in der Sozialdemokratie oder der Kommunistischen Partei, in der Arbeiterkammer, in teils nur kurz bestehenden Vereinen und Organisationen, aber auch in dezidiert jüdischen Kontexten wie der zionistischen Arbeiterbewegung Poale Zion: Jüdische Aktivisten und Aktivistinnen der Arbeiterbewegung, skizziert der Historiker Dieter J. Hecht im Gespräch mit WINA das breite zu untersuchende Feld des Projekts, das er gemeinsam mit Tobias Rainer und Florian Wenninger, dem Leiter des HSF, verantwortet. Ja, so eine Forschungsarbeit habe viel mit dem Nachzeichnen von Biografien zu tun, sagt Hecht, dennoch wird am Ende nicht ein lexikalisches Nachschlagewerk zum Who’s who der jüdischen Vertreter der Arbeiterbewegung stehen. „Natürlich muss man im Rahmen der Erforschung so eines Themas biografische Daten erheben und auswerten. Uns geht es aber vor allem darum, dass es auch eine zweite und dritte Reihe von Personen gibt, die wichtig für die Arbeiterbewegung waren. Und es geht um die großen Linien und, ja, auch um Kontinuitäten.“

Ansehen wollen sich die Historiker rund 100 Jahre Geschichte der Arbeiterbewegung, beginnend mit 1870. Rund zwei Jahre haben sie bereits in Vorrecherchen investiert, nun wird das konkrete Projekt mit einer dreijährigen Laufzeit beim Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) eingereicht. Dann werde es darum gehen, neue Quellen zu erschließen, Personen auf Fotos zu identifizieren, aber auch Querverbindungen zu bereits bekannten Dokumenten herzustellen. Gefragt zur Hochzeit jüdischer Aktivisten im Kampf um Rechte für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, macht Hecht zwei Höhepunkte aus: vor dem Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit, nicht zuletzt im Roten Wien.

Der Beginn dieses Kampfes war allerdings dornig und oft mit Verhaftung und Gefängnis verbunden, erzählt der Historiker. „Da finden wir dann in Polizeiakten Namen, aber mehr nicht.“ Zufallsfunde wie jener der Historikerin Anna Staudacher in einem Budapester Archiv, wo ihr die Memoiren von Hermann Prager unterkamen, erlauben es, die Menschen hinter Namen nachzuzeichnen. Prager (1851 bis wahrscheinlich 1902) steht für die erste Generation von Aktivisten. Er stammte aus Gattendorf (damals in Ungarn, heute im Burgenland) und trat 1870 dem neu gegründeten Wiener SchneiderFachverein bei. Er sprach in der Folge auch bei Versammlungen in Salzburg und Innsbruck und zog schließlich nach Steyr, wo er zum Obmann des dortigen Arbeitervereins gewählt wurde. Er wurde immer wieder verhaftet und schließlich in den 1880er-Jahren zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Auch nach seiner Entlassung stand er jahrelang unter polizeilicher Beobachtung und zog schließlich nach Budapest, wo er eben seine Lebenserinnerungen zu Papier brachte.

Oft sei erst im Rückblick auf Grund von
Flucht oder aber auch Ermordung klar,
dass ein Aktivist oder eine Aktivistin
jüdisch gewesen sei.

 

Die Historikerin Brigitte Pellar arbeitete schon vor einigen Jahren daran, jüdische Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen zu identifizieren. 2017 veröffentlichte sie in einer Festschrift des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW) den Beitrag Organisatoren, Kommunikatoren, Kämpfer. Juden als Funktionsträger der Freien Gewerkschaften – eine erste Skizze. Darin stellte sie auch die Frage, warum bis dato wenig bis nicht an den Beitrag jüdischer Aktivisten erinnert werde. S

ie hielt dazu fest: „Die Einschätzung Staudachers, die mangelnde Erinnerung an den Beitrag von jüdischen Aktivisten zur Entwicklung der frühen ArbeiterInnenbewegung sei wahrscheinlich der ‚Befürchtung, man könne dadurch der Sache schaden‘, zuzuschreiben, trifft für die Erste Republik durch die von Organisationen herausgegebenen Gewerkschaftsgeschichten sicher zu. Angesichts des Gesellschaft und Politik beherrschenden Antisemitismus sollten die Freien Gewerkschaften nicht mit dem negativen Image des ‚Jüdischen‘ belastet werden.“

1.-Mai-Feier auf dem Wiener Rathausplatz um 1925, fotografiert von Albert Hilscher. © akg-images / picturedesk.com; Sammlung Hubmann / brandstaetter images / picturedesk.com

Eine Frage der Definition. Für die Zweite Republik sei Staudachers Befund allerdings als alleinige Erklärung zu hinterfragen, meint Pellar in ihrem Beitrag. Der überparteiliche ÖGB sei im politischen System stabil verankert gewesen, „selbst politische GegnerInnen wären nicht auf die Idee gekommen, ihn als ‚jüdisch gesteuerte‘ Institution zu bezeichnen, und Antisemitismus als politisches Konzept war ‚out‘“. Ressentiments gegen Juden und Jüdinnen hätten aber weiterhin bestanden. „Um den jüdischen KollegInnen die Folgen solcher ‚Ressentiments‘ zu ersparen, war es in der Gewerkschaftsjugend der 1960er-Jahre verpönt, die jüdische Identität von Kollegen und Kolleginnen anzusprechen“, zitiert Pellar Franz Mrkvicka, den ÖGB-Jugendsekretär im damaligen Jahrzehnt.

