Der Steinmetz aus Böhmen

Jiri Schreiber kam 1968 als Flüchtling nach Österreich. Am Wiener Zentralfriedhof arbeitet er seit mehr als vier Jahrzehnten an jüdischen Gräbern.

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Der traurige kleine Mann spricht leise, mit russischem Akzent. Zwei Anliegen habe er: Beim Grab seines Schwiegervaters sei der Boden nachgiebig, ob man die Schieflage ansehen und korrigieren könne. Und dann habe er noch einen Entwurf für den Grabstein seiner Tochter mitgebracht, er möchte Vorschläge zum Material bekommen.
Jiri Schreiber, ein kräftiger, grauhaariger Bär, antwortet hinter seinem Schreibtisch ebenso leise, aber mit der freundlichen Bestimmtheit des Profis, der schon viele derartige heikle Gespräche geführt hat. Er zeichnet gemeinsam mit seinem Bruder Pavel seit den 70er-Jahren am Wiener Jüdischen Friedhof für zahlreiche Grabsteine verantwortlich. Zwar sind beide – Jiri ist Jahrgang 50, Pavel 48 – bereits in Pension, arbeiten aber mangels Nachfolger noch weiter. „Mein Sohn hat an der WU Wirtschaft abgeschlossen, mein Bruder hat keine Kinder.“ Ein paar Mal kamen wohl Jugendliche zur Vorstellung, blieben aber nach wenigen Tagen wieder weg, die schwere Arbeit hatte sie abgeschreckt.

„Ich habe nicht gewusst, dass wir Juden sind, mein Vater ist am Freitagabend immer weggegangen, ich habe nicht gewusst wohin.“

Jiri Schreiber kam 1968 als jugendlicher Flüchtling aus der Tschechoslowakei nach Wien, seinen melodischen böhmischen Akzent hat er bis heute nicht abgelegt. Er hatte in Liberec/Reichenberg eine Automechanikerlehre erfolgreich absolviert und auch in Wien schnell Arbeit bei der Wartung von Landmaschinen bekommen. Doch dann sollte die neue Firma seines Vaters seine Berufslaufbahn völlig verändern.
Leopold Schreiber hatte Theresienstadt und mehrere andere Lager überlebt. Nach dem Krieg führte er wieder einen eigenen Steinmetzbetrieb, bis die Kommunisten diesen verstaatlichten und ihn zur gesundheitsschädlichen Schleifarbeit als einfacher Arbeiter degradierten. „Ich habe nicht gewusst, dass wir Juden sind“, erzählt Jiri, „mein Vater ist am Freitagabend immer weggegangen, ich habe nicht gewusst wohin.“ Es dürfte ein geheimes Beit-Stiebel gewesen sein, in Liberec gab es damals nur wenige jüdische Familien.
Das Outing kam dann mit einem Ausreiseantrag nach Israel. Der wurde abgelehnt, aber damit war die Familie als jüdisch deklariert, auch die Buben. „Diskriminiert sind wir nicht worden in der Schule“, erzählt Jiri, „sie haben einfach nichts damit anfangen können. Ebenso hätten wir sagen können, wir wollen zum Papst fahren.“

Anstrengend, aber schön. Die leichtesten Steine, die Steinmetz Jiri Schreiber bearbeitet, wiegen um die 100 Kilo.

1968 in die Freiheit. Sein Vater hatte allerdings damit seine Hoffnungen aufgegeben, jemals nach Israel zu kommen, wo die Familie Verwandte hatte, und auch jene, in der Tschechoslowakei jemals wieder selbstständig arbeiten zu können. Also ergriff die Familie 1968 die Gelegenheit und floh nach Wien. „Wir haben hier Cousins meines Vaters gehabt, die uns geholfen haben. Meine Eltern konnten auch Deutsch, aber ich kein Wort“, erzählt Jiri Schreiber.
Doch Österreich war damals Fremden gegenüber aufgeschlossen. Vater Schreiber wurden seine böhmischen Papiere schnell anerkannt, er durfte einen kleinen Steinmetzbetrieb in Meidling eröffnen. Und bald meldete sich die jüdische Gemeinde, man suche einen qualifizierten Handwerker für die Friedhöfe, als Werkstätten wurden bestehende, wenn auch heruntergekommene Gebäude am Tor 4 und am jüdischen Teil am Tor 1 angeboten. „Wir haben das hier am 4. Tor genommen, das war einmal eine Zeremonien­halle, nach dem Krieg halt beschädigt.“
Jiri entschloss sich, eine zweite Lehre zu machen, als Steinmetz in Kagran. Ein Jahr ließ man ihm nach, weil er schon Geselle war, daneben büffelte er Deutsch im Alten Rathaus, wo diverse Kurse angeboten wurden. Jahre später setzte er noch die Meisterprüfung drauf.
Es ist eine anstrengende Arbeit. Die leichtesten Grabsteine wiegen 100 Kilo, eine Grabplatte kann schon eine Tonne erreichen. Am schwierigsten ist die Renovierung alter Gräber, an denen Jahrzehnte nichts gemacht wurde, wo sich Stein und Umrahmung gesetzt und verschoben haben. Dann muss man alte Teile wegheben, neue Fundamente betonieren. „Dennoch habe ich die Renovierung gerne“, so Schreiber. „Da gilt es jedes Mal, etwas anderes zu beachten. Neue Steine setzen kann jeder.“
Die Renovierung macht auch mehr als die Hälfte seiner Arbeiten aus. Oft kommen Nachfahren aus fernen Ländern, sogar aus Afrika, und lassen Gräber wieder herrichten, manchmal wird die Gemeinde Wien aktiv bei ehemaligen Künstlern und Gelehrten. Aber viel mehr wäre nötig, die heutige kleine Gemeinde kann laut Schreiber nicht die vielen alten Gräber betreuen. Metallverbindungen rosten, und Grabsteine stürzen um, dann gibt es wieder Sturm, schwere Äste fallen von den Bäumen. Vandalismus, in der Vergangenheit ein Problem, habe es zuletzt nicht gegeben.
Vor der Werkstätte Schreibers sind zwei Reihen von Mustergrabsteinen aufgestellt. Manche von ihnen kommen von weit her: aus Italien und Schweden, aus Lateinamerika und Indien, vereinzelt sind Granite aus dem Waldviertel darunter.
„Von den Grabsteinen her haben sich jüdische und christliche einander angenähert“, erzählt Schreiber. „Der große Unterschied ist die Sprache.“ Für die hebräischen Schriftzeichen beschäftigt er außerhalb seiner Vier-Mann-Firma noch drei selbstständige Graveure. Und er hat in eine Sandstrahlmaschine investiert, bei der man die schwierigen Texte via Computer und Plotter vom Schreibtisch aus eingeben kann.

Text und Foto: Reinhard Engel

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