
In einer Hinsicht kann man noch immer Frankreich, Großbritannien und die USA beneiden – dort steht das Genre der Biografie ungebrochen in hoher Blüte. Nicht nur alle bedeutenden Poetinnen und Schriftsteller, Malerinnen und Politiker von höherem oder minderem Rang haben dort ihre Biografen. So hat der renommierte Pariser Verlag Gallimard über nahezu jeden seiner Stammhaus- Autorinnen und -Autoren eine Lebensbeschreibung im Programm; allein jene über den Lyriker, Chanson-Texter und Drehbuchautor Jacques Prévert hat, trotz maßvoll aufregenden Lebens, 720 Seiten.
Auch die großen Entertainer der USA im 20. Jahrhundert sind zu Objekten der Nacherzählung geworden. Es gibt glänzende Biografien über Größen des Jazz und des Blues, ob Louis Armstrong, Muddy Waters oder Miles Davis, wie über Popmusikerinnen und -musiker, von Frank Sinatra bis Bruce Springsteen, von Grace Slick bis Taylor Swift. Unerreicht an der Tête: die Publikationen des emsigen Berufsstandes der „Dylanologen“, die sich über alles beugen, was Bob Dylan alias Robert Zimmerman in seinem bisher 85 Jahre währenden Leben sang, nicht sang, schrieb, nicht schrieb, tat oder nicht tat.
Nun liegt zu Leonard Cohen, dem Troubadour aus Kanada, der viel poetischer als Dylan war, dabei skrupulöser, belesener und lebensstationsgeografisch ausgreifender – von Montreal bis zur griechischen Insel Hydra, über London nach New York bis Los Angeles –, viel mystischer und viel jüdischer (trotz Scientology- Eskapade und Zen-Buddhismus), eine große neue Biografie vor, geschrieben vom Franzosen Christophe Lebold. Er lehrt an der Universität im elsässischen Straßburg amerikanische Kulturund Rockmusikgeschichte. Die 608 Seiten – demnächst auf Deutsch noch um einhundert Seiten stärker – haben eine Vorgeschichte. Sein Buch brachte Lebold 2013 auf Französisch heraus, publizierte 2018 eine revidierte Ausgabe und übertrug seinen neuerlich revidierten Text 2025 selbst ins Englische.
Leonard Cohen veröffentlichte mehrere Romane und einen Gedichtband, ehe er im Alter von 32Jahren
das erste Mal selbst als Sänger auf der Bühne stand.
Nun gibt es einige Bücher über den kanadischen Singer-Songwriter, etwa Sylvie Simmons Biografie von 2012, 752 Seiten umfangreich. Doch Lebolds unterscheidet sich durch eines von diesen – es ist voller Emphase. Dazu ist es immens detailreich, ja geradezu detailgesättigt.

Das Leben wird eloquent ausgemalt und nachgezeichnet. Cohen entstammte einer wohlhabenden Tuchfabrikantenfamilie aus Montreal – war sein distinguierter Bühnenhabitus und seine ausgesuchte Kleidung, mit Vorliebe ein zeitlos eleganter Nadelstreifenanzug von Armani plus farblich abgestimmtes Oberhemd, nicht so etwas wie ein fernes Echo? Mit acht war der am 21. September 1934 Geborene Halbwaise, sein Vater war verstorben. Als Jugendlicher war er ein bemerkenswert talentierter Hypnotiseur, eine Gabe, die ihn angesichts später vollgepackter Stadien zwischen Barcelona und Seattle, Australien und der Schweiz ganz offenkundig nie verließ. Ebenfalls eher wenig bekannt ist: Cohen begann als Schriftsteller. Er veröffentlichte, von der Kritik mehr als wahrgenommen, einige Romane, Ende der 1960er-Jahre dann einen Band Selected Poems, der sich 200.000 Mal verkaufte, bevor er – mit 32 – das erste Mal selbst als Sänger auf der Bühne stand. Wobei die Chancen auf Erfolg im Musikgeschäft nicht gerade groß schienen. Zu aufgeregt, ja hochnervös war er, sein Griffrepertoire auf der Gitarre war höchst überschaubar, und selbst an Dylans Nicht-Stimme gewöhnte Hörer sollen angesichts Cohens Stimme die Stirn gerunzelt haben. Zudem warf er damals manisch Beruhigungspillen ein. Doch der Erfolg kam. Die 70erund 80er-Jahre waren dann von Exzessen und musikalischen Experimenten geprägt. Es gab eine horrible Zusammenarbeit mit dem manisch-dämonischen Produzenten Phil Spector. Und immer wieder Depressionen, Krisen, Rückzüge des amourös äußerst aufgeschlossenen homme à femmes. Dann ein „Comeback“. Dann wieder Rückzug, in den 1990er-Jahren sogar für mehrere Jahre, in ein Zen- Kloster auf Mt. Baldy in Kalifornien, aus dem er dann kurz vor einem völligen Kollaps bis nach Indien floh, wo er in Mumbai eine neue Balance fand. Und neue Kreativität. Selbstzweifel verließen ihn lebenslang nie, das zeichnet Lebold eindringlich und bewegend nach. Und schließlich im letzten Lebensjahrzehnt, als Cohens Stimme, gestählt durch viel Whiskey und viele, viele Zigaretten, zum Kellerbariton mutiert war – eine großartige Entsprechung seiner immer düstereren und verschatteteren Texte –, dann eine triumphale Erfolgstournee nach der anderen, neue Kreativitätsschübe – und das Ganze simpler Not gehorchend. Denn seine damalige Managerin, zugleich seine finanzielle Treuhänderin, hatte sein Vermögen durchgebracht. Knapp zwei Jahre verbrachte er mit Klagen und Gegenklagen. 2015 wurde bei ihm dann die Krankheit diagnostiziert, der auch seine Mutter erlegen war, Leukämie. Am 7. November 2016 starb er an den Folgen eines Sturzes.
Am Ende schreibt Lebold, der einst über Umwege E-Mail-Kontakt zu Cohen herstellen konnte, ihn dann zufällig in Liverpool traf und in den letzten zwei Jahren in Los Angeles mit ihm reden, trinken, rauchen konnte, über seine erste, zu Lebzeiten des Musikers erschienene Buchfassung, es sei eine „Ode“ gewesen.
Das ist die Variante 2026 ebenfalls, auch wenn Lebold, stilistisch ein Rhapsode, versucht, in jeden Satz noch ein Wortspiel zu packen, was gelegentlich gründlich enerviert; so würde man öfters einfach gerne klare Fakten haben oder Porträt-Vignetten der Freundinnen und Freunde. Wer sich künftig mit Leonard Cohen, seiner Musik, seinen Texten, seinem Leben beschäftigt, kommt an diesem lesenswerten Buch dennoch nicht vorbei.





















