Der Mord am Außenminister

Vor 100 Jahren starb der deutsche jüdische Industrielle und Politiker Walther Rathenau bei einem Attentat Rechtsextremer.

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Die Mörder wussten offensichtlich, dass der Außenminister oft ohne Polizeischutz unterwegs war. An einem Sonntagvormittag im Juni 1922 fuhr Walther Rathenau im offenen Cabrio von seiner Villa in BerlinGrunewald in Richtung Ministerium. Bei einer Kurve, die reduzierte Geschwindigkeit verlangte, kam ein Mercedes mit drei jungen Männern nahe, einer feuerte mit einer Maschinenpistole, ein weiterer warf noch eine Handgranate. Rathenau war sofort tot.

Zwei der Attentäter starben später bei der Verhaftung, der dritte erhielt eine hohe Gefängnisstrafe. Allerdings drang das Gericht nicht wirklich auf die Offenlegung der politischen Hintergründe der Tat. Historiker belegten später, dass die rechtsextreme Organisation Consul dafür verantwortlich gewesen war. Diese unterhielt zwar auch Kontakte zu den Nazis, wollte aber mit ihrer Republikfeindlichkeit eher einen monarchistischen Wiederbeginn denn einen faschistischen Staat.

Drohungen und Schmähungen gegen Rathenau hatte es schon längere Zeit gegeben, darunter auch antisemitische. Er wurde vor allem auf der rechten politischen Seite als „Erfüllungspolitiker“ der Siegermächte des Ersten Weltkriegs gesehen. Denn er hatte nach dem Ersten Weltkrieg – zuerst als Wiederaufbauminister, dann als Leiter des Auswärtigen Amtes – unter anderem Reparationsverhandlungen geführt, war auch in den Vertrag von Rapallo mit der Sowjetunion maßgeblich eingebunden.

Die Berliner TAZ bezeichnet Rathenau in einer Buchrezension als „widersprüchlichen Menschen“: Er war einer der einflussreichsten Großindustriellen – und forderte bereits 1917 Sozialisierungen und eine hohe Erbschaftsteuer. Er stieg kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs zu einer Art „wirtschaftlichem Generalstabschef hinter der Front“ auf – und war überzeugt von der Sinnlosigkeit des Völkerschlachtens. Trotzdem forderte Rathenau noch im Oktober 1918, als selbst die Militärs die bevorstehende Niederlage eingestanden, öffentlich „Festigkeit“ und Durchhaltewillen. Der gebürtige Jude propagierte früh das völlige Aufgehen der deutschen Juden in der Bevölkerung und galt den aufkommenden Nazis als Inkarnation des vaterlandslosen „Börsen- und Sowjetjuden“.

Ein Mann mit Eigenschaften. Rathenau war 1867 in eine großbürgerlich-jüdische Berliner Familie hineingeboren worden. Sein Vater sollte den AEG-Konzern gründen, er selbst würde viele Jahre als Spitzenmanager in der chemischen und elektrotechnischen Industrie arbeiten. Am Höhepunkt seiner Managementtätigkeit hielt er mehr als 80 Aufsichtsratsmandate. Davor hatte er Physik, Chemie, Philosophie und Maschinenbau studiert und als EinjährigFreiwilliger beim preußischen Garde-Kürassier-Regiment gedient. Wegen seines jüdischen Glaubens verweigerte man ihm aber die Beförderung zum Reserveoffizier, es blieb beim Vizewachtmeister. Dazu sagte er später einmal, dass ihm dabei bewusst wurde, „als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten“ zu sein; dagegen halfen weder „Tüchtigkeit und kein Verdienst“. Dennoch verweigerte der junge Rathenau für das Offizierspatent die Taufe.

Der wilhelminische Staat sollte dann später mehrmals seine Talente nutzen. Zwei Mal wurde er auf Inspektionsreisen in die deutschen afrikanischen Kolonien geschickt, von denen er desillusioniert zurückkam. Er berichtete über Grausamkeiten an der einheimischen schwarzen Bevölkerung, und er kalkulierte kühl, dass es sich für Deutschland nicht auszahle, die Kolonien zu verwalten. 1914, zu Kriegsbeginn, wurde er verantwortlich für die Organisation der nationalen Rohstoffversorgung. Später zog er sich wieder auf seine Rolle als Industriemanager zurück. Neben dieser Arbeit publizierte er auch Aufsätze und Bücher, nach Kriegsende wurde er in einer bürgerlich-linksliberalen Partei politisch aktiv und schließlich Minister.

Rathenau, ein Hüne, der seinen Gegenübern gern paternalistisch eine Hand auf die Schulter legte, blieb trotz einer Reihe von faktenreicher Biografien über ihn stets seltsam blass gezeichnet. Sebastian Hafner sah in ihm zwar ein einzigartiges charismatisches Talent: „Nie vorher und nie nachher“, schrieb der Publizist in seinen Erinnerungen, „hat die deutsche Politik einen Politiker hervorgebracht, der so auf die Phantasie der Massen und der Jugend wirkte“.

Demgegenüber war er für andere bloß eine undefinierbare, unnahbare PR-Hülle. Hugo von Hofmannsthal sagte etwa einmal zum Diplomaten und Kunstmäzen Harry Graf Kessler, der dies in seinen Tagebüchern niederschrieb, dass Rathenau „eine Art von Nichts sei, ein Gebilde aus lauter Pose, an das sich nirgend irgendeine wirkliche Beziehung knüpfen lasse“.

Ein weiterer österreichischer Schriftsteller fand ihn deutlich interessanter. Robert Musil nahm Rathenau als Vorbild für seine Figur des Doktor Paul Arnheim im Roman Der Mann ohne Eigenschaften.

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