Demokratie wiederbeleben

Der gebürtige Münchner Schlomo Hofmeister ist Gemeinderabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien.

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©Daniel Shaked; privat

Virulente Fragen

„Mögest Du in interessanten Zeiten leben“, lautet ein chinesisches Sprichwort, das wohl nicht ganz so nett gemeint ist. Auch WINA hat sich in dieser Ausgabe mit den vergangenen Wochen beschäftigt, die ganz im Zeichen des Coronavirus standen, und wollte wissen, was Menschen aus diesen herausfordernden Zeiten mitgenommen haben.

 

Was ich in Zeiten der Isolation über mich selbst gelernt habe:
Wie sehr mir persönlich die häusliche Routine unbekannt ist. Normalerweise verlasse ich das Haus, wenn die Kinder noch schlafen, und komme erst nach Hause, wenn sie wieder schlafen.

Und was ich über die Gesellschaft gelernt habe:
Wie sensibel die Balance der Normalität ist – und wie schnell sie aus dem Gleichgewicht geraten kann.

Dieser Aspekt des Judentums hat mir in Zeiten von Corona geholfen:
Die Erfahrung, dass das Judentum eine Angelegenheit des Individuums im eigenen Haus ist und seine Priorität nicht in externen Institutionen hat.

Helfen kollektive Erinnerungen aus der jüdischen Geschichte im Bewältigen von Krisensituationen?
Dass man aus der Geschichte lernt, ist wichtig und selbstverständlich. Mich hat beeindruckt, dass grade die ältere Generation mit der Situation viel selbstverständlicher umgehen konnte, obwohl sie am meisten davon eingeschränkt war.

Was wir uns aus den vergangenen Wochen behalten sollten:
Wir sollten uns eine gewisse Gelassenheit zulegen, Dingen geduldig zu begegnen, die wir sowieso nicht beeinflussen können, und diese Gabe nicht als Hilfslosigkeit interpretieren.

Was werden wir in 20 Jahre über den Frühling 2020 erzählen?
Entweder werden wir uns rückblickend amüsieren, wie schwer es uns gefallen ist, sich mit der „Corona-Situation“ zu arrangieren – weil unsere Probleme und Herausforderungen noch größer sein werden. Oder wir erinnern uns daran, dass diese Zeit einen Paradigmenwechsel der westlichen Welt eingeläutet hat. Die Gesellschaft kann jetzt wachgerüttelt werden und hat die Möglichkeit, Werte wieder schätzen zu lernen, die sie bis dahin für selbstverständlich erachtet hatte. Es wäre sicherlich eine gute Gelegenheit, die Demokratie wiederzubeleben.

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