Der scharfe weibliche Blick

Die Fotogalerie Westlicht präsentiert drei große jüdische US-Fotografinnen: Lisette Model, Diane Arbus und Nan Goldin.

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Fashion Show. Lisette Model, NYC, 1940. © Estate of Lisette Model; Nan Goldin

Die Menschen vor ihren Linsen mögen ganz unterschiedlich sein, aus Gesellschaftsschichten und Lebenswelten stammen, die kaum etwas miteinander zu tun haben. Aber ein präziser und doch einfühlsamer Blick verbindet die drei Fotografinnen aus den USA, deren Werke die Wiener Galerie Westlicht in einer gemeinsamen Ausstellung zeigt: Lisette Model, Diane Arbus und Nan Goldin.

Singer at the Metropole Café.
Lisette Model, NYC, 1946.
© Estate of Lisette Model; Nan Goldin

Lisette Model. 1901 wird Elise Amelie Felicie Stern in Wien als Tochter eines jüdischen Arztes geboren. Zunächst widmet sie sich der Musik, studiert Komposition bei Arnold Schönberg und Gesang bei Marie Gutheil-Schoder. Mitte der 20er-Jahre zieht sie nach dem Tod ihres Vaters mit ihrer französischen Mutter nach Paris. Dort wendet sie sich von der Musik ab und der Fotografie zu, ohne zunächst eine formelle Ausbildung zu absolvieren. Aus den frühen 30er-Jahren stammen schon Reportagefotos über die Reichen und Berühmten an der Cote d’Azur, die an Professionalität nichts zu wünschen übriglassen. 1937 nimmt sie dann doch Unterricht bei der Fotografin Jogi André, sie heiratet den russisch-jüdischen Maler Evsa Model und emigriert mit ihm in die USA.

In New York, wo sie 1983 auch stirbt, macht sie recht schnell Karriere. Einerseits stellt sie in sozialkritischen Galerien aus, anderseits fotografiert sie für renommierte bürgerliche Magazine wie Harper’s Bazaar, Vogue oder Look. Ihre Bilder zeigen sowohl Arme in der Lower East Side wie die aufgebrezelten Societydamen bei New Yorker Fashion Shows. Während der McCarthy-Ära gerät sie als Linke in das Visier des FBI, sie verliert gut dotierte Zeitschriftenaufträge, zieht sich fast vollständig von der Fotografie zurück. Allerdings unterrichtet sie an mehreren Universitäten, etwa im kalifornischen Berkeley oder an der New School for Social Research in Manhattan.

Dort gehört Diane Arbus zu ihren Studentinnen, und Model empfiehlt diese auch persönlich für ein Guggenheim-Stipendium.

Ein präziser und doch einfühlsamer Blick verbindet die drei Fotografinnen aus den USA.

Diane Arbus kommt 1923 in New York als Diane Nemerov zur Welt, ihre Eltern mit jüdisch-russischem Background besitzen ein Pelz- und Modehaus auf der Fifth Avenue: Russeks. Diane nimmt Zeichenunterricht und heiratet – gegen die Willen der Eltern – als 18-Jährige den Verkäufer Allen Arbus, der bei der US Army eine Ausbildung zum Fotografen macht. Nach dem Krieg betreiben die beiden gemeinsam ein Fotostudio für Mode, erhalten auch Aufträge von Topmagazinen wie Glamour oder Vogue, trennen sich aber 1957 sowohl beruflich wie auch privat.

Nan und Brian im Bett. Nan Goldin, NYC, 1983.
© Estate of Lisette Model; Nan Goldin

Arbus wird Art Direktorin von Harper’s Bazaar und besucht daneben Workshops von Lisette Model. Dort lernt sie eine ganz andere Art der Fotografie kennen und selbst virtuos umsetzen: engagiert, sozial, eher auf „Freaks“ ausgerichtet denn auf den glatten Mainstream. Arbus gelingt es dennoch, auch diese kritischeren Arbeiten in großen Medien unterzubringen. Sie arbeitet etwa für Esquire, Glamour oder das New York Times Magazine. In den 60er-Jahren steigt sie dann von der Kleinbildkamera auf die größere zweiäugige Rolleiflex um, ab nun sind ihre Bilder quadratisch und etwas statischer, aber nicht weniger genau. Sie widmet sich immer wieder schwierigen Themen, etwa behinderten Menschen in Anstalten. Nun wird sie auch in der Kunstwelt wahrgenommen, unterrichtet selbst an mehreren Colleges, wird aber nicht glücklich. Arbus nimmt sich 1971 das Leben.

C.Z. und Max am Strand.
Nan Goldin, Truro, MA, 1976. © Estate of Lisette Model; Nan Goldin

Nan Goldin wurde 1953 in eine jüdische Mittelklassefamilie in Washington, D.C. hineingeboren und wuchs in Boston auf. Ihr Vater arbeitete beim Funk, unter anderem als Chefökonom der Medienbehörde Federal Communications Commission. Goldin war elf Jahre alt, als ihre ältere Schwester Selbstmord beging, sie verließ früh die Schule, begann aber schon mit 15 zu fotografieren. Ihre Vorbilder waren unter anderen Andy Warhol, Federico Fellini, Helmut Newton. Erste Reportagen zeigen die Undergroundszene von Boston, dann macht Goldin doch noch einen Abschluss an der Bostoner School of the Museum of Fine Arts.

Ab ihrer Übersiedlung nach New York wird sie zur bekannten Dokumentarin unterschiedlicher Subkulturen, vom Post Punk bis zu New Wave, von glamourösen Gay Clubs bis zur tristen Drogenszene der Bowery. Und sie schont sich auch selbst nicht, fotografiert sich etwa blau geprügelt von ihrem Freund. Goldin stellt in zahlreichen Museen aus, in den USA wie in Europa, beginnend im Whitney Museum of Modern Art. Sie lebt und arbeitet heute in New York City, Berlin und Paris.


MODEL ARBUS GOLDIN
Fotoaustellung bis 24. März 2019
Galerie Westlicht
Westbahnstraße 82, 1070 Wien
Di., Mi., Fr., 14-19 Uhr;
Do., 14-21 Uhr;
Sa., So., Feiertags, 11-19 Uhr

westlicht.com

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