Der „Kaddischsager“ als „Christkind“

In ihrem neuen Roman Es wird wieder Tag erzählt Minka Pradelski episodenreich vom großen Schweigen nach dem Krieg.

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Minka Pradelski: Es wird wieder Tag. Frankfurter Verlagsanstalt, 384 S., € 24

Vom Vater als sein zukünftiger „Kaddischsager“ freudig begrüßt, gleich darauf als „Christkind“ zur Weihnachtsfeier der Geburtenstation in die Krippe gelegt „Der ist an Heiligabend geboren. Wie unser Heiland“ , ist der neugeborene Bärel von Anfang an ein Wunderkind. Allein dass überhaupt Juden das Licht der Welt erblicken, grenzt im Deutschland des Jahres 1947 ja bereits an ein Wunder. „Israelitin?“, fragt die Oberschwester die Kindesmutter, denn „jüdisch“ wagt sie nicht auszusprechen, und so bleibt es in den Dokumenten bei „mosaischen Glaubens“.
Wie ihr kleiner Held Bärel ist auch Minka Pradelski 1947 als Kind zweier Holocaust-Überlebender geboren worden, im DP-Camp Zeilsheim, das nun zu einem Schauplatz unter unzähligen anderen in ihrem neuen Roman wird. Diesen Teil der Geschichte kennt sie also offenbar aus ihrem familiären Umfeld, vielleicht auch aus Erzählungen Gleichaltriger, ihrer, der sogenannten „Zweiten Generation“.
Wie das Leben vor dem Krieg in einer polnischen Kleinstadt war, wie ein junges jüdisches Mädchen als Christin unterzutauchen versucht, wie es dennoch im KZ landet und was es dort erleiden muss, bloß um zu überleben, diesen Teil ihrer fiktiven Geschichte „verdankt“ die Autorin ihrer langjährigen Tätigkeit als Interviewerin für die Shoah Foundation. Bereits ihr erster Roman Und da kam Frau Kugelmann schöpfte aus den schier unglaublichen Lebensgeschichten, die sie zu hören bekam, und nun schreibt sie sich chronologisch weiter, bis in die frühen Nachkriegsjahre in Deutschland.

Von überschäumender Lebenslust und tiefster Depression, vom schnellen Geld und dem ebenso schnellen Verlust.

Dreistimmig. In der Goldgräberzeit des Schwarzmarkts kommt der auch erotisch höchst erfolgreiche Leon Bromberger gleichsam über Nacht zu einem Vermögen, heiratet Klara und wird Vater des erstaunlich altklugen Bärel, der, kaum zur Welt gekommen, gleich eingangs seine Sicht auf die kleine Familie einbringt, womit er entfernt an den Blechtrommler Oskar Matzerath erinnert. Mutter Klaras traumatische Vergangenheit erfahren wir im O-Ton von ihr selbst, bevor auch noch Vater Leon seinen Part beiträgt.
Drei Stimmen, drei Perspektiven, drei ziemlich eigenständige Geschichten ergänzen einander so zu einem Roman, der viel zu erzählen hat. Figuren, Schicksale, Dialoge, von Opfern und Tätern in allen möglichen Schattierungen füllen Szenen und Episoden. In das Ghetto im besetzten Polen, in Untergrundverstecke, ländliche Kirchenräume, bis in das Bett einer dunklen Schönheit, die einen Nazioffizier beglückt, blendet er hinein. Auch vom Treiben im Schlafzimmer der allmächtigen KZ-Oberaufseherin Liliput, deren scheinbar harmloses Auftauchen nach dem Krieg Klara völlig aus der Bahn wirft, hat die Erzählerin, woher auch immer, intime Kenntnis. Atmosphärisch stimmig wird berichtet vom großen Schweigen nach dem Krieg, von überschäumender Lebenslust und tiefster Depression, vom schnellen Geld und dem ebenso schnellen Verlust, exzellent recherchiert bis hin in die kleinsten Details. Wie etwa „das wiederverwendbare Blaupapier mit den eingepressten seitenverkehrten Buchstaben“ aussieht, ja, das haben wir doch längst vergessen.

Fast lebensecht authentisch entsteht aus unzähligen Mosaiksteinen auch das anrührende Porträt Klaras, der eigentlichen Hauptfigur. Und doch, es bleibt im Abgang allemal ein Gefühl der Peinlichkeit, gespeist aus dem grundsätzlichen Zweifel, ob man aus derlei tragischen Ingredienzien wieder und wahrscheinlich auch nicht zum letzten Mal einen Roman zusammenrühren sollte. Dass man mit diesem auch an der Kitsch- und Kolportagegrenze entlang schrammt, altbekannte Klischees offenbar nicht vermeidbar sind, gehört wohl zu den side-effects solch gut gemeinter Geschichten.

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