Der Sammler in der Großstadt

Vor 130 Jahren wurde in Berlin Walter Benjamin geboren. Er sollte zu einem führenden Intellektuellen der Zeit zwischen den Kriegen werden – und nahm sich auf der Flucht vor den Nazis an der französischspanischen Grenze das Leben.

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© Austrian Archives / brandstaetter images / picturedesk.com

Keine Klingel schlug freundlicher an. Hinter der Schwelle dieser Wohnung war ich geborgener als selbst in der elterlichen. […] In ihrem Inneren saß die Großmutter […]. Wenn man die alte Dame auf ihrem teppichbelegten und mit einer kleinen Balustrade verzierten Erker, welcher auf den Blumeshof hinausging, besuchte, konnte man sich schwerlich denken, wie sie große Seefahrten oder gar Ausflüge in die Wüste unternommen hatte. Madonna di Campiglio und Brindisi, Westerland und Athen und von wo sonst sie auf ihren Reisen Ansichtskarten schickte.“

Dieser kurze Abschnitt aus den Erinnerungen Berliner Kindheit um neunzehnhundert verweist bereits auf das gehobene soziale Umfeld des Buben. Walter Benedix Schoenflies Benjamin wurde am 15. Juli 1892 in Berlin in eine großbürgerliche, jüdische assimilierte Familie hineingeboren. Sein Vater Emil Benjamin hatte als Kunst- und Antiquitätenhändler ein beträchtliches Vermögen erwirtschaftet und bezeichnete sich zwar selbst noch als Kaufmann, heute würde man wohl ihn eher Investor nennen. Er widmete sich zunehmend wechselnden Beteiligungen an Firmen, die er dann wieder gewinnbringend verkaufte. Die geliebte Großmutter mütterlicherseits, der Benjamin seine spätere Reiselust verdankte, lebte ebenfalls in gut gepolsterten Verhältnissen, ihre Wohnung zählte – je nach Berichterstatter – zwölf bis 14 Zimmer. Und auch ins Theater nahm sie den Enkel regelmäßig mit – literarische Grundausbildung inklusive. Ihre Seite der Familie hatte überdies schon eine Reihe von – getauften – jüdischen Professoren aufzuweisen, ob für klassische Archäologie oder für Mathematik.

„Als wohl behütetes Großbürgerkind genoss der älteste Sohn der Familie zunächst Privatunterricht“, schreibt sein Biograf Momme Brodersen. „Erst mit fast neun Jahren kam er in eine öffentliche Anstalt: auf die Charlottenburger Kaiser-Friedrich-Schule am Savignyplatz.“ Doch das war nur von kurzer Dauer, der kränkelnde Walter wurde in ein Landerziehungsheim nach Thüringen – weit außerhalb der Großstadt – versetzt und lernte dort eine liberalere, tolerantere Umgebung kennen. Dazu trug wesentlich der Schulreformer Gustaf Wyneken bei, den Benjamin später im Studium wieder treffen sollte.

Benjamin und das Jüdische

Angeblich koexistierten in der Familie Benjamin jüdische Feiertage und der christliche Weihnachtsbaum. Von einer dezidiert jüdischen Ausbildung schreiben seine Biografen nichts, aber er dürfte unter all seiner umfassenden Lektüre auch die wichtigsten religiösen Schriften gelesen haben. Am Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit, ehe er zum linken Materialisten wurde, finden sich von ihm sogar Texte mit mythischen Bezügen. Einer seiner wichtigsten Lebensmenschen war der jüdische Gelehrte Gerhard Gershom Scholem, den er 1915 kennen lernte und mit dem er bis zu seinem Tod 1940 befreundet blieb und einen regen – äußerst vielfältigen und intellektuell hoch stehenden – Briefwechsel unterhielt. Scholem war schon in den 1920er-Jahren überzeugt, dass die Assimilation der Juden in Deutschland gescheitert sei, und emigrierte folgerichtig nach Palästina. Dort arbeitete er erst als Bibliothekar, später als Professor für jüdische Mystik an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er wirkte auf Benjamin ein, ebenfalls nach Palästina zu kommen, und verschaffte ihm ein Stipendium einer jüdischen Organisation zum Hebräisch-Lernen. Benjamin nahm das Geld zwar an, brach aber die Sprachstunden bald darauf endgültig ab. Das trübte eine Zeit lang das Verhältnis zu Scholem. Jüdisches Denken findet sich bei Benjamin in seinen zahlreichen Schriften immer wieder, manchmal sogar in seltsamen, schwer verständlichen Kombinationen, etwa von historischer Entwicklung, revolutionärer Politik und messianischer Erlösung: „Der echte Begriff der Universalgeschichte ist ein messianischer. Die Universalgeschichte im heutigen Verstande ist eine Sache der Dunkelmänner.“ Und manchmal poppen alte Worte an unerwarteten Stellen auf, etwa bei einem Artikel über Karl Kraus: „Dass dieser Mann, einer der verschwindend wenigen, die eine Anschauung von Freiheit haben, ihr nicht anders dienen kann denn als oberster Ankläger, das stellt seine gewaltige Dialektik am reinsten dar. Ein Dasein, das, eben hierin, das heißeste Gebet um Erlösung ist, das heute über jüdische Lippen kommt.“

