Den Toten ihre Würde wiedergeben

Lange rang die Wiener jüdische Gemeinde in der Nachkriegszeit, nicht mehr auf gepackten Koffern zu sitzen. In den späten 1970er-Jahren wurde begonnen, eine moderne Infrastruktur zu schaffen, mit Schulen, Synagogen, koscherer Versorgung, Elternheim, sozialer Betreuung, Weiterbildungsmöglichkeiten. Nun nimmt sich die Führung der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien auch nach und nach dem Erbe der Gemeinde an: Das Archiv bekam adäquate Räumlichkeiten. Und nach jahrelangen Verhandlungen mit der öffentlichen Hand wurde inzwischen auch mit der Sanierung der jüdischen Friedhöfe begonnen.

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Die Sanierungen der jüdischen Friedhöfe wurde erfolgreich begonnen, berichten Martin Eck (l.), Ariel Muzicant (M.) und Tina Walzer.

1874 kaufte der Minjan-Verein von Stockerau ein rund 1.800 Quadratmeter großes Areal, um die Toten im Ort selbst bestatten zu können und sie nicht mehr nach Wien überführen zu müssen. Möglich wurde das mit dem Staatsgrundgesetz von 1867, das die Gründung von Kultusgemeinden auch in Niederösterreich erlaubte und damit auch das Anlegen von Friedhöfen, erläutert die Historikerin Tina Walzer. 136 Gräber befinden sich auf dieser Ruhestätte – und ein Massengrab. In diesem wurden in der NS-Zeit sechs jüdische Zwangsarbeiter bestattet, doch nur die Identität eines der Opfer ist bekannt: Samuel Feldheim, er war Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde in Szeged gewesen.

Ein größeres Massengrab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Deutschkreutz im Burgenland: 284 ungarische Juden, die zwischen November und Dezember 1944 im Zwangsarbeiterlager Deutschkreutz ermordet wurden, liegen hier begraben. Von 40 von ihnen ist bis heute nicht einmal der Name bekannt. Dieser 10.000 Quadratmeter große Friedhof wurde bereits im 18. Jahrhunderts errichtet, das Areal ist 10.000 Quadratmeter groß. Deutschkreutz war ab 1671 eine der Scheva Kehilot, der Siebengemeinden. In diesen siedelte sich der Großteil der zweiten Wiener Gemeinde nach ihrer Vertreibung an: Jüdinnen und Juden flüchteten sich über die Landesgrenze auf damaliges ungarisches Gebiet, wo sie unter der Schutzherrschaft der Adelsfamilie Esterházy standen. Über jüdische Gemeinden im heutigen Südburgenland hielt wiederum die Familie Batthyány schützend ihre Hand.

Die Zusammenarbeit mit dem Nationalfonds funktioniert sehr gut, „es gibt keine Streitpunkte mehr und läuft wie am Schnürchen“.
Dr. Ariel Muzicant

In Stockerau und Deutschkreutz befinden sich zwei der heute noch vorhandenen 71 jüdischen Friedhöfe in Österreich, die – jeder für sich höchst unterschiedlich – alle beeindruckende Monumente der Geschichte von Jüdinnen und Juden in diesem Land sind. Diese nicht nur als Erbe zu bewahren, sondern auch als das Fundament der jüdischen Gemeinde heute zu sehen, da es die hier begrabenen Menschen sind, die das hinterlassen haben, das nicht nur das heutige Vermögen der Kultusgemeinden, sondern deren starke Identität, deren Relevanz begründet, ist IKG-Ehrenpräsident Ariel Muzicant ein großes Anliegen. Er war es, der seit den 1980er-Jahren in Gesprächen und Verhandlungen mit Gemeinden und Bund nach Wegen suchte, um die Friedhöfe nicht weiter dem Verfall preiszugeben.

Der 10.000 Quadratmeter große Friedhof Deutschkreutz existiert bereits seit dem 18. Jahrhundert.

Der erste Meilenstein wurde hier mit dem Washingtoner Abkommen von 2001 gesetzt. In ein Gesetz gegossen wurde die Materie allerdings erst nach neuerlichen zähen Verhandlungen 2010, damals schließlich vor allem auf Betreiben von Vizekanzler Josef Pröll, und so der Fonds zur Instandsetzung der jüdischen Friedhöfe geschaffen. Dieser ist mit 20 Millionen Euro dotiert, welche vom Nationalfonds ausgeschüttet werden, wobei die IKG für jeden Euro, den sie zur Sanierung eines Friedhofs einsetzt, einen Euro an Eigenmitteln nachweisen muss. Am Ende sollen so 40 Millionen Euro zur Verfügung stehen. „Leider gab es da zunächst große bürokratische Hürden, die inzwischen beseitigt werden konnten“, sagt Muzicant. Heute funktioniere die Zusammenarbeit mit dem Nationalfonds sehr gut, „es gibt keine Streitpunkte mehr und läuft wie am Schnürchen.“ Die Friedhöfe von Stockerau und Deutschkreutz sind nun fertig saniert und werden den jeweiligen Gemeinden zur Pflege übergeben, freut sich Muzicant.

