Dem Vergessen entrissen

Für die jüdischen Operetten-librettisten Victor Léon und Fritz Löhner-Beda war Österreich kein Land des Lächelns, stellt die Theater-wissenschaftlerin Barbara Denscher fest.

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Victor Léon (li.) war zu seiner Zeit ein Star. Er schrieb unter anderem das Libretto zu Franz Lehárs Die lustige Witwe.

Seit über 100 Jahren ist Die Lustige Witwe von Franz Lehár ein weltweiter Operettenhit, aber wer kennt noch ihren Librettisten Victor Léon? Er war einer der erfolgreichsten Persönlichkeiten im Wiener Kulturleben der Jahrhundertwende und ist doch nahezu vergessen. Bis vor Kurzem jedenfalls gab es „so gut wie nichts“ über den 1858 als Victor Hirschfeld geborenen Autor, und das war die Initialzündung für Barbara Denscher. Wieder einmal. Denn bei ihrer Frage „Wer steht denn hinter diesen Operettenerfolgen, von denen man nur die Komponisten kennt“, war sie schon davor auf Fritz Löhner-Beda gestoßen, den Texter so mancher noch heute beliebter Schlager und vieler Operetten. Und weil sie alles, was sie macht, gründlich macht, ist aus dieser Frage auch bald ein Buch mit dem Titel Kein Land des Lächelns geworden.

Keine Operettenlady. „Sehr viele Librettisten der typischen Wiener Operette sind jüdischer Herkunft. Das ist in der Zeit des Nationalsozialismus verdrängt worden, und nachher hat sich niemand mehr damit beschäftigt.“ Auch das schlechte Image von Kitsch und allzu leichter Muse, das der Operette anhaftet, hängt mit dieser nationalsozialistischen Beeinflussung zusammen, ist Barbara Denscher überzeugt. Das konnte ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn so nicht stehen lassen. „Ich bin zwar keine Operettenlady und geh’ nicht dauernd in die Volksoper, aber ich bin an der Populärkultur interessiert, und da ist die Operette ein hochinteressantes Phänomen der österreichischen Kulturgeschichte.“ Und so gab die vielseitige Publizistin letztlich ihre langjährige Tätigkeit beim ORF-Hörfunk auf und widmete ihre nächsten Lebensjahre dem Studium der Theaterwissenschaft und ihrer neuen Liebe, „dem Léon“. Nebenbei schrieb die Übersetzerin für Dänisch, die das sprachliche Multitalent auch ist, ein Reisebuch über Dänemark und ein weiteres über Armenien, denn Armenisch hat sie natürlich auch gelernt.

»Léon war ein Schwieriger, Löhner-Beda hingegen ein
jovialer, umgänglicher Mensch.«
Barbara Denscher

Über 700 Seiten stark ist ihre Dissertation geworden, denn diese Ausführlichkeit „schulde ich dem Léon“, wofür dankenswerter Weise auch ihr Doktorvater Stefan Hulfeld Verständnis hatte, und daraus ist wiederum die etwas knappere Werkbiografie zum Opernlibrettisten entstanden, die jetzt als Buch vorliegt.

Barbara Denscher.
Der Operettenlibrettist Victor Léon. Eine
Werkbiografie.
Transcript 2017,
520 S., € 44,99

Victor Léon wurde 1858 in eine gebildete Rabbinerfamilie in der Slowakei geboren und kam in seiner Schulzeit nach Wien. Zwar wollte er, nach Höherem strebend, für das Burgtheater schreiben, erkannte jedoch „die Operette als das für ihn Mögliche“ und wurde in diesem Genre bald einer der produktivsten, besten und gesuchtesten Texter. In der Zusammenarbeit mit Franz Lehár und Johann Strauss, für den er das Libretto zu Wiener Blut schrieb, lief er zur Hochform und die Operette zur Hochblüte auf. „In seinen Stücken ist so viel an Wissen und literarischen Anspielungen, und überdies hat er politische und aktuelle Themen seiner Zeit, wie zum Beispiel die Frauenemanzipation, aufgegriffen.“
Durch seine sprachliche Raffinesse hatte er dabei kaum Probleme mit der Zensur, wie Denscher bei ihren Recherchen im entsprechenden Zensurarchiv nachweisen konnte. Im souveränen Umgang mit der Sprache und ihrem Wortwitz standen Victor Léon und sein gänzlich vergessener jüdischer Co-Autor Heinrich von Waldberg ganz in der „Tradition des jüdischen Humors“ und einer verbalen Kreativität, die „aus der weitverbreiteten Mehrsprachigkeit der jüdischen Bevölkerung der Habsburgermonarchie“ resultierte, stellt die Autorin fest. „Victor Léon war und blieb ein Alt-Österreicher.“