 

Wenn man heute durch Wien gehe,
stoße man immer wieder auf nach Juden oder Jüdinnen benannte Gemeindebauten.
Nur wisse
niemand von ihrer jüdischen Identität.

Ebenso habe für die historischen Vorbilder der Grundsatz gegolten: Geschlecht, Aussehen, Religion und kulturelles Umfeld hatten kein Thema zu sein, entscheidend war nur der Beitrag für die Organisation. Daher kam Pellar zum Schluss: „Beides – Rücksichtnahme auf Ressentiments gegen Jüdinnen und Juden und das Bemühen, den Gleichheitsgrundsatz zu leben – ließ die Erinnerung an die jüdische Identität oder Herkunft wichtiger Gewerkschafter verschwinden.“ Das Gedenken an die Opfer des NS-Terrors aus den eigenen Reihen sei zwar fester Bestandteil der ÖGB-Organisationskultur, aber im Zentrum stand und stehe dabei fast durchwegs ihre Rolle als Gegner des Faschismus.

Insofern stellt sich nun auch für das Historikerteam des Instituts für historische Sozialforschung die wichtige Frage, wie eine Person im Kontext der Arbeiterbewegung von ihnen als jüdisch identifiziert wird. „Wir haben lange darüber diskutiert – wie kann man das definieren?“, sagt dazu Hecht. Ziehe man als Kriterium nur die Mitgliedschaft in der Kultusgemeinde heran, grenze man den Personenkreis zu sehr ein. „Es gab viele Personen, die zwar konfessionslos waren, sich aber als Juden sahen.“ In der Sozialdemokratie sei beispielsweise die Abkehr von Religion gewünscht gewesen. Andere in der Arbeiterbewegung Engagierte hätten wiederum gesagt, ihr Judentum sei für sie nicht wichtig gewesen. Doch mit der Zäsur durch den Nationalsozialismus, durch die Shoah, habe sich das dann auch geändert. „Dann werden plötzlich auch Mitglieder der Arbeiterbewegung verfolgt, die vorher gesagt haben, sie sind keine Juden, oder die sogar getauft waren“, so Hecht. Da sei es dann auch ganz stark um die Wahrnehmung von außen gegangen. Oft sei erst im Rückblick auf Grund von Flucht oder aber auch Ermordung klar, dass ein Aktivist oder eine Aktivistin jüdisch gewesen sei.

„Wir haben uns daher entschlossen, das sehr breit anzulegen“, erklärt der Historiker. Man habe sich also angesehen, wer war Mitglied der Kultusgemeinde, wer nicht, aber kam aus einer jüdischen Familie, wer hatte nur einen jüdischen Elternteil – Vater oder Mutter –, wer wurde von der Außenwelt als jüdisch wahrgenommen. Spannend seien hier auch Interviews und Lebenserinnerungen von Betroffenen aus den Nachkriegsjahrzehnten, erzählt Hecht. „Man spricht erst ab den 1970er-Jahren über die eigene jüdische Identität oder Verfolgung. Davor war das eher tabu oder es fielen nur einzelne Sätze, wie zum Beispiel, der Hebräisch

Der 1. Mai 1894. Lithografie von Friedrich Carl Kaskeline in der Österreichischen Maizeitung dieses Jahres. © akg-images / picturedesk.com

Unterricht in der Kindheit sei schwierig oder mühsam gewesen. Und in einem fünf Jahre später geführten Interview gab ein Betroffener dann vielleicht schon mehr preis. Da ging es immer auch um den Kontext, also wem sagt man was, wie wird das dann wahrgenommen oder kann wahrgenommen werden.“

Denn, auch das muss betont werden: Auch von Gewerkschaften oder der sozialdemokratischen Partei wurden vertriebene jüdische Aktivisten nicht unbedingt aktiv zurückgeholt und wenn mit zweitrangigen Positionen abgefertigt. Hecht erinnert hier an die Haltung der SPÖ-Politiker Adolf Schärf und Oskar Helmer, diese hätten sich bemüht, Parteilinke und Juden von der Parteispitze fernzuhalten.

