Der politische Eisbrecher am Golf

US-Rabbiner Marc Schneier: Der Freund arabischer Potentaten versorgt die Weltmeisterschaft in Katar mit koscheren Hot Dogs.

0
398
„Fühle mich mit meiner Kippa in Bahrain sicherer als bei meinem letzten Besuch in Berlin.“ Rabbi Schneier hier mit Abdullah bin Hamad bin Isa Al Khalifa, dem zweiten Sohn des heutigen Königs von Bahrain. © Marc Schneier

WINA: Zeitgleich mit dem historischen Papstbesuch in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigen Arabischen Emirate (VAE), fand dort auch eine interreligiöse Konferenz statt. Sie waren als amerikanischer Rabbiner mit Wiener Wurzeln dabei. Sie setzen sich schon länger für den Dialog zwischen Juden und Muslimen ein. Wie kam es dazu?
Marc Schneier: Ich habe schon vor 30 Jahren realisiert, dass sich nach der Ermordung von Martin Luther King die historisch guten Beziehungen zwischen Juden und Afroamerikaner in den USA verschlechtert haben. Deshalb gründeten wir 1989 die Foundation for Ethnic Understanding und trugen wesentlich zur Verbesserung des Verhältnisses bei. Nachdem das erfolgreich auf Schiene war, richteten wir unseren Fokus ab 2007 auf die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts – das bessere Verständnis zwischen den 1,8 Milliarden Muslimen und 14,4 Millionen Juden auf der Welt. Heute ist unsere Stiftung in 30 Ländern aktiv.

Sie bereisen vornehmlich die Golfstaaten und haben gute Beziehungen zu den jeweiligen Machthabern aufgebaut. Kann der interreligiöse Dialog tatsächlich als „Eisbrecher“ für die Beziehungen zwischen den arabischen Staaten und Israel dienen?
❙ Ja, das ist uns bereits gelungen: Noch vor fünf Jahren sagte man mir: „Wir haben nichts gegen Juden, nur gegen Israel.“ Das höre ich heute nicht mehr. Denn wir haben unseren Gesprächspartnern verständlich gemacht, dass Israel für uns nicht nur eine politische Realität von 70 Jahren ist, sondern ein essentieller Teil unseres seit Jahrtausenden gelebten Judentums.

»Noch vor fünf Jahren sagte man mir:
„Wir haben nichts gegen Juden, nur gegen
Israel.“
Das höre ich heute nicht mehr.«
Marc Schneier

Auch Premierminister Netanjahu, der 2018 den Oman besucht hatte, bezeichnete jüngst die Nahost-Konferenz in Warschau als einen „historischen Wendepunkt“, weil er bei dieser Gelegenheit auch mit arabischen Politikern auf Tuchfühlung gegangen war. Wo sehen Sie die Gründe für dieses Tauwetter?
❙ Ich sehe drei wesentliche Ursachen für die neue Beweglichkeit der Golfstaaten, sich Israel anzunähern. Der erste gemeinsame Nenner ist die existenzielle Bedrohung durch den Iran. Diese Angst ist begründet und real. Das zweite Motiv geht auf ökonomische Interessen zurück: Die Ölförderungen im Golf sind rückläufig, und das technologische Knowhow Israels bietet konkrete regionale Anreize. Und drittens wollen diese Staaten ihre Beziehungen zu den USA stärken – auch aus den bereits erwähnten Sicherheitsbedenken.

Steht der israelisch-palästinensische Konflikt nicht mehr im Zentrum des Israel-Boykotts?
❙ Ich bin überzeugt, dass der israelisch-palästinensische Konflikt heute nicht mehr ohne Teilnahme der Golfstaaten gelöst werden kann – insbesondere auch wegen der wirtschaftlichen Chancen, die für die Zukunft – auch der Palästinenser – damit einhergehen. Die politischen Köpfe in den Golfstaaten haben sehr wohl erkannt, dass sie Teil des Friedensprozesses sein müssen.

Welches Land am Golf wird zuerst ausscheren und offizielle Beziehungen zu Israel aufnehmen?
❙ Wenn ich eine Wette abschließen müsste, welcher der sechs Golfstaaten – Bahrain, Katar, Kuwait, der Oman, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate – als erster offizielle Beziehungen zu Israel aufnimmt, würde ich auf Bahrain tippen. Jedenfalls wünsche ich mir das, denn König Hamad bin Isa Al Chalifa hat sich bereits 2011, als ich ihn das erste Mal traf, sehr positiv geäußert. Er war auch die erste Führungspersönlichkeit am Golf, die sich öffentlich gegen den Iran und dessen terroristische Aktivitäten aussprach. Der König von Bahrain sagte mir schon 2016 Folgendes: „Die einzige Garantie für eine starke, moderate arabische Stimme ist ein starkes Israel.“ Deswegen hoffe ich, dass Bahrain der erste Staat sein wird, der diplomatische Beziehungen zu Israel aufnimmt.