Franz Lehár (Mitte) und seine Librettisten: Ludwig Herzer und Fritz Löhner-Beda (stehend), der in dieser Funktion Victor Léon gefolgt war, schrieben gemeinsam Das Land des Lächelns.

Löhner-Beda hingegen gehörte eigentlich schon der nächsten Generation an, für ihn war die Monarchie bereits Vergangenheit. Prominent, berühmt und auch reich geworden, lebten beide gleichzeitig in Wien, die Sommer über in ihren Villen im Salzkammergut, doch hatten sie miteinander kaum Kontakt und auch wenig gemeinsam. „Léon war ein Schwieriger, Löhner-Beda hingegen ein jovialer, umgänglicher Mensch.“ Die Arbeit an Lehárs Land des Lächelns, für das zuerst Léon und danach Löhner-Beda das Textbuch schrieben, stellt die Verbindung dieser beiden so unterschiedlichen jüdischen Librettistenstars dar.

Barbara Denscher,
Helmut Peschina:
Kein Land des Lächelns. Fritz Löhner-Beda 1883–1942.
Residenz 2002, 224 S., € 9,90

Obwohl der 1883 geborene Fritz Löhner einer eher assimilierten Familie entstammte, hielt er an seinem Judentum fest, er war Zionist und sogar Mitbegründer der Wiener Hakoah, während Léon schon 1900 aus der Kultusgemeinde austrat und sich 1935 „aus strategischen Gründen“ taufen ließ. Durch die Hilfe seiner langjährigen, um vieles jüngeren Geliebten Anna Stift, die sogar bei Franz Lehár für ihn interveniert haben soll, konnte Léon bis zu seinem Tod 1940 in seiner Hietzinger Villa bleiben, wo auch seine Frau Ottilie 1942 starb.
Für Löhner-Beda hingegen war Österreich „kein Land des Lächelns, denn dieses Land hat sich ihm von der furchtbarsten Seite gezeigt“, so Denscher. 1938 wurde er in das KZ Buchenwald deportiert – sein Buchenwaldlied sollte in der Vertonung vom Mithäftling Hermann Leopoldi sein letzter „Erfolg“ werden – und schließlich 1942 in Auschwitz brutal erschlagen.
Seine Frau und beide Töchter waren da bereits umgekommen.
Vergebens hatte Löhner-Beda auf eine Fürsprache Lehárs bei Hitler gehofft. Die Lustige Witwe soll ja des Führers Lieblingsoperette gewesen sein und Lehár einer seiner Günstlinge. Wurde bereits früher dem Komponisten vorgeworfen, seine wunderbare Musik an Textbücher zu verschwenden, die „nach der internationalen jüdischen Kitschschablone“ geschrieben seien, so hat man später seine Librettisten überhaupt totgeschwiegen. Mit ungeheurem Engagement und bewundernswerter Rechercheleistung hat Barbara Denscher gegen dieses Totschweigen angeschrieben. „Es gibt aber noch so viele, die vergessen sind, vielleicht ist mein Buch ein Anstoß, sie zu entdecken.“


Leopoldi-Abend:
Wiener Bonbons über Hermann Leopoldi und Helly Möslein. Mit Leopoldi-Klassikern und einer Lesung aus der Leopoldi-Biografie. Mit Bela Fischer und Ronald Leopoldi.
11. Dezember, 19 Uhr
Jüdisches Museum,
Dorotheergasse 11, 1010 Wien
Tickets unter: tickets@wien-telaviv.com

© Wikipedia/ÖNB (aus Der Humorist 14/29)/United States Library of Congress

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