Nach dem Abitur studierte er in Freiburg, in Berlin und dann in München eine Mischung aus Philosophie, Kunstgeschichte und Germanistik. Zwar hatte er sich zunächst der Stellung als Einjährig-Freiwilliger unterzogen, simulierte dann aber bei Kriegsausbruch 1914 einen „Zitterer“ und übersiedelte später in die Schweiz, nach Bern, wo er vor dem Eingezogen-Werden sicher war. Dort promovierte er dann 1917 mit einer Arbeit über die Kunstkritik in der deutschen Romantik. Und er heiratete eine Wienerin, Dora Kellner, die Tochter eines Anglisten und Freunds von Theodor Herzl. Dora war Journalistin und Autorin von Krimis, sie wurde in bekannten Zeitschriften gedruckt und redigierte das Modeblatt Die praktische Berlinerin. Das war für das Paar – mit einem kleinen Sohn – ökonomisch wichtig, viele Jahre lang bestritten die Einkünfte Doras den überwiegenden Teil der Lebenskosten.

Denn Benjamin wollte zunächst eine wissenschaftliche Karriere einschlagen. Er versuchte sich an mehreren Universitäten zu habilitieren, schrieb auch über einen längeren Zeitraum an einer großen Arbeit. Doch 1925 wurde diese an der Universität Frankfurt abgelehnt. Sein Vater, der ihn immer wieder gedrängt hatte, sich einem lukrativen Beruf zuzuwenden, brach mit ihm, er musste anfangen, sich als freier Autor durchzuschlagen.

Das sollte auch sein weiteres Leben bestimmen. Es gelang ihm, für durchaus angesehene Publikationen Beiträge zu liefern, etwa die Frankfurter Zeitung, das Berliner Tagblatt, die Literarische Welt, Der Querschnitt oder die Vossische Zeitung. Und er knüpfte Kontakte zu führenden Intellektuellen der Zeit, von Siegfried Kracauer bis Hugo von Hofmannsthal, von Filippo Marinetti bis André Gide und Bertolt Brecht. Zu diesem entwickelte sich eine Freundschaft, man plante sogar eine gemeinsame Zeitschrift, aus der aber dann nichts wurde.

„Proletarische Mimikry des zerfallenden Bürgertums“. Benjamin begann – ganz nach dem Vorbild seiner Großmutter – zu reisen: nach Frankreich, nach Italien, nach Österreich, nach Norwegen oder Dänemark, wo Brecht ein Haus hatte. Und er begann, zusätzlich zu seinen FeuilletonArtikeln längere Texte zu schreiben und auch zu übersetzen, etwa Werke von Marcel Proust oder Charles Baudelaire. In seinen Kritiken widmete er sich Karl Kraus, Ernst Jünger und Franz Kafka, er schrieb über den beispielhaften Großstadtroman von Alfred Döblin Berlin Alexanderplatz, und er legte sich mit den damals populären Kollegen Erich Kästner und Kurt Tucholsky an.

Benjamin war inzwischen politisiert worden – links, allerdings ohne je der Kommunistischen Partei beizutreten. In manchen der linken Schriftsteller sah er freilich bloß modische Salonsozialisten, die auf radikal machten, aber sich ihres ebenfalls bürgerlichen Publikums sicher waren: „Die linksradikalen Publizisten vom Schlage der Kästner, Mehring und Tucholsky sind die proletarische Mimikry des zerfallenden Bürgertums. Ihre Funktion ist, politisch betrachtet, nicht Parteien, sondern Cliquen, literarisch betrachtet, nicht Schulen, sondern Moden, ökonomisch betrachtet nicht Produzenten, sondern Agenten hervorzubringen.“ Letzten Endes dienten sie der Zerstreuung, dem Amüsement, dem Konsum.

