Der Berg ruft!

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Orthodoxer Tourist in Davos, 2008 von Michael Melcer / © Institut für Zeitgeschichte Innsbruck

In der Urlaubszeit prägen jüdisch-orthodoxe Gäste, Chassidim, das Stadtbild des Graubündener Ortes Arosa in der Schweiz. „Arosalem“ nennen ihn deshalb scherzhaft Insider. Von Manja Altenburg

Viele chassidische Touristen zieht es in die Schweizer Berge. Sie reisen aus aller Welt in die Berner, Walliser und Bündner Alpen. Im Kanton Graubünden, „die Ferienecke der Schweiz“, stehen Arosa und Davos auf Platz eins der Hitliste von Ferienzielen jüdischer Gäste. Und das nicht erst seit gestern. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg wurde hier die Lungenheilstätte Etania erbaut. Jüdische Kurgäste erholten sich hier in der Höhe der Bündner Berge von ihrer Lungenkrankheit. Wie der Protagonist Hans Castorp in Thomas Manns Roman Der Zauberberg, der damit die Stadt zu Weltruhm führte. Doch die Etania ist längst Vergangenheit, auch als Hotel.

Zionistische Skifahrer. .  Skifahrer  von Makkabi bilden in  Tirol einen  Davidstern,  um 1925 von Thomas  Albrich. / © Institut für Zeitgeschichte, Innsbruck Heute gleichen Davos und Arosa in der Sommersaison Ferienzentren chassidischen Lebens. Das rührt daher, dass bekannte Rabbiner, wie der Kalewer Rebbe, hierher kommen. Da Chassidim sich einem Rabbiner eng verbunden fühlen, folgen sie ihm an gewisse Orte, um ihm in Gebet und Unterweisung nahe zu sein. Das macht Arosa und Davos unter Chassidim so populär. Selbst minder betuchte Familien nehmen für solche Reise hohe Kosten auf sich. So hoch ist der Stellenwert des Gelehrten. Das ist den meisten Ortsansässigen nicht bekannt. Die Chassidim lösen bei ihnen Unbehagen, fremdenfeindliche Gefühle aus. Aufsehen, erzählt ein Religionslehrer aus Arosa, errege nicht nur die seit 200 Jahren fast unveränderte Kleidung der Männer, sondern ihr Auftreten: „Sie bleiben ganz unter sich! Viele verbieten ihren zahlreichen Sprößlingen, mit nichtjüdischen Kindern zu spielen. Was ist denn das für ein arrogantes Gehabe?“ Und die Zeitung Weltwoche setzte noch eines drauf, so schreibt sie, dass die Chassidim den Einwohnern „Straßenszenen bescheren wie in einem galizischen Städtel“. Antisemitische Untertöne sind unüberhörbar. Selbst eine Aussprache mit Hoteliers, Vermietern, Lehrern, Ladenbesitzern und einem Vertreter des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes vor Jahren konnte Feindseligkeiten nicht abbauen.

„Hast du meine Alpen gesehen?“

Neben der Faszination, die die Bergwelt auf viele Städter ausübt, haben Berge, insbesondere die Alpen für Juden traditionell eine spezielle Bedeutung. In der Tora steht der Fels symbolhaft für G-tt. Gipfel versinnbildlichen die Berührung von Irdischem und G-ttlichem. „Wenn ich vor G-tt stehen werde, wird der Ewige mich fragen: Hast du meine Alpen gesehen?“, meinte bereits der Begründer der jüdischen Neoorthodoxie, Samson Raphael Hirsch. In den Alpen wurde während der 1980er-Jahren ein wahrer Boom ausgelöst, koschere Hotels mit Synagoge einzurichten. Kinderprogramme für jüdische Kinder sowie Schiurim (religiöser Unterricht) wurden gleich mit angeboten. Gebetet wurde am Morgen in der Hotelsyna-goge im Stundentakt. So groß war der Ansturm. Heute beherrscht ein anderer Trend die chassidische Szene: Man mietet sich eine Ferienwohnung. Einige Vermieter nutzen den Trend und haben sich auf chassidisches Klientel spezialisiert. Die Eigentümer richten die Wohnungen so her, dass Orthodoxe problemlos ihre religiösen Gebote einhalten können. Zudem können in einer Wohnung fünf Personen zu einem Preis übernachten, den im Hotel Metropol in Arosa eine einzige Person hierfür bezahlt. Liegt die Wohnung nah beim Metropol, kommen die Urlauber zwar mitunter noch zum Essen, Beten und Freunde treffen, aber sie sparen an der Übernachtung.

