Der Zauber von Yung Yidish

Wenn der Zentrale Busbahnhof im Süden von Tel Aviv wie geplant abgerissen wird, muss Mendy Cahan ein neues Zuhause für seine 90.000 Bücher in jiddischer Sprache finden.

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Unterrichtsstunde. Mit seiner Yung-YiddishBewegung will Mendy Cahan (hinten) die jiddische Sprache auch außerhalb von Mea Shearim und Bnei Brak lebendig halten und ihre reichhaltige Kultur zugänglich machen. © Corinna Kern / laif / picturedesk.com

Im Süden der Stadt gibt es einen Ort, der aus der Welt gefallen scheint. Er ist dem Jiddischen als ein lebendiges säkulares Kulturgut gewidmet. Wer dorthin will, muss es allerdings erst einmal bis zu dem Studio 5008 im fünften Stock des allgemein verhassten Busbahnhofs in der Levinski Street schaffen. Das allein schon kommt einer abenteuerlichen Reise gleich. Der „neue“ zentrale Busbahnhof, wie er immer noch heißt, ist ein Monstrum. Er hat deshalb auch den guten Ruf seines Erbauers ruiniert. Bis dahin war Ram Karmi einer der erfolgreichsten Architekten im Land gewesen. Als junger Mann plante er die Knesset mit, auch der viel bewunderte Neubau des Obersten Gerichtshof entstand auf seinem Reißbrett. Dann wurde 1993 der Busbahnhof nach 24 Jahren Bauzeit eröffnet. Doch die Idee einer Art fensterlosen Stadt unter einem Dach mit Verkehrsanbindung erwies sich als Fehler. Das Ausmaß macht einen schwindlig. 230.000 Quadratmeter auf sieben Stockwerken – oder vierzehn, je nachdem, wie man zählt, denn jede Etage besteht aus zwei halben Stockwerken, verbunden durch Rolltreppen, die kreuz und quer laufen. In diesem Labyrinth kann man sich leicht verlaufen. Kein halbes Jahr nach der Eröffnung mussten die sechs Kinos im ersten Stock bereits schließen. Ganze Etagen gingen pleite und sind bis heute verwaist. Was lebt, sind die vielen kleinen Läden und Buden im Eingangsgeschoss. Sie orientieren sich an den Bedürfnissen der Arbeitsmigranten, die sich schon vor Jahren in der Nachbarschaft niedergelassen haben. Wechselstuben, afrikanischen Trachten, aufblasbare Weihnachtsmänner, indische Gewürzstände, philippinische Make-up-Läden mit viel Glitzer, eine Hotline-Station für Flüchtlinge. Durch all das muss man erst einmal durch, um zu Yung Yidish zu gelangen. Es ist halb acht Uhr Sonntagabend, und eine eklektische Mischung an Besuchern trudelt ein – junge Israelis, darunter Hipster und Punks, ältere Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion und Frankreich, Chassiden. Sie alle kommen zusammen in dem riesigen Loft, das mit alten Teppichen ausgelegt ist und nach Wasserschäden riecht. In der Mitte stehen Holztische und Stühle. Ringsherum sind überall Bücher, 90.000 Bände europäischer Literatur auf Jiddisch. Die hohen Regale beben in regelmäßigen Abständen, wenn ein Busse direkt über der Decke losfährt. Dann wackelt auch die Theke am Eingang, samt der Flasche Pastis, den Bieren und den kleinen Gläsern mit Gefiltem Fish. Wie jede Woche um diese Zeit lädt die „Klezmer-Bar“ zum Konzert ein. Die kleine Bühne, vor der ein Klavier steht, ist ebenfalls mit Bücherstapeln im Hintergrund versehen.

