
Sie war, wie er später erkannte, der Glücksfall seines Lebens, doch dass er sie unbedingt erobern musste, wusste er bereits beim ersten Anblick. Ihre dunkle androgyne Schönheit, ihre burschikose Art, ihre raue Stimme zogen ihn an, doch vorerst schien Katia, die einzige Tochter der höchst angesehenen „steinreichen“ Familie Pringsheim, unerreichbar. Bis auf ihren Vater, den Universitätsprofessor für Mathematik Alfred Pringsheim, dem ein großes Vermögen in die Wiege gelegt wurde, waren bereits alle protestantisch getauft, aber dass die Pringsheims doch als „jüdisch“ galten, hatte die Gesellschaft Münchens, in der sie eine glanzvolle Rolle spielten, nie vergessen.
„Ein tadelloses Glück“. Kein Gedanke an Judentum kommt auf, diesen Leuten gegenüber. Man spürt nichts als Kultur, schreibt Thomas gleichsam beruhigend seinem älteren Bruder Heinrich. Im durchaus wohlhabenden großbürgerlichen Kaufmannshaushalt in Lübeck aufgewachsen, ist der junge Gast dennoch vom exquisiten Milieu im Palais Pringsheim, der erlesenen Kunstsammlung, der Bibliothek, den Hausbällen, der eleganten Gastgeberin Hedwig, Katias Mutter, überwältigt. Deren Sympathie erringt er schneller als die der spröden Katia, als einziges Mädchen unter vier Brüdern verwöhnte „Prinzessin“ des Hauses. Die Enkelin einer Frauenrechtlerin ist die erste Abiturientin Münchens und studiert bei Professor Röntgen. Warum also sollte sie ihr privilegiertes Leben aufgeben, um die Frau eines noch nicht mal überaus berühmten Schriftstellers zu werden?
Dessen beharrliches, fast verzweifeltes Werben um dieses fremdartige, gütige und doch egoistische, willenlos höfliche kleine Judenmädchen, wie er sie in seinem Notizbuch beschreibt, hat starke Gründe, weist Breloer in seinem biografischen Familienroman nachvollziehbar dar. Denn eine Ehe mit der in jeder Hinsicht guten Partie bietet dem sich seiner homoerotischen Neigungen sehr wohl bewussten Autor die einmalige Chance auf ein bürgerliches Familienleben, ein abgesichertes Dasein mit Ordnung nach innen und außen. Dieses war, gemeinsam mit der literarischen Sublimierung seines „Geburtsfehlers“, als den er seine Homosexualität im Sinn der damaligen Wissenschaft empfand, „der Preis des Erfolges“, wie es im Untertitel von Breloers Buch Ein tadelloses Glück heißt.
„Juden haben mich ,entdeckt‘, Juden mich verlegt und propagiert.“
1905 heiratet das Paar nur standesamtlich – zu einer kirchlichen Trauung wäre der Brautvater wohl nicht erschienen – und wird sechs hochbegabte Kinder bekommen. Frau Thomas Mann wird diese nicht einfache Familie über die Zeiten der Krisen und Kriege stets klug, warmherzig und perfekt managen. Vor allem aber wird sie dafür sorgen, dass „der Zauberer“, so nannte ihn seine Kinderschar, möglichst ungestört an seinem gigantischen Werk arbeiten kann, an wechselnden Wohnsitzen in der Schweiz oder in Kalifornien, doch „an dem immer gleichen mitwandernden Schreibtisch“.
Dass es nicht ratsam war, in Deutschland zu bleiben, war Thomas Mann früh bewusst geworden. Er galt, nachdem er sich zur Ablehnung des „Hakenkreuz-Unfugs“ entschieden hatte, als politisch unzuverlässig und zudem als „jüdisch versippt“. Nach einer Vortragsreise blieb er 1933 mit der Familie in der Schweiz und wollte auch nach der Rückkehr aus dem Exil nie wieder in Deutschland sesshaft werden. Sein „Deutschtum“, zu dem er sich im kulturellen Sinn immer bekannte, trug er ohnehin mit sich: „Wo ich bin, ist Deutschland.“
„Zur jüdischen Frage“. Wie aber wirkte sich die seit Generationen getaufte „Sippe“ der Pringsheims auf Thomas Manns Verhältnis zum Judentum aus?
Im Laufe des Lebens wechselhaft bis ambivalent und im Werk widersprüchlich, könnte man vereinfachend bilanzieren. Sowohl für eine fast unreflektierte Übernahme jüdischer bis antijüdischer Stereotypen vor allem in der Jugend als auch für einen entschiedenen publizistischen Kampf gegen den Antisemitismus und sogar für Philosemitismus lassen sich Belege finden. Seine Literatur auf diese Stellen hin zu untersuchen, wurde längst unternommen, hat aber offensichtlich auch keinen eindeutigen Befund erbracht.

Die Tatsachen seines Lebens seien judenfreundlich, schreibt Mann 1921 einleitend in seinem Essay Zur jüdischen Frage, den man als diesbezüglichen Schlüsseltext lesen kann. Juden haben mich „entdeckt“, Juden mich verlegt und propagiert, Juden haben mein unmögliches Theaterstück aufgeführt; […] und wenn ich in die Welt gehe, Städte bereise, so sind es, nicht nur in Wien und Berlin, fast ohne Ausnahme Juden, die mich empfangen, beherbergen, speisen und hätscheln.
Und er geht dann dezidiert wie selten auf die besonderen familiären Verhältnisse ein, wenn er schreibt: Was verschlägt es, daß meine Kinder nun auch noch einen goldnen Kuppel-Traum vom Märchen-Osten und Morgenland im Blute hegen? Mögen sie als unvollkommene Versuchsexemplare jener „eurasisch-negroiden Zukunftsrasse“, von der die Literaten träumen, auf dem Wege des Fortschritts wandeln […].
Auf die private Vorlesung dieses „Judenartikels“, den er auf Anregung von Efraim Frisch verfasst hatte, reagierte Ehefrau Katia, wie der Autor festhielt, bezeichnenderweise mit „Einspruch, Verstimmung und Erregung“. Auch dessen Fazit – Ihre Liebe zum Geist, ihre habituelle Freundwilligkeit für alles Zarte, Kühne, Feine und Freie wird mich den Juden immer verbinden – konnte die geborene „Prinzessin“ Pringsheim nicht umstimmen. Der Essay sollte vernichtet, zumindest zu Manns Lebzeiten nicht veröffentlicht werden. Zu dessen 150. Geburtstag darf man wieder daran erinnern.