Pflege vs. Finanzierung
Bevor überhaupt mit den Arbeiten auf einem Friedhof begonnen werden kann, muss mit der jeweiligen Gemeinde eine Instandhaltungsvereinbarung (dabei übernimmt die Gemeinde auf 20 Jahre vertraglich die Verantwortung über die weitere Pflege) oder eine Pflegevereinbarung (wie zum Beispiel in Wien, dann pflegt die Kultusgemeinde die Friedhöfe, die Gemeinde verpflichtet sich aber zur Finanzierung) abgeschlossen werden. Für mehr als die Hälfte der jüdischen Friedhöfe liegt bereits solch ein Vertrag vor.

Der Währinger Friedhof gehört zu den historischen Juwelen der jüdischen Geschichte. Spendengelder sollen seinen Erhalt auch in Zukunft garantieren.

Und so wird auch bereits an einer Reihe von weiteren Friedhöfen gewerkt: in Graz etwa, in Kobersdorf, in Lackenbach, in Ybbs-Göttsbach, am 1. Tor des Wiener Zentralfriedhofs, sagt Martin Eck, der seitens der IKG die Friedhofssanierungen koordiniert und betreut. Für die Einhaltung der Halacha sorgt jeweils Oberrabbiner Arie Folger, einerseits durch Vorlage eines detaillierten Leitfadens, andererseits durch stichprobenartige Aufsicht, wobei jeweils im Vorfeld abgesprochen wird, welche Mauer, welcher Weg, welches Grab gerade in Arbeit ist.

Der Währinger Friedhof sei 200 Jahre alt „und lebt in seinem Reiz vor allen Dingen von der Romantik, die er ausstrahlt.“
Tina Walzer

Demnächst begonnen werden die Arbeiten in Baden, Klosterneuburg und am Währinger Friedhof. Die Sanierung des Friedhofs in der Wiener Seegasse, des ältesten erhaltenen jüdischen Friedhofs, der in das 16. Jahrhundert zurückdatiert, hat die Stadt Wien übernommen. Hier laufen die Arbeiten bereits seit mehreren Jahren. Es gab zwar bereits im Mittelalter jüdische Friedhöfe in Österreich, doch außer manchmal einem Flurname erinnert heute nichts mehr an sie. In Krems deutet etwa der Name Judenleiten auf den mittelalterlichen jüdischen Friedhof hin, verweist Walzer auf die Forschungsergebnisse von Leopold Moses, Archivar der IKG bis 1938. Weitere jüdische Friedhöfe, die im Mittelalter angelegt wurden, aber heute nicht mehr bestehen, befanden sich in Hainburg, Laa an der Thaya, Mödling, Perchtoldsdorf und Wiener Neustadt.

Erhalt des historischen Reizes
So unterschiedlich die Friedhöfe auch sind, die größte Herausforderung bei der Sanierung ist der Bewuchs, erläutert Koordinator Martin Eck. Über dem Währinger Friedhof hatte sich beispielsweise eine fünf Meter hohe Vegetationsdecke gebildet, erzählt Walzer. Gemeinsam mit Freiwilligen – große Unterstützung kommt hier von den Grünen – wird hier nun regelmäßig dafür gesorgt, dass sich nicht wieder neues Gestrüpp bildet. Der neu gegründete Verein Rettet den jüdischen Friedhof Währing unter der Ägide von Günther Havranek, der sich bereits für die Renovierung des Stephansdoms einsetzte, will hier ab Herbst vor allem mit Spendengeldern helfen. Es seien wichtige Initiativen wie diese, aber auch die massive Beteiligung der Bundesländer (Burgenland, Niederösterreich – „und hoffentlich demnächst die Steiermark“), die dafür sorgen, dass der Kultusgemeinde der Nachweis von Eigen- beziehungsweise eben Drittmitteln gelingt, betont Muzicant.

Der IKG-Ehrenpräsident räumt zudem mit einer falschen Vorstellung auf, die vielen im Kopf herumspukt, wenn sie hören, ein jüdischer Friedhof wird saniert: „Man darf sich da keinen geschniegelten Friedhof erwarten, wo jeder Grabstein renoviert wird. Worum es geht, ist, die Friedhöfe wieder begehbar zu machen, einzelne Grabsteine wieder aufzustellen, Gruften zu schließen, Steine zu stabilisieren, Abwasserleitungen und Wege zu renovieren.“ Der Währinger Friedhof sei 200 Jahre alt „und lebt in seinem Reiz vor allen Dingen von der Romantik, die er ausstrahlt“, gibt Walzer ein Beispiel. „Das soll so bleiben und nicht ein historisches Disneyland werden, wo nachgestellt wird, was einmal war.“ Nachsatz von Muzicant: „Und wenn wir mit diesem 20-Jahre-Projekt fertig sind, können wir gleich mit dem nächsten beginnen.“

www.ikg-wien.at/friedhoefe-massengraeber

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