Jeder Gast ein G-ttesgeschenk

Das Metropol ist heute das einzige koschere Hotel in Graubünden, das geblieben ist. Jeder Gast sei ein G-ttesgeschenk, sagen seine Besitzer, die Levins. Beinas Levin kam Anfang der 1930er-Jahre von Russland nach Davos, da er an Tuberkulose litt. Geheilt zog er weiter nach Arosa und eröffnete das erste und damals einzige koschere Hotel im Ort, das Metropol. Damit lockte er jüdische Gäste nach Arosa. So liest man in der Zeitschrift Der Israelit von 1935: „Auf sanfter Höhe […] steht das Hotel Metropol, das seit einigen Jahren in bestimmten Sommer- und Wintermonaten Treffpunkt jüdischer Menschen ist, die sich in die Berge flüchten, wo sie am schönsten sind und wo die Schneedecke noch blendend leuchtet, wenn unten bereits die Alpenrosen blühen.“

„Wenn ich vor G-tt stehen werde, wird der Ewige mich fragen: Hast du meine Alpen gesehen?“

Marcel Levin, der Sohn, führt heute das Hotel. Beim morgendlichen Rundgang durch den Speisesaal begrüßt er seinen einzigen Gast mit Händedruck. Auf seine Frage, wie lange denn die Saison dauern werde, seufzt der Hotelier und antwortet halb auf Iwrit, halb auf Hochdeutsch: „Früher wussten wir immer, wie viele Gäste wir erwarten und wie lange sie bleiben.“ Dem Gast ist das Phänomen nicht unbekannt. Seit vier Generationen macht seine Familie hier jedes Jahr Ferien. Dafür kommen sie extra aus Jerusalem angereist. Er erinnert sich, dass es in den 1980er-Jahren noch sechs koschere Hotels in den Schweizer Alpen gab. Nach und nach mussten sie schließen. Heute ist das Metropol in Arosa das einzige, das noch übrig ist. Auch die Levins spüren den Gästerückgang. Denn neben dem Trend zur Ferienwohnung verursacht noch ein anderer Umstand das Ausbleiben der Hotelgäste. Und diesen schätzt Levin als eine fast größere Gefahr ein: Jüdische wie nichtjüdische Touristen machen aufgrund des schwachen Euros schon seit Längerem einen großen Bogen um die Schweiz. Viele Hotels, so weiß Levin, stehen darum leer. Hin und wieder werden sie für ein paar Wochen verpachtet, etwa an Pauschalreisen-Veranstalter. Diese Chance nutzen nun seit einigen Jahren Hoteliers aus Israel und quartieren sich in der Hochsaison darin ein. Diese Kurzzeithoteliers werben gezielt in Israel für ihr Angebot wie für ein Ferienlager. Im Gegensatz zu den Levins müssen sie weder Instandhaltungskosten für das Gebäude bezahlen noch Schweizer Sozialversicherungsbeiträge für die Angestellten und die teuren Schweizer Lebensmittel. Dadurch sind ihre Angebote viel lukrativer für die Feriengäste. Alles, was benötigt wird, bringen sie mit, vom Kaffeepulver über die Gebetsbücher bis hin zum Personal – und sogar gleich die Gäste.

2008 präsentierte das Jüdische Museum Hohenems zusammen mit dem Jüdischen Museum Wien und dem Österreichischen Alpenverein die Ausstellung Hast du meine Alpen gesehen? – Eine jüdische Beziehungsgeschichte. Sie erzählt von der Bedeutung der Alpen für die jüdische Diaspora bis zur Verwandlung der Berge als Ort spiritueller Erfahrung in einen Schauplatz von Verfolgung und Flucht im Nationalsozialismus.

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