»Die Zionisten wollten eine neuen Juden
schaffen, aber der war doch trotzdem die
Fortsetzung des alten.«
Mendy Cahan

 

Der Mann, der dieses Reich geschaffen hat, ist heute nicht da. Mendy Cahan sitzt im Flugzeug nach Belgien. Dort ist der Schauspieler, Sänger und Geschichtenerzähler einst mit Jiddisch als Muttersprache aufgewachsen. Dann hat er sich von Antwerpen nach Jerusalem aufgemacht, sein bis heriges Leben hinter sich gelassen und begonnen, jiddische Literatur vor ihrem Verschwinden zu retten. Das war vor dreißig Jahren. Er las im israelischen Radio die Nachrichten auf Jiddisch und startete dort den Aufruf, wer immer jiddische Bücher habe, die er nicht mehr brauche, solle es ihm sagen, er komme vorbei und hole sie. Und es gab viele. Sie kamen aus der ganzen Welt, von Australien, von Johannisburg, von Brasilien, von Mexiko. 2006 zog er dann mit seiner damals schon beträchtlichen Sammlung in den Busbahnhof nach Tel Aviv um. Mit seiner Yung-Yiddish-Bewegung will Mendy Cahan außerhalb von Mea Shearim und Bnei Brak die jiddische Sprache lebendig halten und ihre reichhaltige Kultur zugänglich machen. Die große europäische Literatur wurde einst ins Jiddische übersetzt, man las sie mit Leidenschaft und eignete sie sich an, um dann auch den eigenen Teil dazu beizutragen. Für Mendy Cahan steht das Jiddische nicht im Gegensatz zum Hebräischen, die Diaspora nicht zum Zionismus. Er denkt nicht in solchen Kategorien, er will lieber versöhnen, betrachtet seine Bücher als Einwanderer. „Die Zionisten wollten eine neuen Juden schaffen, aber der war doch trotzdem die Fortsetzung des alten“, meinte er kürzlich in einem Interview. „Gab es nicht stehenden Beifall für Herzl, als er 1904 Vilnius besuchte, das Herz des Jiddischlands?“

 

Die hohen Regale beben in regelmäßigen Abständen, wenn ein Busse direkt über der Decke losfährt. Dann wackelt auch die Theke am Eingang, samt der Flasche Pastis, den Bieren und
den kleinen Gläsern mit Gefiltem Fish.

 

Yung Yidish hat längst enorme Sogwirkung entwickelt. Beim Sortieren der Bücher und Veranstaltungen helfen ein Dutzend Freiwillige, wie Dan und Yogev, die gerade ihre Matura in Hod haScharon machen. Dan hat einen langen grauen Mantel an und den Kopf voller Rasta. Er kommt seit zehn Monaten hierher, wann immer es geht, und lernt die Sprache durchs Zuhören, „wie ein Baby“, wenn die Menschen sich hier auf Jiddisch unterhalten. Die Sprache, deren hebräische Buchstaben er mühelos lesen kann, erinnert ihn an seinen Großvater in Kfar Saba. Dessen säkulare Eltern, die aus Litauen stammten, haben mit ihrem kleinen Sohn stets Jiddisch gesprochen, obwohl er in den 1930er-Jahren bereits im Land geboren worden war. Für Dan ist die Sprache wie ein emotionales Band. Andere kommen, weil sich an diesem schrägen Ort im Busbahnhof alle entfalten dürfen, die die Welt ein bisschen besser machen wollen. Dazu gehören Vorträge über die schwierigen Lebensbedingungen von Flüchtlingen, über die LGBTQCommunity, Lesungen von Gedichten, Buchpräsentationen, Theaterproben. Inzwischen ist Yung Yidish kein Geheimtipp mehr. Spätestens seit der Ankündigung, dass der neue Busbahnhof bald umziehen und nach dreißig Jahren Betrieb abgerissen werden soll, sind Berichte über die notwendige Rettung von Yung Yidish auch in die großen hiesigen Medien vorgedrungen. Am 5.Dezember hätte Schluss sein sollen, so hatte es zunächst geheißen. Aber jetzt sieht es so aus, als würde es mit der Verlegung des Busbahnhofs noch eine Weile dauern. Manchmal ist es ja ein Glück, dass die Dinge nicht immer so schnell klappen wie geplant. So bleibt Zeit, um für Yung Yidish ein neues Zuhause zu finden.

yungyidish.github.io/

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