
Der neueste Roman, Die Tänzerin, vor wenigen Wochen auf Deutsch erschienen und durchwegs positiv rezensiert, ist Teil seines „Lebensbuches“, auch wenn die Titel variieren. Sie heißen Eine Jugend, Unsichtbare Tinte, Damit du dich im Viertel nicht verirrst, Aus tiefstem Vergessen oder Unbekannte Frauen. Patrick Modiano variiert ein Thema, äußerst gekonnt, zauberhaft und vielschichtig. Schauplatz seiner poetischen Romane, die an Chansons von Charles Trenet oder Yves Montand erinnern, ist meist Paris, das Paris der 50erund 60er-Jahre, ärmer als heute, aber unmittelbarer, sinnlicher, dichter. Es geht um Erinnern und Verbergen, Trauer. Um das Verschwundene, das Davonlaufen vor dem unausgesprochenen Schrecken, letztlich vor dem Tod.
Seine Methode – in der deutschsprachigen Literatur hat W. G. Sebald ähnlich gearbeitet – verquickt penible Recherche über wirkliche Personen – oder was man Jahrzehnte später noch von ihnen wissen kann – mit feinen Gespinsten von Fiktion. Und natürlich ist nie klar, auf welcher Seite der Wahrheit man sich als Leser gerade befindet. Sind die biografischen Eintragungen nun hart erarbeitete Trouvaillen des Autors oder schon seine eigenen Erfindungen? Haben die jungen Menschen, an die er erinnert, wirklich all jene Fluchten durchlebt, die er beschreibt, oder kann er sich diese deshalb so genau vorstellen, weil er Ähnliches selbst erfahren hat?
Modiano ist ein zurückhaltender, bescheidener Mensch. Er gibt kaum Interviews und ist auf keinen Society-Events anzutreffen. Anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahr 2014 schrieb er eine knappe Aufzählung der Stationen seines Lebens nieder. Daraus kann man erahnen, welche Kräfte ihn antreiben, worauf seine Erinnerungsliteratur basiert. Seine bald 30 – meist kürzeren – Romane bekommen lediglich einige tabellarische Zeilen. Seiner Kindheit und Jugend widmet er dagegen viel mehr Platz: den ersten Lebensjahren in der Sprache seiner Großeltern, dem Flämischen; dem frühen Tod des zwei Jahre älteren Bruders, dem er mehrere Werke widmen sollte; und schließlich seinen eigenen Fluchten, aus dem Internat in der Nähe des Genfer Sees, vom englischen Schüleraustausch, von der Universität. Diese Orte tauchen in mehreren Büchern wieder auf, auch wenn die Gründe des Davonlaufens des hoch geschossenen, 1 m 98 großen jungen Mannes nie offen dargelegt werden.

Hanser 2025, 96 S., € 18,69
Geboren wurde Patrick in einem bürgerlichen Vorort von Paris am 30. Juli 1945, unmittelbar nach Kriegsende. Sein jüdischer Vater stammte aus einer italienischsephardischen Familie, ursprünglich aus Thessaloniki. Die katholische Mutter war eine belgische Schauspielerin mit ungarischen Wurzeln. Das Paar trennte sich bald, er wurde erst zu den Eltern der Mutter abgeschoben, dann begann seine Internatskarriere. Der Vater konnte während der deutschen Besatzung der Deportation entgehen, überlebte den Krieg im Untergrund, machte Geschäfte am Schwarzmarkt, streifte wohl auch an äußerst dubiosen Personen an, etwa dem Schriftsteller und Gestapo-Spitzel Maurice Sachs, von dem er sogar eine Wohnung übernahm.
Patrick schloss zwar das Gymnasium ab, an der Universität hielt es ihn aber nicht lang. Über einen Bekannten seiner Mutter, den Literaten Raymond Queneau, der ihm eigentlich Geometrie beibringen sollte, erschlossen sich ihm die Welten der Bücher, und auch die für später entscheidenden Kontakte zur Verlagswelt, konkret zu Gallimard.
„Er vermischt reale und fiktive Personen, sein Schlemihl jagt durch die Zeiten und Welten, trifft Marcel Proust und den degradierten Oberst Dreyfus, wird Geliebter von Eva Braun und Mädchenhändler, liegt bei Professor Freud auf der Couch und lässt sich von ihm eine ,jüdische Neurose‘ diagnostizieren.“
Seinen ersten Roman, mit dem er in Frankreich schlagartig bekannt wurde, begann er 1965 in Wien zu schreiben, wohin er auf der Suche nach einem Job gezogen war, freilich vergeblich. Drei Jahre später erschien Place de l’Étoile. Der Titel deutet schon das Thema an: Dabei handelt es sich gleichzeitig um jenen Platz rund um den Triumphbogen, an dem mehrere NS-Büros im besetzten Frankreich gelegen waren, wie auch um jene Stelle über dem Herzen, wo die Jüdinnen und Juden den gelben Stern tragen mussten.
