Der Juwelenfasser

Jüdisches Klischee – na und? Als Goldschmiedmeister bleibt Philip Kreutzer der Familientradition treu.

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© Anna Goldenberg

Auf der Werkbank aus dem 19. Jahrhundert stehen große Glaskugeln. Sie reflektierten das Kerzenlicht und erhellten somit den Arbeitsplatz. Der breite Gürtel mit den ornamentalen Goldaufsätzen stammt aus der Mongolei. Besteck, aber auch Waffen werden traditionellerweise daran getragen. Und die hölzerne Streckbank, das ist kein Foltergerät. Sie wurde verwendet, um Metallrohre herzustellen.
Philip Kreutzer führt durch das Wiener Gold- und Silberschmiede-Museum, das versteckt im ersten Stock eines Wohnhauses auf der Nussdorfer Straße liegt. Philip kennt sich aus, schließlich arbeitet er schon fast vier Jahre hier. In den Räumlichkeiten befindet sich nämlich auch die Goldschmiedeakademie, eine private Einrichtung, bei der er unterrichtet. Philip ist Goldschmied oder, um genauer zu sein, Juwelenfasser. Oder, um ganz genau zu sein, Gold- und Silberschmiedmeister mit einer Spezialisierung auf Juwelenfassen. Im Februar legte der 29-Jährige seine Meisterprüfung ab. Nun bereitet er sich auf die Selbstständigkeit vor.

»Es ist ein schönes Gefühl zu wissen,
dass jemand ein Leben lang tragen wird,
was ich gemacht habe.«

Es wäre wohl ein Klischee zu behaupten, Philips Augen leuchten wie Juwelen, wenn er von seinem Beruf spricht. Aber es wäre auch nicht ganz falsch. „Der Juwelenfasser veredelt das Schmuckstück“, erklärt er und nimmt vorsichtig drei Schmuckstücke aus weißen Papiersäckchen: einen gelbgoldenen Ring mit einem großen Saphir, einen Weißgoldring mit Aquamarin und einen schmalen Ring, der mit kleinen Brillanten besetzt ist. Als Juwelenfasser ist es Philips Aufgabe, die Steine im Metall zu fixieren – ohne Klebstoff oder ähnliche Hilfsmittel. Er entwirft aber auch selbst Schmuck, letztens fertigte er beispielsweise einen Verlobungsring an. „Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass jemand ein Leben lang tragen wird, was ich gemacht habe“, sagt er.
Dass Philip, gebürtiger Wiener, ZPC-Schule, Hashomer Hatzair, Sicherheitsdienst der IKG, einmal Juwelenfasser wird, kam irgendwie unerwartet, aber auch nicht. Sein Vater, der ebenso wie sein Großvater Goldschmiedmeister ist, schlug ihm nach dem Zivildienst vor, eine Goldschmiedlehre zu machen. Studieren könne er danach ja noch immer. Etwas anderes zu machen, kann sich Philip aber mittlerweile nicht mehr vorstellen. Dass er damit einem jüdischen Klischee entspricht, amüsiert ihn. „Jeder kennt jeden über ein paar Ecken“, erzählt er. Auf dem Sprung in die Selbstständigkeit hilft das natürlich. Seine Website (juwelenfasser.at) und seinen Instagram-Account (@atelier_kreutzer) hat er schon aktualisiert – und prompt fragte ihn eine alte Bekannte, ob er ihre Ringe abändern könnte. Kann er natürlich. Und noch viel mehr.

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