Als Beispiel nennt der Historiker Manfred Ackermann (1898–1991), SPÖ-Politiker und Funktionär im Zentralverein der kaufmännischen Angestellten (heute Gewerkschaft der Privatangestellten, GPA). Er konnte in die USA flüchten. In der Nachkriegszeit bemühte sich die Gewerkschaftsjugend um seine Rückkehr, „das wurde aber von JuliusDeutsch verhindert“. Deutsch (1884–1968), selbst jüdisch, hatte sich ebenfalls in die USA gerettet und war 1946 zurückgekehrt. Ackermann kam schließlich erst nach seiner Pensionierung in Amerika wieder nach Wien zurück und engagierte sich dann wieder in der Gewerkschaft.

Zu den Rückkehrern, die kein politisches Amt erhielten, gehörte Jacques Hannak (1892–1973). Er hatte ab 1920 für sozialdemokratische Zeitungen geschrieben und war ab der Gründung 1923 bis zur zwischenzeitlichen Einstellung des Magazins Chefredakteur der Gewerkschaftspublikation Arbeit & Wirtschaft, die bis heute besteht. Er kehrte 1946 nach Wien zurück und war dann als Journalist für die Arbeiter-Zeitung (AZ) sowie als Buchautor tätig.

Dass Juden und Jüdinnen so wie Hannak als Journalisten arbeiteten oder so wie Ackermann im Bereich der kaufmännischen Angestellten engagiert waren, überrascht wenig. Das nun laufende Projekt über jüdische Aktivisten in der Arbeiterbewegung will sich aber bewusst auch andere Kontexte ansehen, um so vielleicht auch zu einem vollständigeren Bild des Alltags von Juden und Jüdinnen vor der Shoah zu kommen.

Eine Geschichte kann Hecht hier schon jetzt erzählen: die von Berthold König (1875–1954), der ab 1899 bei der Eisenbahn arbeitete. Ab 1928 war er Zentralsekretär der Eisenbahnergewerkschaft, 1931 saß er im Präsidium des Bundes Freier Gewerkschaften, gleichzeitig wurde er sozialdemokratischer Nationalratsabgeordneter. Im selben Jahr deckte er die Hirtenberger Waffenaffäre auf. Dabei ging es um Waffenlieferungen von Italien nach Ungarn unter Beteiligung der Hirtenberger Waffenfabrik in Kärnten. 1934 verlor König alle Ämter. Er flüchtete nach Brünn, wo er eine Verbindungsstelle zur illegalen Eisenbahnergewerkschaft aufbaute. Im März 1939 floh er weiter nach Schweden und dann über Neuseeland in die USA. Ab 1942 war er Mitglied des Austrian Labor Committee in New York. König besuchte Österreich nur noch einmal im Jahr 1950, um am zweiten Gewerkschaftertag der Eisenbahner teilzunehmen, und starb schließlich in New York.

Ebenfalls in den USA verstarb Lucia Loch (1881–1943). Sie war eine Pionierin für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen des Krankenpflegepersonals. Während des Ersten Weltkriegs begann sie als Oberschwester, Schwestern in Kriegsspitälern gewerkschaftlich zu organisieren. Von 1919 bis 1934 war sie Sekretärin der Fachorganisation der Krankenpflegerinnen, die zunächst eine selbstständige Organisation darstellte und später eine Teilorganisation des Bundes öffentlicher Angestellter wurde. Loch zählte zudem neben Mathilde Eisler und Käthe Leichter auch zu den Mitgliedern der Frauensektion der freien Gewerkschaften und arbeitete eng mit Julius Tandler zusammen. Zwischen 1934 und 1938 war sie Mitglied der Revolutionären Sozialisten und führte auch die gewerkschaftliche Arbeit illegal weiter. 1938 flüchtete sie zunächst über die Schweiz nach Frankreich, 1941 gelangte sie in die USA, wo sie allerdings schwer erkrankte.

Was sich Hecht und seine Kollegen durch diese Forschungsarbeit erhoffen: dass mehr Bewusstsein für den jüdischen Beitrag zur Arbeiterbewegung entsteht. Wenn man heute durch Wien gehe, stoße man beispielsweise immer wieder auf nach Juden oder Jüdinnen benannte Gemeindebauten. Nur wisse niemand von ihrer jüdischen Identität, da nirgends darauf hingewiesen werde. Ein Beispiel dafür ist der Manfred-Ackermann-Hof in Wien-Brigittenau.

Interessant ist hier, was bis heute auf der Internetseite von Wiener Wohnen zum Namensgeber dieses Gemeindebaus zu lesen – und nicht zu lesen – ist: „Im November 2008 wurde der Gemeindebau nach Prof. Manfred Ackermann (1898–1991) benannt, der gemeinsam mit seiner Familie bis zu seiner Vertreibung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1938 hier gewohnt hatte. Ackermann flüchtete über Frankreich, Spanien und Portugal in die Vereinigten Staaten, wo er sich, wie schon zuvor in Österreich, gewerkschaftlich engagierte. Nach seiner Pensionierung im Jahr 1964 kehrte er nach Österreich zurück. Ackermann erwarb sich nicht nur in der Arbeiterbewegung, sondern auch als Volksbildner große Verdienste. Eine Gedenktafel an der Fassade Brigittaplatz 11–13 erinnert an ihn.“

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