Jugendliches Meisterwerk. Es ist ein atemloses Buch, voll jugendlichem Furor, ganz anders als sein späteres, reifes, ruhiges Werk. „Der Erzähler, Raphael Schlemilovitch, ist ein halluzinierender Held“, liest man in der Einleitung. „Durch seine Gestalt wandern und kreisen auf rasenden Bahnen tausend Leben, die seine eigenen sein könnten, in einer aufwühlenden Phantasmagorie.“ Schon hier zeigt Modiano sein großes Können, verweist auf künftige Eleganz und Komplexität seines Schreibens. Er vermischt reale und fiktive Personen, sein Schlemihl jagt durch die Zeiten und Welten, trifft Marcel Proust und den degradierten Oberst Dreyfus, wird Geliebter von Eva Braun und Mädchenhändler, liegt bei Professor Freud auf der Couch und lässt sich von ihm eine „jüdische Neurose“ diagnostizieren. „Doch wenn das Buch wieder zuklappt, erscheint die Place de l’Étoile genau im Mittelpunkt der ,Hauptstadt der Schmerzen‘“, heißt es weiter im Vorwort. Erinnern wir uns: Wir schreiben 1968, und Modiano bricht früh sämtliche Tabus der französischen Nachkriegsgeschichte, lange bevor die systematische Aufarbeitung der NS-Zeit durch Historiker und andere Schriftsteller begann. Er, der noch als Kind getauft wurde, schreibt aus der Perspektive eines jungen jüdischen Mannes mit einer tausendjährigen Erfahrung, führt nicht nur die unmittelbaren Kollaborateure vor, die an der Nazi-Deportation der französischen Juden fleißig mitgemacht hatten, sondern breitet auch ein Panorama der ländlichen, „wahren französischen Autoren“ auf, mit all ihren unsäglichen antisemitischen Werken. Dabei verwendet er Klarnamen und fiktive, springt zwischen Historischem und Erfundenem hin und her, und auch manche der verklausulierten Charaktermasken sind dem gebildeten französischen Publikum deutlich erkennbar. (Für auswärtige Leser hat die Übersetzerin Elisabeth Edl ein erklärendes Glossar angefügt, das den ganzen Umfang des intellektuellen Sumpfes noch einmal aufblättert.) Modianos Vater, mit dem er ohnehin nur wenig Kontakt hatte, soll über das Buch extrem verärgert gewesen sein und versuchte, so viele Exemplare wie möglich vom Markt wegzukaufen, freilich vergeblich. Im deutschen Sprachraum wurde das Buch erst viel später publiziert, 2010, aber es bleibt trotz seines jugendlichen Ungestüms ein Meisterwerk.
1997, 30 Jahre nach Place de l’Étoile, zielte Modiano wieder auf dieselbe wunde Stelle seines Landes, seiner Stadt. Mit Dora Bruder verfolgte er ein konkretes Schicksal, das eines jungen jüdischen Migrantenmädchens. Er beginnt den Roman, die Spurensuche, mit einem Inserat aus dem Jahr 1941, in dem die Eltern von Dora Hinweise erbitten, wer die entlaufene Jugendliche gesehen haben könnte. Die Bruders stammten aus der Wiener Leopoldstadt und aus Budapest, der Vater Doras war ab 1926 Hilfsarbeiter in der Pariser Fabrik von Westinghouse.
Modiano versucht sich aus den wenigen handfesten Recherchergebnissen über Dora ein Bild zu machen, spekuliert sogar darüber, ob sie eventuell seinen Vater getroffen haben könnte, der in jenem Winter 1942 „in dieselbe Kategorie der Geächteten eingeordnet“ gewesen war. Was er jedenfalls recherchiert, ist, dass Dora Bruder verhaftet und nach Auschwitz deportiert worden war. „Nie werde ich erfahren, womit sie ihre Tage verbrachte, wo sie sich versteckte […]. Das bleibt ihr Geheimnis. Ein armseliges und kostbares Geheimnis, das die Henker, die Verordnungen, die sogenannten Besatzungsbehörden, das Dépot, die Kasernen, die Lager, die Geschichte, die Zeit – alles, was einen erniedrigt und zerstört – ihr nicht rauben können.“






















