Der Tod des Konzerngründers

Im Dezember starb Isak Andic. Er wurde als sephardischer Jude in der Türkei geboren und baute in Barcelona eines der größten europäischen Textilunternehmen auf, Mango.

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Isak Andic (1953–2024) war ein stiller, strebsamer und wirtschaftlich umsichtiger Firmengründer und Leiter. © Mango

Die Trauerkundgebung war mächtig und zeigte die Verbundenheit der Arbeiterinnen und Angestellten mit ihrem Boss. Mehr als 3.000 Frauen und Männer versammelten sich am 17. Dezember auf dem Campus von Mango in der Nähe von Barcelona, um von Isak Andic Abschied zu nehmen. „Wir stehen hier gemeinsam, vereint, und wir werden das Projekt und das Erbe von Isak Andic weiterführen“, sprach der Mango-Generaldirektor Toni Ruiz in Anwesenheit der drei Kinder das Unternehmensgründers.

Andic war drei Tage zuvor 71-jährig bei einem Bergunfall ums Leben gekommen. Der versierte Kletterer und Bergsteiger war bei einer eigentlich harmlosen Tour mit einem seiner Söhne in der Nähe der Salpeterhöhlen von Collbató im MontserratGebirge nördlich von Barcelona am Weg ausgerutscht und 150 Meter in die Tiefe gestürzt. Die Bergrettung konnte ihn nur mehr tot bergen.

Andic war laut Wirtschaftsmagazin Forbes mit einem geschätzten Vermögen von 4,5 Mrd. Euro einer der reichsten Männer Spaniens, Gründer und Hauptaktionär des internationalen Modekonzerns Mango. Dieser berichtete im ersten Halbjahr 2024 ein Rekordergebnis, einen Umsatz von 1,54 Mrd. Euro, und dabei trotz international mäßiger Konjunktur immerhin ein Wachstum von mehr als sechs Prozent. Im Geschäftsjahr 2023 hatte Mango schon ein Wachstum von 15 Prozent vermeldet. Das Unternehmen ist mit mehr als 15.500 Mitarbeitern in 120 Ländern tätig und verkauft seine Textilien und Accessoires in 2.743 Verkaufspunkten, darunter 1.725 in Eigenregie geführten oder von Franchise Partnern betriebenen Stores sowie in 1.018 Corners in Warenhäusern. Im Rahmen der aktuellen Expansionsstrategie soll die Zahl der Standorte bis zum Jahresende weiter erhöht werden – auf mehr als 2.800.

Damit ist Mango eines der größten Textilunternehmen Europas, wohl deutlich kleiner als die ebenfalls spanische InditexGruppe mit Marken wie Zara, Pull & Bear, Massimo Dutti und anderen, aber immerhin schon etwa halb so groß wie das schwedische H & M.

Gegründet hatte Andic das Unternehmen Anfang der 80er-Jahre. Isak Andic Ermay wurde 1953 in eine sephardischjüdische Familie in Istanbul hineingeboren. Seine Eltern wanderten mit ihm und seinem Bruder Nahmann 1969 nach Spanien aus. In Barcelona begann der junge Isak bald, auf lokalen Märkten aus der Türkei importierte bestickte T-Shirts und hölzerne Clogs zu verkaufen, überdies belieferte er Mitschüler an der American High School. 1972 gründete er mit seinem Bruder eine eigene Firma, Isak Jeans. Als sie bereits einige Filialen eröffnet hatten, gaben sie ihrem Unternehmen einen neuen Namen: Mango. Die Überlegung soll damals schon jene gewesen sein, dass die Frucht süß schmecke und Positives ausstrahle und dass sie sich in vielen Sprachen gleich aussprechen lasse. Die Andics dachten also schon an Expansion.

Nach dem Geheimnis seines
Erfolgs gefragt, hatte Andic
einmal geantwortet: „Arbeiten, arbeiten, arbeiten und nicht Werktage in freie Tage
umwandeln.“

Und diese sollte kräftig ausfallen, die Wachstumszahlen zeigten über Jahrzehnte steil nach oben – mit gelegentlichen Einbrüchen. Auf Geschäfte in Barcelona – auf dem eleganten Paseo de Gracia – und Madrid folgte der erste Exportmarkt, Portugal. Schnell gab es in Spanien 100 Läden, 2010 waren es schon 1.700 in 100 Ländern.

