Der Schammes trug Dreispitz

Jüdische Home-Base und gesellschaftlicher Fixpunkt. Ganz persönliche Erinnerungen an den Wiener Stadttempel der 1950er- und 1960er-Jahre.

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(c) Daniel Shaked

Herr Silzer war eine Respektsperson. Auf dem Haupt trug er stolz einen Dreispitz, also einen Hut wie Napoleon, und dazu eine Art Uniform in Braun mit golden eingefassten Epauletten. Wirklich in Braun? Erinnere ich mich richtig? Doch meine gleichaltrige Freundin Lilly bestätigte auf meine Nachfrage: Ja, sie war braun! 

Ernst und würdig waltete Herr Silzer seines Amtes als Synagogendiener, vulgo Schammes, im Wiener Stadttempel meiner Kindheit. Ebenso würdig saß seine Gattin samt beiden Töchtern auf der Frauenempore. Marianne, die jüngere, ging mit Lilly und mir in den jüdischen Religionsunterricht für Volksschülerinnen und Volksschüler in der Zieglergasse, wo einem der gefürchtete Lehrer schon mal heftig auf die Finger schlug, wenn man in der ersten Reihe saß und eine falsche Antwort gab. Hedy, die ältere, „genoss“ mit meinem Bruder selbigen Lehrer, der Harry dann noch auf die Bar Mizwa vorbereitete und später GsD nach Amerika auswanderte. Aber zurück in den Stadttempel der 1950er- und 1960er-Jahre.

(c) Daniel Shaked

Rituale. Herrn Silzers undankbare Aufgabe war es, auf Ordnung und mittels zwischen den Lippen hervorgestoßenem „Pschhhht“ auch möglichst auf Ruhe zu achten. Dann huschten wir Mädchen aus den engen Bankreihen in das dunkle Stiegenhaus, setzten uns auf die kalte Wendeltreppe und plauderten weiter.

Die allerhöchste und würdigste Respektsperson war freilich Oberrabbiner Akiba Eisenberg. Bei Gottesdiensten trug er eine hohe schwarze Kopfbedeckung und einen schwarzen, sich über seiner zunehmenden Körpermitte wölbenden langen Talar. Zuweilen holte er seine unter dem weiten Samtärmel verborgene linke Hand hervor, um verstohlen auf die Armbanduhr zu blicken, während der ebenso mit hohem Hut schwarz gekleidete Kantor Gutmann lang und laut singend die Gebete vortrug. An einen Chor, wie er heute üblich ist, kann ich mich nicht erinnern.

35 Jahre lang war Akiba Eisenberg die absolute religiöse Autorität und unserer Familie und vor allem meinem Vater, mit dem er gern über Talmud-Fragen diskutierte, auch freundschaftlich verbunden. Dass seine Frau Eva als Rebbezen auf ihrem Ehrenplatz quasi in der Präsidentenloge der Frauengalerie thronte und nach dem Gottesdienst huldvoll die entsprechenden Wünsche – „Gut Schabbes“, „Gut Jontef“ – freundlich lächelnd entgegennahm, gehörte zu den selbstverständlichen Festtagsritualen.

Mit Hüten und eleganten Kleidern herausgeputzt, strahlten die Damen oben um die Wette, wir Mädchen waren „schön angezogen“, während Herren und Knaben im Parterre anzugmäßig einen eher dunklen Eindruck machten. Einen „Talles“, also den weiß-schwarzen Gebetsschal, hatten damals nur die wenigsten um. Daran musste ich unlängst denken, als ich im Tempel staunend fast durchwegs Männer im Talles wahrnahm, wie ich es früher nur aus den orthodoxeren „Stiebln“ gekannt hatte, die wir immer zu den Hohen Feiertagen aufsuchten. Den Stadttempel besuchten wir hingegen manchmal am Schabbat, an anderen Feiertagen oder zu festlichen Anlässen. Doch er war und blieb unsere jüdische Home-Base und ebenso ein gesellschaftlicher Fixpunkt. Hier sah man sich und wurde gesehen, tratschte und wurde betratscht. Hier heiratete und hier trauerte man im vertrauten Kreis. Hierher kam und kommt man, um Masel tov zu wünschen und das Kaddisch zu sagen. 

Ende einer Ära. Wann und wohin Schammes Silzer mit seinem Napoleon-Hut und seiner Familie verschwunden ist, weiß ich nicht, aber dass mit ihm und viel später dann mit dem Ableben von Akiba Eisenberg 1983 eine Ära und auch meine Jugend vorüber waren. Dass ihm mein einstiger Mitschüler aus dem Religionsunterricht für Gymnasiasten als Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg nachfolgte, empfand ich als logische Kontinuität, andererseits als Ausdruck eines Wandels. In der gesamten Gemeinde dieselbe unbestrittene „väterliche“ Autorität auszuüben, gelang „Pauli“, der er für unsere Generation immer blieb, weniger. Seit seinem Abgang gab es mehr Wandel und weniger Kontinuität.

Oder ja, doch! Seit nunmehr 200 Jahren steht unser Stadttempel in der Seitenstettengasse allen offen.

Wie Oberrabbiner Zwi Peres Chajes in seiner Festrede zur Hundertjahrfeier des Tempels am 16. März 1926 gemeint hat: „Jeder, der in dieses Haus kommt, muss sich hier heimisch fühlen, woher auch immer er komme. Hier in der Synagoge darf man nichts Neues schaffen, hier muss man nur abstauben.“

Möge das nach zwei Jahrhunderten wohl notwendige Abstauben gelingen! 

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