Walter Benjamin Memorial des israelischen Künstlers Dani Karavan in Portbou, Spanien. © Nostrix; CC BY-SA 3.0

Ein Besuch in der Sowjetunion, angeregt von seiner Geliebten, einer litauischen Kommunistin, bereitet ihm mehrere Enttäuschungen, sowohl, was eigene Publikationsmöglichkeiten betraf, wie auch die intellektuellen Einschränkungen des politischen Systems. Und doch werden für ihn politökonomische Themen immer wichtiger. So befasst er sich intensiv mit Theorien der Warenwelt, wie sie Karl Marx nur angerissen hatte, etwa wie aus Gebrauchsgegenständen durch Werbung und Präsentation „Rauschmittel“ werden. Er wendet sich gegen Mainstream-Historiker, die immer nur die Sieger beschreiben, die Massen der unterdrückten Arbeiter oder Leibeigenen stets vernachlässigen. Er durchstreift – geistig und real – die Großstädte, vor allem Berlin und Paris, und philosophiert über das völlig neue, andere Lebensgefühl der anonymisierten Massen. Schließlich analysiert er neue Medien, hier vor allem den Film, von dem er sich auch politisch viel erwartet, nicht weniger als eine Emanzi – pation der Zuseher.

 

„Der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben
Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten
Religionen Antwort gaben.“
Walter Benjamin

 

„Die technische Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verändert das Verhältnis der Masse zur Kunst. Aus dem rückständigsten, z. B. einem Picasso gegenüber, schlägt es in das fortschrittlichste, z. B. angesichts eines Chaplin, um.“ Wie so oft in seinen Schriften reiht er brillante Gedanken, Assoziationen, Schlüsse seiner umfangreichen Bildung aneinander, und dann wird doch keine logisch konsistente Theorie daraus. Ähnliches gilt für die Ökonomie, ebenso für die Politik. Seine Warentheorie hängt auf der Produktionsseite in der Luft, die politische Analyse ist im kleinen Detail scharf und präzise, bleibt dann aber doch nur eine große Klage über die herrschenden Verhältnisse. „Mussolini“, schreibt er schon 1924, „sieht anders aus als der Herzensbrecher, den die Ansichtskarten zeigen: unlauter, träge und von einem Hochmut, als sei er mit ranzigem Öl reichlich gesalbt.“ An Hitler erkennt er, nachdem er bei Brecht in Dänemark eine Radiorede des Führers gehört hatte, „herabgeminderte Männlichkeit […] so viel Glanz um so viel Schäbigkeit. Der arme Teufel will ernst genommen werden, und sogleich muss er die ganze Hölle aufbieten.“ Diese Schäbigkeit und ihre Hölle reichten freilich aus, um einem jüdisch stämmigen Autor das Leben zunehmend schwer zu machen. „Es gelang ihm kaum mehr, lohnenswerte Aufträge hereinzuholen“, schreibt Biograf Brodersen. „Vom Rundfunk, seiner damaligen Haupteinnahmequelle, hatten die Nazis so umgehend und gründlich Besitz ergriffen, dass er sich keinerlei Hoffnungen auf eine weitere gedeihliche Zusammenarbeit machen konnte. Und auch die Frankfurter Zeitung, seine zweite Stütze, verhielt sich angesichts der politischen Entwicklung zunächst abwartend.“

