Deutschland in Wagner out

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Die Klänge von Wagner sind in Israel bis heute weitgehend unerwünscht. Ein Tabu, das emotional diskutiert wird. Dabei wird gerne übersehen, dass sich neuerdings die zeitgenössische deutsche Kultur größter Beliebtheit erfreut. Nachrichten aus Tel Aviv von Gisela Dachs

Ab und zu flammt in Israel die Wagner-Kontroverse auf

Dann gibt es wie jedes Mal ein großes Interesse in den deutschen und ein bisschen kleineres in den hiesigen Medien. Es wirkt dann immer so, als würde auf diese Weise erneut die Temperatur des Verhältnisses zu Deutschland und zur deutschen Kultur gemessen. Wie gerade wieder anlässlich des Konzertabends, der am 18. Juni in einem Auditorium der Tel Aviver Universität anberaumt worden war. Zwei Tage zuvor wurde er wieder abgesagt. Aus Respekt vor Schoa-Überlebenden, deren Organisationen gegen den Tabubruch protestiert hatten. Solange es hier Menschen gebe, deren Gefühle durch das Spielen dieser Musik verletzt würden, müsse man Rücksicht nehmen, lautete die Begründung. Das ist nur verständlich und eine Haltung, die sich im gesamten politischen Meinungsspektrum wiederfinden lässt. Auch der ehemalige linke Abgeordnete Yossi Beilin pflichtete bei, indem er argumentierte, dass ein solches Konzert weder zur Meinungsfreiheit noch zur Wahrung universeller Werte und Menschenrechte beitrage, sondern vielen guten Menschen nur Kummer bereite. Die geplante Aufführung könne man ruhig um zwanzig Jahre verschieben.

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Am Kern des Sache rütteln auch die Wagner-Fans nicht, von denen es durchaus einige in Israel gibt. Wagner, der von 1813 bis 1883 lebte, war ein ausgewiesener Antisemit, der sich auch bemüht hat, seine Auffassungen schriftlich niederzulegen. Sein Essay Das Judentum in der Musik strotzt vor Hass auf Juden, wobei er zwei von ihnen – Giacomo Meyerbeer und Felix Mendelssohn-Bartholdy (der im Übrigen christlich erzogen wurde) – schwer um ihr Talent und ihren Erfolg beneidete. Dass der Komponist Meyerbeer den jungen Wagner finanziell und beruflich unterstützt hatte, bremste dessen spätere Angriffe nicht.

Adolf Hitler verehrte Wagner schon in seiner Jugend

Während der Zeit des Nationalsozialismus waren seine Werke enorm beliebt. Auch im damaligen Palästina wurde Wagner durchaus noch gespielt – bis zur Pogromnacht 1938. Von da an verbannte das Eretz Israel Symphonic Orchestra – das Vorläuferensemble des späteren israelischen Philharmonie-Orchesters – Wagner demonstrativ aus seinem Repertoir. Zu der für den 12. November 1938 geplanten Aufführung der Meistersinger kam es nicht mehr. Seitdem gilt ein inoffizieller Boykott, Wagner nicht mehr in der Öffentlichkeit zu spielen. Der ist bisher zwar bereits mehrfach durchbrochen worden, etwa von Daniel Barenboim, doch in regulären Konzerten wurde die Musik so gut wie nie gespielt.

Die diversen Kulturminister verschiedener Parteien in Israel haben stets Abstand davon genommen, sich direkt in die Kontroverse einzumischen, und ließen in der Regel die kulturellen Institutionen selbst entscheiden. Was dann meist unspektakulär über die Bühne ging. Aber immer, wenn das israelische Philharmonie-Orchester involviert war, kam es zum Aufschrei. Als es in den 1980er- und 1990er-Jahren jeweils den Versuch startete, Wagner zu spielen, waren die Proteste so heftig, dass danach keine weiteren Anstrengungen mehr in dieser Richtung unternommen wurden.

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Die Historikerin Na’ama Sheffi, die ein ganzes Buch über das Thema geschrieben hat, sieht in der Kontroverse heute aber längst keinen Streit mehr zwischen Überlebenden und Wagner-Fans, sondern zwischen verschiedenen Interpretationsschulen. Dabei sei die eine der Ansicht, die Israelis sollten aufhören, Wagner als Symbol für den Holocaust zu betrachten, und ein Boykott sollte nicht als Mittel der Erinnerung dienen. Die andere Schule wiederum glaube, so Sheffi, dass wahres „Israelischsein“ die Bereitschaft bedeute, im Andenken an die Schoa und ihre Ungeheuerlichkeiten auf Wagner zu verzichten. Dies sei auch nicht vergänglich, weil diese Erinnerung auch dann „bei uns bleiben (sollte), nachdem der letzte Überlebende von uns gegangen sein wird.“ Sheffi hält beide Sichtweisen für legitim, rät aber zur offenen Debatte darüber, weil sie etwas über die eigene nationale Identität aussage.

Wagner-Tabu 

Letztlich verdeckt das anhaltende Wagner-Tabu eine andere, erstaunliche und umfassendere Entwicklung in Hinblick auf die heutige deutsche Kultur und Politik. 2008 etwa war ein Tabu gebrochen worden, als die Kanzlerin Angela Merkel als erste ausländische Regierungschefin vor dem israelischen Parlament sprechen durfte – und das auf Deutsch. Sie hatte sich das nicht auserbeten, man hatte es sich so von ihr gewünscht. In den israelischen Kinos werden seit Jahren neue deutsche Filme im Original gespielt – und nicht im Nischenprogramm. Die Sprachkurse der Goethe-Institute in Tel Aviv und Jerusalem sind überfüllt, an manchen Grundschulen werde mittlerweile sogar für Kinder Nachmittagskurse angeboten. Und in Jerusalem ist eine erste deutsch-hebräische Schule geplant.

Für junge Israelis wiederum ist Berlin, wie im Übrigen auch für viele Gleichaltrige in aller Welt, zu der Metropole schlechthin mutiert. Die alte-neue deutsche Hauptstadt übt eine ungewöhnlich starke Anziehungskraft aus. Tausende Israelis, manche schätzen die Zahl auf mehrere Zehntausend, nicht wenige davon Künstler, leben heute in Berlin. Andere, darunter auch die ältere Generation, kommen zu Besuch, spüren auf Kurztrips dort den Spuren der Geschichte nach, suchen den Bunker von Hitler auf und gehen ins Jüdische Museum. Sie machen so aber auch Bekanntschaft mit dem Berlin von heute. Letzte Woche war ich kurz dort und kann nur bestätigen: Der Flug mit El Al war wie immer ausgebucht. Und beim Frühstück im Hotel Savoy umgab mich akzentfreies Hebräisch.

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