Der Holocaust als Folge christlicher Stigmatisierung

Die Schoah baut auf dem vom Christentum über Jahrhunderte geschürten Antisemitismus auf. Zu diesem Ergebnis kam der Talmudphilologe und Judaist Hyam Maccoby (1924–2004) in seiner 1996 erschienenen Arbeit Ein Pariavolk. Zur Anthropologie des Antisemitismus. Der Verlag Hentrich & Hentrich brachte das Buch nun in deutscher Sprache heraus.

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Hyam Maccoby: Ein Pariavolk. Zur Anthropologie des Antisemitismus, Hentrich & Hentrich, Berlin 2019, 208 S., € 24,90

Maccoby geht in Ein Pariavolk hart mit dem Christentum ins Gericht. Antisemitismus sei zwar kein nur in christlichen Gesellschaften auftauchendes Phänomen. Der Wissenschaftler unterscheidet zwischen griechischem, römischem, gnostischem, muslimischem und eben christlichem Antisemitismus. Nur Letzterer habe allerdings den Holocaust hervorgebracht. Der christliche Antisemitismus habe Juden auf einen Pariastatus hinabgedrückt und sie mit Stigma und Abscheu ausgestattet, „wodurch sie Ausbrüchen allgemeiner oder obrigkeitlicher Gewalt ausgesetzt wurden“. Bitteres Fazit: „Das Niveau der christlichen antisemitischen Propaganda, ihre Bestätigung in sakralen Texten und die Länge der Zeit, über die sie verbreitet wurde, sind ohne Parallele.“
Das Neue Testament stellte die Juden als verfluchtes Volk hin, dem eine außergewöhnliche Bestrafung zugedacht war, so Maccoby. „Schon in den Schriften des Neuen Testaments gilt die Zerstörung des Tempels als Erfüllung dieses Fluches, und das spätere Exil der Juden (das in Wirklichkeit nicht vor der arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert begann) wurde vordatiert und als weitere Erfüllung des Fluches betrachtet.“ Es sei allerdings nicht das Neue Testament selbst, dass die Juden zu einem Pariavolk degradiert habe. „Die Juden wurden zum Pariavolk als Folge des Triumphs des Christentums im Römischen Reich nach dem Regierungsantritt Konstantins, der sie zum ersten Mal zu einem untertanen Volk in einem christlichen Reich machte.“
Doch auch dann dauerte es noch Jahrhunderte, bis Juden zu einer Pariagruppe in der christlichen Gesellschaft wurden. Trotz ständiger feindseliger Predigten hätten Juden ein menschliches und sogar würdevolles Erscheinungsbild behalten. Den Wendepunkt ortet Maccoby im 11. Jahrhundert, „als Juden allmählich von der breiten Masse dämonisiert wurden: Sie wurden zur geächteten Gruppe, ausgeschlossen vom gesellschaftlichen Umgang, von der Mischehe und von jedem ehrbaren Beruf.“
Die Kontinuität zwischen dem mittelalterlichen Pariatum und dem modernen Antisemitismus könne man deutlich in Russland sehen, wo die Abfassung der gefälschten Protokolle der Weisen von Zion stattfand. „Aber der größte Ausbruch von Antisemitismus fand nicht in Russland statt, sondern in Deutschland, wo die Kontinuität nicht ganz so stark ins Auge fällt und deshalb von allen geleugnet wurde, die den Antisemitismus von seinen christlichen Vorläufern loslösen möchten.“

»Das Niveau der christlichen antisemitischen Propaganda, ihre Bestätigung in sakralen Texten
[…] sind ohne Parallele.«
Hyam Maccoby

Rolle der Paria. In Deutschland seien Juden im 20. Jahrhundert nicht in Ghettos zusammengepfercht gewesen, sondern waren Richter, Professoren, Naturwissenschaftler, Ärzte, Schriftsteller, Politiker. Sie lebten in Freiheit und rühmten sich überdies ihres deutschen Patriotismus. „Aber hier wurden sie zusammengetrieben, in Lager im Osten geschickt und umgebracht unter Umständen, die an mittelalterliche Bilder von der Hölle erinnern, mit jeder Beigabe, die bitterer Hass sich als Demütigung, Hunger und Folter ausdenken konnte.“ Es sei das blühende deutsche Judentum vor dem Holocaust gewesen, das dazu diente, die Aufmerksamkeit von der historischen Kontinuität des Antisemitismus abzulenken. In Wahrheit aber sei die antisemitische Propaganda der Nazis „ein Rückfall in mittelalterliches Denken und Verhalten“ gewesen, „veranlasst durch Ressentiment gegen den jüdischen Versuch, den Vorteil der Versprechungen der Aufklärung wahrzunehmen und der mittelalterlichen Rolle als Paria zu entkommen“. Die Maßnahmen der Nazis, welche die demokratischen Bürgerrechte von Juden beschnitten, hätten die mittelalterlichen Verfügungen wiederholt. Außerdem sei die Propaganda, mit der die Juden verleumdet wurden, „einschließlich der Ritualmordlegende direkt der mittelalterlichen Literatur und Luthers antisemitischen Schmähschriften entnommen“ worden.
Angesichts dieser Kontinuität hält Maccoby fest, „dass der Holocaust kein Mysterium war“. „Wenn ein Volk durch die Jahrhunderte ständiger Verleumdung und Dämonisierung ausgesetzt war, sodass ein allgemeiner Abscheu so tief eingeimpft wurde, um wie ein Instinkt zu funktionieren, kann es nicht überraschen, dass irgendwann eine Bewegung aufkommt, deren Ziel die Auslöschung dieses angeblichen Schädlings und Feindes der Menschheit ist.“
Doch warum schlug der Willen zur Vernichtung dann ausgerechnet im 20. Jahrhundert zu, nach der Aufklärung, zu einem Zeitpunkt, als Jüdinnen und Juden schon seit Längerem gleichberechtigte Bürger waren? Maccobys bittere Erklärung: „Wenn eine Nation eine demütigende Niederlage in einem großen Krieg erlitten hat und auch unter wirtschaftlicher Not leidet, ist es überhaupt nicht überraschend, dass ein Sündenbock in einer unbewaffneten Minderheitengruppe gefunden wird, die in den Köpfen der Menschen immer noch den Pariastatus einnimmt, der sich aus tiefen religiösen heilsbringenden Vorstellungen herleitet, oder dass eine politische Bewegung, die sich aus nationaler Verzweiflung speist, es sich nicht entgehen lässt, eine solche kraftvolle einende politische Waffe wie Abscheu und Misstrauen gegenüber den Juden zu nutzen.“

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