In welchem Zeitrahmen rechnen Sie damit?
❙ Ich wäre nicht überrascht, wenn das bis zum Jahresende 2019 passieren würde. Meiner Meinung nach ist es nicht mehr eine Frage, ob es Beziehungen der Golfstaaten mit Israel geben wird, sondern nur, wann.

In den Ländern, die Sie bereisen, wird noch immer offen antisemitische Propaganda betrieben. Wie geht es Ihnen damit vor Ort?

❙ Ich verspürte dort noch nie Antisemitismus. Ich muss sogar sagen, dass ich mich mit meiner Kippa auf dem Kopf in Bahrain sicherer fühle als bei meinem Besuch in Berlin vor einiger Zeit.

Auch in den USA ist der Antisemitismus angestiegen?
❙ Aber schauen Sie sich doch die Wandlung in den muslimisch-jüdischen Beziehungen in den USA an. Die amerikanisch-muslimischen Gemeinden leben in großer gegenseitiger Solidarität mit der amerikanisch-jüdischen Glaubensgemeinschaft. Nach dem Massaker in der Synagoge von Pittsburgh hat die muslimische Community 200.000 Dollar gesammelt, um für die Kosten der Beerdigung der Opfer aufzukommen. Muslimische Führer in den USA erheben ihre Stimme gegen Antisemitismus. Das ist beispielhaft, diesen Geist müssen wir auch nach Europa bringen.

In Europa diskutiert man derzeit hauptsächlich über den „importierten Antisemitismus“ aus den arabischen Staaten.
❙ Dieses Thema kann man sicher nicht ignorieren. Doch aufgefordert ist die Führung der muslimischen Gemeinschaft, sie muss gegen den Antisemitismus in ihren eigenen Reihen auftreten. Das können weder die jüdischen Gemeinden machen noch die Vertreter des österreichischen Staates. Es muss aus der muslimischen Gemeinschaft selbst kommen. Meine Formel für das jüdisch-muslimische Zusammenleben lautet: Ich übernehme meine Verantwortung als Wortführer in der jüdischen Gemeinde und spreche mich gegen Islamophobie aus. Gleichzeitig erwarte ich von meinen muslimischen Kollegen, dass sie bei Holocaustleugnung und antisemitischen Vorfällen klar Stellung beziehen.

Sie sprechen auch vom „Aufbau eines jüdischen Lebens“ im Golf. Was verstehen Sie darunter?
❙ Es gibt zwar noch keine Juden in Kuwait und Saudi-Arabien, aber in Bahrain leben 37 Juden, darunter Geschäftsleute, aber auch Einheimische. Der König bat mich sogar, ihm beim Aufbau des jüdischen Lebens zu helfen. Ich empfahl ihm die nötige Infrastruktur, also ein Bethaus, eine Mikwe, zu installieren.
In den VAE wird religiöses Leben noch im Geheimen praktiziert. Dort arbeitende Juden und Touristen benützten bisher diskret eine Villa in Dubai als ihre Synagoge. Jetzt wird schon über einen öffentlich bekannten Ort als Bethaus diskutiert.

Werden zur Fußballweltmeisterschaft 2022 auch Israelis nach Katar kommen können?
❙ Es wurde mir versichert, dass Israelis und Juden teilnehmen und in das Land kommen können.

Sie bemühen sich, koscheres Essen für dieses Event 2022 nach Katar zu bringen?
❙ Ja, das stimmt. Ob es ein umfassendes Menü sein wird, weiß ich nicht, aber koschere Hot Dogs sollten sich ausgehen!


Marc Schneier
wurde 1959 in New York als Sohn des aus Wien stammenden Rabbiners Arthur Schneier geboren und absolvierte die dortige Yeshiva University. Er setzt sich mit seiner Foundation for Ethnic Understanding für den Dialog zwischen Muslimen und Juden ein und ist auch im Beratergremium des in Wien ansässigen König-Abdullah-Zentrums für interreligiösen und interkulturellen Dialog (KAICIID) tätig. 1990 gründete er die Hampton Synagogue. 2013 publizierte er gemeinsam mit dem Imam Shamsi Ali das Buch A Candid Conversation about the Issues That Divide and Unite Jews and Muslims.

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here

*

code