Andic selbst mied stets die Öffentlichkeit, war fotoscheu und überließ die Firmen-PR seinen Managern. Er war von seiner Frau Neus Rain Tarragó geschieden, mit der er drei Kinder hatte: Jonathan, geboren 1981, wurde bereits 2012 als sein Nachfolger festgelegt. Eine seiner beiden Töchter, Judith, Jahrgang 1994, arbeitet ebenfalls für das Unternehmen. Mit einer katalanischen Designerin hatte Andic eine langjährige Beziehung. Von seinen Hobbys war außer Bergsteigen wenig bekannt, nur dass er eine mittelgroße Motorjacht besaß.

Andic war ein äußerst kreativer und geschickter Unternehmer. Er baute seine Firma von Anfang an sehr schlank auf, gänzlich ohne eigene Fabriken. Solche Strukturen mit Auslagerungen entwickelten manche Textiler erst viel später, unter erheblichem Kostendruck. Gefertigt wird seit jeher bei Partnern, vor allem in der Türkei und in asiatischen Ländern. Dem gegenüber steht eine hochmoderne Logistik mit automatisierten Warenlagern, die einen schnellen zweiwöchigen Rhythmus für einen Teil der Kollektionen ermöglicht. Mango betreibt eine große eigene Designabteilung, als Werbeträger wurden stets international bekannte Sportler oder Schauspielerinnen eingesetzt, etwa Zinedine Zidane oder Victoria Beckham. Es gibt auch Kooperationen mit hochpreisigen Modemarken, zuletzt mit dem italienischen Herrenschneider Boglioli.

Nach dem Geheimnis seines Erfolgs gefragt, hatte Andic einmal geantwortet: „Arbeiten, arbeiten, arbeiten und nicht Werktage in freie Tage umwandeln.“ Außerdem, so berichtet die Jüdische Allgemeine, müsse man sich mit guten Leuten umgeben, ein klares Konzept haben und allen Team-Mitgliedern klar kommunizieren, was man gemeinsam erreichen wolle.

Neben seinen Investitionen in die stetige Modernisierung und Expansion von Mango kaufte Andic auch eine Reihe von Immobilien und beteiligte sich an der viertgrößten spanischen Bankengruppe, der katalanischen Banco Sabadell, gegründet 1881. Er hielt dort zeitweilig rund sieben Prozent der Anteile, war damit der größte Aktionär und saß auch einige Jahre als Vizepräsident im Verwaltungsrat. Nach Andics Tod tritt nun ein schon vor Jahren von ihm selbst festgelegtes Nachfolgeprotokoll in Kraft. Wie das deutsche Manager Magazin berichtet, sollen seine drei Kinder die Kontrolle über das Unternehmen behalten. Sein Sohn Jonathan, der bereits im Vorstand sitzt und das MännermodeSegment leitet, gilt als voraussichtlicher Erbe des Chefsessels im Verwaltungsrat. Laut Business Insider wird allerdings die genaue Verteilung von Andics Unternehmensanteilen erst nach der Testamentsverlesung bekannt gegeben. Es gilt jedoch als sicher, dass die Familie das Ruder fest in der Hand behalten wird. „Damit bleibt Isak Andics Vermächtnis gewahrt“, so Business Insider: „Mango als internationaler Modegigant – und als eines der erfolgreichsten Familienunternehmen Spaniens.“ Ein Sprecher der jüdischen Gemeinde Barcelonas sagte nach dem Unfall von Andic, die Gemeinde sei „tief geschockt über den überraschenden Tod einer ihrer wichtigsten Stützen. Er war ein tragender Pfeiler der jüdischen Gemeinde in Barcelona und Spanien.“ Er habe äußerst großzügig gespendet, „die Lücke, die er hinterlässt, ist nicht ersetzbar.“

Andic wurde auf dem jüdischen Friedhof von Barcelona im Stadtteil Les Corts bestattet.

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