Die Tageszeitung Libération gab ihm die Titelseite: „Der Tod einer Legende.“ Am 29. Mai starb in Paris der Universalgelehrte Edgar Morin, wenige Monate, bevor er sein 105. Lebensjahr vollenden konnte.
Geboren wurde er als David-Salomon Nahoum in Paris, im Haus seiner Eltern. Diese waren sephardische Juden aus Thessaloniki, mit Vorfahren in Italien. Sie waren nicht religiös, wie auch der Sohn, der sich den Kommunisten zuwenden sollte. Edgar nannten ihn bereits die Eltern, den Decknamen Morin legte er sich im antifaschistischen Widerstand selbst zu.
Im Untergrund gegen die Deutschen wurde Edgar zu einem Kommandanten der Resistance. Nach Kriegsende rekrutierte ihn die französische Armee als Informationsoffizier für Deutschland. Dort schrieb er auch ein erstes Buch über die Stunde Null der besiegten, desillusionierten und hungernden Deutschen.
Edgar Morin argumentierte für
fakultätsübergreifende Studien.
Schon 1946 kehrte er nach Frankreich zurück und arbeitete als Journalist für kommunistische Medien. Aber die geforderte Parteidisziplin lag ihm nicht, er schrieb auch kritische Artikel und wurde 1951 ausgeschlossen. Jahre später sollte er in seiner Autocritique einen selbstkritischen Schlussstrich unter die Zugehörigkeit zur kommunistischen Partei und starren Ideologie verfassen.
Morin schloss zwei Studien ab: Geschichte und Geografie sowie Jus, allerdings ohne Doktorat. Besonders interessierte ihn die Soziologie, und hier wurde er durch Feldstudien erst in der französischen Provinz, später in Lateinamerika bekannt. Er drehte mehrere Filme, ab 1968 war er Professor für Philosophie an der Universität Nanterre, sympathisierte dort mit der Studentenbewegung. Doch die klassische Philosophie reichte dem universell Neugierigen nicht: Er studierte etwa in Kalifornien Biologie und begann sich sehr früh für ökologische Themen zu interessieren.
Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund entwickelte er seine Philosophie der Komplexität. Er wandte sich gegen scheinbar klare, monokausale wissenschaftliche Theorien, argumentierte für fakultätsübergreifende Studien. Er kreierte den Begriff der „Polykrise“, wiederum zu verstehen und zu analysieren nur unter Einbeziehung unterschiedlicher Disziplinen. Man müsse ständig überprüfen, welche Auswirkungen ein Subsystem auf die anderen habe. Diese Gedanken flossen in sein sechsbändiges Hauptwerk ein, La Méthode.
Das blieb nicht seine einzige bedeutende Publikation – ins Deutsche übersetzt wurde allerdings wenig. Seine Rezeption in französischsprachigen Ländern und in Lateinamerika war weitaus breiter: Über die Jahre erhielt Morin nicht weniger als 38 Ehrendoktorate von Universitäten zwischen Genf, Quebec und Rio de Janeiro. Dazu kamen Auszeichnungen in Frankreich, Spanien und Portugal.
Israel gegenüber äußerte er sich kritisch, trotz der Leiden des jüdischen Volkes unterdrücke man die Palästinenser. Er wurde für diese Kritik als antisemitisch angezeigt, allerdings von einem französischen Gericht freigesprochen, die Aussagen fielen unter die Meinungsfreiheit. In anderen Weltgegenden, darunter Brasilien, setzte er sich etwa für indigene Völker ein.
Morin war viermal verheiratet. Mit seiner letzten Frau, einer marokkanisch-französischen Soziologieprofessorin, betrieb er in Marokko eine Biolandwirtschaft. Und er publizierte bis zuletzt.

