Die politische Verfolgung nahm schnell Fahrt auf, zahlreiche intellektuelle Deutschland, darunter Brecht und Kracauer. Er selbst wechselte mehrmals sein Exilland, einmal nach Spanien, dann wieder nach Südfrankreich, wohnte dort kurz bei seiner Frau, von der er inzwischen geschieden war, dann zog er nach Paris. Er publizierte vereinzelt noch unter anderen Namen in wenigen deutschen Medien sowie in einigen deutschsprachigen Exilblättern. Die größte Hilfe bot ihm die Zeitschrift für Sozialforschung des gleichnamigen Instituts, das erst nach Frankreich, später in die USA übersiedelte. Seine Ansprechpartner waren der ehemalige Schüler Theodor Adorno sowie Max Horkheimer und Leo Löwenthal. Auch wenn er dort nicht alles unterbrachte, was er schrieb, wenn man ihn auch immer wieder redigierte oder zum Umarbeiten anhielt, so bekam er doch mehrere Jahre lang ein  kleines, überlebenswichtiges – monatliches Fixum. 1940 eroberten die Deutschen in einem Blitzkrieg große Teile Frankreichs inklusive Paris. Benjamin entschloss sich nun doch, ins ungeliebte Amerika zu fliehen. Ein Affidavit hatten ihm die Kollegen beim Institut für Sozialforschung in New York besorgt. Doch nun änderten sich die Bedingungen für die Ausreise aus Frankreich in immer kürzeren Abständen. Benjamin versuchte erst, in Marseille mit falschen Papieren auf einen Frachter zu kommen, wurde aber entdeckt. Der nächste Plan sah vor, über einen Pfad auf der östlichen Seite der Pyrenäen nach Spanien zu gelangen und dann von Lissabon aus in die USA zu fahren. Doch auch die spanischen Grenzbeamten hatten eine neue Direktive erhalten, sie durften niemanden ins Land lassen, der keine gültigen französischen Ausreisepapiere hatte. Benjamin, mit einer Herzschwäche ohnehin schon am Ende seiner Kräfte, nahm sich daraufhin in einem Hotel mit mitgebrachten Morphium-Tabletten das Leben.

Am Ort des gescheiterten Grenzübertritts, in Portbou nahe Girona hat der begnadete israelische Bildhauer Dani Karavan ein Denkmal für Walter Benjamin gebaut. Ein beklemmender stählerner Korridor führt steil hinunter ans blaue Mittelmeer, an jenes Meer, über das heute Flüchtlinge aus Afrika nach Europa streben. Als wäre es eine düstere Vorahnung gewesen, hatte Benjamin einst in einem Essay über Kafka diesen zitiert: „Oh, Hoffnung genug, unendlich viel Hoffnung – nur nicht für uns.“


Deutsche Dichter, Pariser Passagen

Benjamins Werk ist auf zahlreiche essayistische Einzelpublikationen und Feuilleton-Artikel verteilt. Nur weniges wurde zu seinen Lebzeiten zwischen Buchdeckeln publiziert. Unter Intellektuellen bekannt wurde er durch den Band kurzer, manchmal aphoristischer Texte Einbahnstraße, der 1928 bei Rowohlt heraus kam. Ein Beispiel: „Glücklich sein heißt ohne Schrecken seiner selbst innewerden können.“ Oder: „Es gibt in Mietskasernen eine Musik von so todtrauriger Ausgelassenheit, dass man nicht glauben will, es sei für den, der spielt: Es ist Musik für die möblierten Zimmer, wo einer sonntags in Gedanken sitzt, die bald mit diesen Noten sich garnieren wie eine Schüssel Obst mit welken Blättern.“ In der Schweiz erschien 1936 der Band Deutsche Menschen, eine von Benjamin kommentierte Briefsammlung aus den Jahren 1767 bis 1883. Darunter sind etwa Schreiben von Friedrich Hölderlin, Georg Christoph Lichtenberg, Clemens Brentano, Annette von Droste-Hülshoff, Georg Büchner oder Clemens von Metternich. Das Werk, an dem Benjamin viele Jahre arbeitete, besser: für das er recherchierte und sammelte, erschien erst postum, nach dem Zweiten Weltkrieg: Passagen.

Es ist eine unstrukturierte, teilweise wi – dersprüchliche und manchmal rätselhafte Sammlung von Ideen, Texten und – zunehmend – Zitaten anderer Autoren. Ausgangspunkt seiner geplanten umfassenden Studie waren die Pariser Einkaufs – passagen des frühen 19. Jahrhunderts mit ihren verlockenden Auslagen voller Waren, quasi die verlängerten Wohnzimmer der wohlhabenden, gelangweilten Flaneure: „Die Stadt zehnfach und hundertfach topographisch zu bauen aus ihren Passagen und ihren Toren, ihren Friedhö – fen und Bordellen, ihren Bahnhöfen […] genau wie sie sich früher durch ihre Kirchen und ihre Märkte bestimmte. Und die geheimeren, tiefer gelagerten Stadtfiguren: Morde und Rebellionen, die blutigen Knoten im Straßennetze, Lagerstätten der Liebe und Feuersbrünste.“ Inmitten dieser Materialfülle beginnt sich der Autor quasi aufzulösen: „Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen. Ich werde nichts Wertvolles entwenden und mir keine geistvollen Formulierungen aneignen. Aber die Lumpen, den Abfall: die will ich nicht inventarisieren sondern sie auf die einzig mögliche Weise zu ihrem Rechte kommen lassen: sie verwenden.“

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