Der Zürcher Rabbi als Detektiv

Alfred Bodenheimer schickt seinen Rabbi Klein zum siebenten Mal auf Tätersuche. Das Erfolgsrezept – flotter Plot und ausgiebiges Wissen über das Judentum ohne erhobenen Zeigefinger – geht einmal mehr wunderbar auf.

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Nicht jeder Universitätsprofessor ist ein begabter Wissensvermittler, und nicht alle Krimiautoren sind amüsant. Aber einer, der beides gleichzeitig wunderbar meistert, heißt Alfred Bodenheimer, lehrt jüdische Literatur- und Religionsgeschichte an der Universität Basel und legte vor Kurzem seinen sechsten Kriminalroman vor. Seit der gebürtige Basler im Jahr 2014 mit Kains Opfer (Verlag Nagel & Kimche) zum ersten Mal seinen Zürcher Rabbi Klein etwas ungelenk Mordfälle ermitteln ließ, schreibt er jährlich einen Kriminalroman. Das schafft er in den wenigen Wochen, wenn kein Universitätsbetrieb ist. „Mein Beruf bietet mir viele Möglichkeiten und spannende Kontakte mit Kollegen und Studierenden. Das Schreiben von Krimis bleibt ein Hobby“, betont Bodenheimer, Jahrgang 1965, der seit einigen Jahren zwischen Basel und Jerusalem pendelt, wo seine Familie lebt.
Obwohl der Professor nicht nur für Schweizer Verhältnisse ein erfolgreicher Autor ist – rund 10.000-mal verkaufte sich sein Erstling, für den er auch den Zürcher Krimipreis bekam –, wäre ihm nach eigener Aussage der Druck, dauernd Krimis zu produzieren, um davon zu leben, zu stressig. Der Judaist, der sich selbst als modern-orthodox bezeichnet und auch mit Kippa an der Universität unterrichtet, erhielt eine traditionelle jüdische Ausbildung: Er absolvierte Talmudstudien an der Yeshiva University in New York und an der Yeshivat HaMivtar in Israel. 1991 schloss er sein Studium an der Universität Basel in Deutscher Philologie und Geschichte ab, 1993 promovierte er dort mit einer Arbeit über die Emigration von Else Lasker-Schüler nach Palästina. Nach Forschungs- und Lehrtätigkeiten in Israel und an der Universität Luzern und der Habilitation an der Universität Genf kehrte Bodenheimer in seine Geburtsstadt zurück. Er veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Publikationen, darunter Studien über Moses und den Ewigen Juden.
Tagespolitisch meldete er sich 2012 mit der Streitschrift Haut ab! Die Juden in der Beschneidungsdebatte zu Wort.

Da nach jüdischer Auffassung der böse Trieb in uns allen steckt, muss man erst überhaupt erkennen, was das Böse ist und was das Gute.

Zur Sünde verleitet. Auch im neuesten Krimi Der böse Trieb geht Bodenheimer einzigartiges Konzept auf: Außer einem flotten Plot mit reichlich Motiven und Verdächtigen liefert er ohne erhobenen Zeigefinger ausgiebiges Wissen über das Judentum. Bodenheimer scheut sich nicht, jüdische, hebräische und theologische Begriffe zu verwenden, die auch „sein Rabbi“ im selbstverständlichen Umgang gebraucht. Das macht Rabbi Gabriel Klein noch authentischer: Er ist keine kluge Kunstfigur, sondern ein jüdischer Gelehrter, der größte Mühe hat, die schrumpfende jüdische Gemeinde Zürichs zusammenzuhalten. Ein ausführliches Glossar der Ausdrücke aus jüdischer Gesellschaft und Religion erweist sich als hilfreich.
Wie immer ist Rabbi Klein auch im Der böse Trieb voll im Stress – hin- und hergerissen zwischen den Sorgen in seiner Kehilla und der fordernden Ehefrau Rivka. Diesmal bereitet ihm das Heranschaffen von bezahlbaren Etrogim große Probleme. Ohne die spezielle Zitrusfrucht Etrog kann man kein koscheres Laubhüttenfest feiern. Rabbi Klein kämpft gegen überteuerten Import und schlaue Monopolisten. Doch die eigentliche Geschichte des Krimis dreht sich um das jüdische Ehepaar Sonja und Viktor Ehrenreich. Dass die Ehe kinderlos bleibt, treibt die religiöse Ehefrau in depressive Stimmung. Als dann ihr Mann Viktor ermordet wird, muss Rabbi Klein Sonja als Seelsorger beistehen. In den Jahren zuvor hatte ihn schon Sonjas Mann jährlich vor Rosch ha-Schana und Jom Kippur zur seelischen Aussprache getroffen. Diese „Seelengespräche“ hatte Rabbi Klein praktischerweise aufzeichnet. So erfahren auch die Lesenden langsam, was es zwischen dem Ehepaar alles an Konflikten gab. Es soll nicht zu viel verraten werden, nur soviel: Der böse Trieb verleitet zu den verschiedensten Sünden, u. a. Ehebruch, Erpressung, Ausbeutung. Da nach jüdischer Auffassung der böse Trieb in uns allen steckt, muss man erst überhaupt erkennen, was das Böse ist und was das Gute.
Bodenheimer stattet seine vielschichtigen Figuren mit jüdischem Sprachwitz aus und führt die gespannte Leserschaft kunstvoll auf falsche Fährten und in psychische Untiefen.

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