„Denke nach, ob Wachstum der einzig richtige Weg ist“

Der Geigenvirtuose und Komponist Aleksey Igudesman wurde in Leningrad geboren und wanderte mit seiner Familie über Deutschland nach Wien aus. Mit zwölf Jahren wurde er an der Yehudi Menuhin School of Music aufgenommen. Besonders bekannt ist seine langjährige musikalisch-komödiantische Kooperation mit Hyung-ki Joo.

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© Ronnie Niedermeyer

WINA: Zunächst möchte ich dir eine Frage zu Julian Rachlin stellen. Ihr seid im gleichen Alter, kommt beide aus der UdSSR, seid beide Juden, seid beide Violinisten, habt beide unter anderem bei Prof. Boris Kuschnir studiert, lebt beide in Wien. Und doch unterscheidet ihr euch so stark in eurem Zugang zur Geige. Wer ist wessen „evil twin“?
Aleksey Igudesman: Wir sind wohl einander „evil twin“, da wir uns immer schon gegenseitig zu Unfug verleitet haben. Seit Kindesalter sind wir beste Freunde, angeblich habe ich Julian in jungen Jahren zum Geigenspiel gebracht. Unsere Eltern kannten sich bereits vom Studium, lange vor unserer Geburt. Zufällig sind wir zur gleichen Zeit aus der damaligen UdSSR nach Wien gekommen: Das war damals auch nur möglich, weil wir Juden waren und durch ein Sonderabkommen ausreisen durften. Wir waren also frisch in Wien angekommen und bei Rachlins zu Besuch. Damals war ich sechs Jahre alt und spielte Julian und seiner Familie das Bach-Doppelkonzert mit meinem Vater vor. Der kleine Julian wurde ganz aufgewühlt und ließ seine Eltern nicht mehr in Ruhe: Ich möchte Geige spielen wie Aleksey! Obwohl seine Eltern beide Musiker sind, hatten sie für Julian andere Pläne und wollten ihm das schwere Künstlerleben ersparen. Aber nach meinem kleinen Auftritt hatten sie keine Chance. Jahre später erlebte ich im Fernsehen, wie der damals dreizehnjährige Julian im Eurovisionswettbewerb spielte und bravourös gewann. Da drehte ich mich zu meiner Mutter und sagte: Ich möchte Geige spielen wie Julian! Über die Jahre gingen wir musikalisch sehr verschiedene Wege – Julian macht eine große Karriere als Geigenvirtuose, Bratschist und Dirigent, und ich komponiere viele Werke, spiele alle Arten von Musik, bringe das Lachen in den Konzertsaal, drehe Filme als Regisseur und Produzent. Aber unsere musikalischen und künstlerischen Wege treffen sich andauernd. In meinem Film Noseland mit Sir Roger Moore und John Malkovich standen Julian Rachlin und sein damaliges Festival in Dubrovnik im Mittelpunkt. Das Tolle ist, wir wohnen nur eine Straße voneinander entfernt im ersten Bezirk und können uns jederzeit treffen, um bei einem Glas Rotwein über die Verrücktheit der Welt zu lachen und ebenso verrückte gemeinsame Pläne zu schmieden.

»Du kannst seit mehr als dreißig Jahren
in Wien leben und immer noch nicht
als Wiener angesehen werden.«

Du spielst auf einer unvorstellbar wertvollen Geige von Sanctus Seraphin; wie verhält sie sich zu deinem wilden Spiel?
Ich habe das Glück, die Geige von der Erste Bank zur Verfügung gestellt zu bekommen. Im Rahmen von Igudesman & Joo toure ich damit schon seit fast fünfzehn Jahren um die Welt. All die verrückten Sachen, die ich mit ihr mache, hält sie wunderbar aus, bin ich ihr doch immer sehr respektvoll gegenüber. Die außergewöhnlichen Spieltechniken tun ihr sogar sehr gut: Sie klingt besser als je zuvor!

Das Corona-Virus hängt uns allen schon beim Hals heraus. Gibt es irgendetwas zu dem Thema, das du gerne sagen würdest?
Dieses Phänomen ist aus verschiedenen Gründen sehr wichtig. Es gibt uns Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob der generelle Wachstumswahnsinn der richtige und einzige Weg ist. Aktuell haben Musiker weniger Konzerte und dadurch auch weniger Geld. Andererseits haben wir aber auch mehr Zeit, endlich die Dinge zu tun, die wir schon seit Jahren planen – oder auch Neues anzufangen. Kreativität ist jetzt mehr gefragt denn je. Eines meiner neuen kreativen Projekte ist eine YouTube-Sendung namens Amuse News. Mit viel Augenzwinkern berichte ich dort über die Musikwelt und verschaffe den Menschen aus dieser Branche etwas Auflockerung. Außerdem habe ich mit Julia Rhee das Startup „Music Traveler“ gegründet. Dabei handelt es sich um eine Buchungsplattform für Räume zum Musizieren, demnächst mit Streaming-Funktion. Dadurch können Musiker zusätzliches Einkommen erwirtschaften. Vor Corona hätte ich aufgrund der vielen Konzertreisen nie die Zeit dazu gefunden, solche Projekte ins Leben zu rufen.

Vor einigen Jahren hast du das Lied Niemand glaubt in die Welt gesetzt. Es handelt von einem Migranten, der vermeintliche Wiener Gepflogenheiten angenommen hat und lamentiert, dass ihn dennoch keiner für einen echten Wiener hält. Inwieweit fühlst du dich selbst in dieser Rolle?
Es ist tatsächlich möglich, seit mehr als dreißig Jahren in Wien zu leben und immer noch nicht als Wiener angesehen zu werden. Glücklicherweise wird Wien anderen Kulturen gegenüber immer offener, der grantige und raunzende Wiener stirbt nach und nach aus. Dem könnte man natürlich entgegensetzen: „Aber das ist doch unsere Kultur!“ Dann muss man sich aber fragen, was der Begriff „Kultur“ an sich bedeutet: In Wahrheit handelt es sich dabei schlicht und einfach um regionale Angewohnheiten. Wenn diese Angewohnheiten es sind, wunderschöne Musik zu spielen und tolles Essen zu kochen, dann ist es doch wert, sie zu hegen und zu pflegen. Wenn es hingegen als Kultur angesehen wird, schlecht gelaunt zu sein oder Frauen und Fremde zu diskriminieren, plädiere ich dafür, diese vermeintliche „Kultur“ durch eine zeitgemäße und menschlichere zu ersetzen.

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