Der Traum von der olympischen Buckelpiste

Die US-Amerikanerin Avital Carroll (29) startet für Österreich im Bewerb Freestyle Moguls. Sie hat die Staatsbürgerschaft bekommen, weil ihre Großmutter vor den Nazis fliehen musste.

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Foto: A. Carroll
Foto: A. Carroll

Wina: Avital, wann und wie sind Sie zum Freestyle Skifahren gekommen?

Avital Carroll: Ich habe mein erstes Rennen mit sechs Jahren bestritten. Ich war die jüngste von fünf Kindern und ich wollte immer so sein wie meine größeren Geschwister. Ich bin ihnen am Stratton Mountain (in Vermont)  hinterher gefahren und wollte einfach so gut sein wie sie. Ich erinnere mich auch noch, als ich 12 Jahre alt war, habe ich zu meiner Mutter gesagt, mein Traum sind die Olympischen Spiele. Ich würde gerne wissen, was sie damals wohl gedacht hat. Und jetzt ist es fast irreal, dass das wahr wird.

 

Und wann hat das ernsthafte Rennfahren begonnen?

Das war ungefähr mit 14 Jahren. Damals habe ich mich das erste Mal für die Junior World Championships in Finnland qualifiziert. Ich glaube, damals habe ich wirklich meine Vision zu sehen begonnen. Ab dem darauf folgenden Jahr habe ich dann eine Internatsschule in Colorado besucht, in Steamboat Springs, spezialisiert auf das Skifahren. Und ab da habe ich an internationalen Wettbewerben teilgenommen.

 

Wann und warum sind Sie dann ins Austria Ski Team gewechselt?

Als 2020 der Nationality Act beschlossen wurde, der Nachfahren von Vertriebenen die Staatsbürgerschaft anbietet, habe ich entschieden, dass ich für Österreich antreten möchte. Meine jüdisches Bewusstsein war immer ein wichtiger Teil von mir, und diese Veränderung in Österreich habe ich sehr geschätzt. Für mich ist es wirklich etwas ganz Besonderes, Teil dieses großartigen Wandel zu sein, Juden und Jüdinnen wieder nach Hause zu bringen. Das zeigt mir, wie weit wir als Land und als Welt inzwischen gekommen sind.

 

Und wie ist das konkret abgelaufen?

Es hat gar nicht lange gedauert, bis ich die Staatsbürgerschaft bekommen habe. Aber das Buckelpisten-Fahren, Moguls, als Teil der Freestyle-Bewerbe, war damals hier noch nicht etabliert. Ich habe mich gemeinsam mit Unterstützern dafür eingesetzt. Als ich dann bei den Weltmeisterschaften im georgischen Bakuriani 2023 zwei Medaillen gemacht habe, wurde das Buckelpistenfahren offizieller Bewerb innerhalb des Skiverbands.

 

Wo leben Sie eigentlich das ganze Jahr?

Ich lebe auf der ganzen Welt, ich reise den Mogul Wettbewerben und Pisten nach. Aber momentan ist der Lebensmittelpunkt von meinem Mann, Bobby Carroll, und mir im US-Staat Utah, in Park City.

 

Haben Sie auch die dunkle Seite des Sports kennengelernt, Verletzungen?

Genug! Ich habe zahlreiche Verletzungen abbekommen, aber sie haben mich nur stärker gemacht. Einmal hatte ich einen Milzriss, einen gebrochenen Knöchel, eine gebrochen Schulter und zwei Knieoperationen. Und dazu noch einen Vielfalt kleinerer Sachen. Natürlich ist das nicht einfach, aber das gehört beim Spitzensport einfach dazu. Ich habe jedenfalls unendlich viel Trainingsarbeit investiert, sowohl physisch als auch psychisch, und jetzt fühle ich mich Topfit.

 

Haben Sie außerhalb des Sports noch einen Beruf?

Spitzensportler ist ein full time Job.

 

In welchen Bewerben werden Sie in Italien antreten?

Sowohl beim Single Moguls, Einzel Buckelpiste, als auch beim Dual Moguls, Parallel Buckelpiste. Übrigens wird der Parallelbewerb jetzt zum ersten Mal eine olympische Disziplin sein.

A. Carroll
Foto: A. Carroll


Die Oma aus Wien

Die Mutter der Athletin, Deborah Hendell, erzählt von der Familiengeschichte: „Meine Mutter und ihre engste Familie flohen 1938 aus Wien. Sie war damals sechs Jahre alt und ihre kleine Schwester zwei.“ Zunächst ging es nach Norditalien. Dort lebten sie in mehrere Städten und unter anderem auch in einem Frauenkloster, der Vater in einem Männerkloster ganz in der Nähe. Im August 1944 bekamen sie die Chance, mit einem Schiff in die USA zu fahren.

Die ersten beiden Jahre verbrachte die Familie in einem Flüchtlingslager in Oswego im Staat New York, dann bekamen sie die amerikanische Staatsbürgerschaft und wohnten ab da in New York City. „Aber von einer großen Familie waren sie die einzigen, die überlebten,“ erzählt Hendell. „Viele meiner Verwandten wurden ermordet.“
Eigentlich, meint sie, sei das Aufziehen von fünf Kindern in NYC schon ein Vollzeit-Job gewesen. Sie hatte allerdings einen Abschluss in Jewish Studies und unterrichtete auch in diesem Fach.
Was die österreichische Staatsbürgerschaft betrifft, so war Avital die erste in der Familie, die sie beantragt und bekommen hat. Zwei Brüder und die Mutter taten es ihr seither nach, und auch die beiden letzten Geschwister der Skifahrerin haben die Absicht, es zu tun. „Ich denke, es ist ein Geschenk, dass wir unseren österreichischen Wurzeln und auch unsere Staatsbürgerschaft wieder zurückverlangen können.“

 

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