Devianz in Holon

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Die Ausstellung Where to im Israeli Center for Digital Art in Holon präsentiert zeitgenössische Kunstpositionen zum Zionismus. Von Thomas Edlinger

Das Israeli Center for Digital Art im Tel Aviver Vorort Holon orientiert sich nicht wie viele renommierte Kunstinstitutionen am Westen: „Wir schauen nicht nach New York, sondern auf unsere Nachbarn – in Israel, in der arabischen Region oder in Südosteuropa“, sagt Kurator Udi Edelman. Das Projekt Picasso in Palästina, das 2011 erstmals ein Gemälde des Malers nach Ramallah brachte und dort ausstellte, hatte in einer solchen Kollaboration seinen Ursprung.

Auf der Fassade des Gebäudes prangte bis April der Schriftzug „Flight“. Je näher man aber den Buchstaben kam, desto deutlicher konnte man erkennen, dass die Buchstaben selbst keinem gängigen Schrifttypus gehorchten, sondern aus exotisch-kolonial aufgeladenen Reisemotiven zusammengesetzt waren. Im Inneren setzte sich das Wechselspiel zwischen der symbolischen Ordnung des Texts und dem imaginären Wildwuchs der zu Buchstabenform verschmolzenen Bilder fort. Es lagen Poster mit den einzelnen Buchstabenbildern F, l, i, g, h, t auf. Die Arbeit von Guy Saggee heißt Fight/Flight, und sie war Teil der letzen Gruppenausstellung Deviants.

Den Wunsch nach Abweichung wurde hier auch als Bruch mit einem nicht nur „normalen“, sondern normierenden Denken politisch interpretierbar. Teils simple Eingriffe offenbarten die Willkür medialer Settings – von der Lenkung des Blicks auf die Welt durch Internetrecherchen bis zur Funktion der Zeugenschaft vor der Kamera. Amir Yazi widmet sich der Illusionsmaschinerie der US-Filmindustrie, die in den 1980er-Jahren an Israels Stränden den D-Day und andere Kriegszenarien nachstellte. Roy Menachem führt in einem Video vor, wie die traumatische Erinnerung einer Holocaust-Überlebenden immer wieder von der Banalität des Alltags, etwa durch einen eintreffenden Pizzaboten, gestört wird – oder ist auch diese Störung selbst Teil der dokumentarischen Inszenierung? Lenka Claytons zerhackt in ihrem Video die berühmte Rede von George Bush über die Achse des Bösen und präpariert ein Stakkato darin oft dutzendfach wiederholter Begriffe wie „Freedom“ heraus, das ein unbewusstes ideologisches Grundgerüst sichtbar werden lässt. Besonders provokant erschien die Arbeit Comment von Dor Guez, einem Israeli mit christlich-arabischen Wurzeln, die die Kommentare zu einer israelkritischen Fotoarbeit über den Umgang mit den Palästinensern im Tel Aviv Museum 2011 versammelt. Neben einigen zustimmenden Sätzen ist da auch zu lesen: „Geh zu deinen Freunden nach Gaza!“

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Die „jüdische Frage“ des Wohin?
Steht auch im Zentrum der aktuellen Ausstellung Where to. Diese spürt den vergessenen oder marginalisierten Alternativentwürfen des Zionismus nach: „Es gab auch nicht nationale, nicht territoriale Vorstellungen, die dem Diasporabegriff verpflichtet waren. Wir wollen diese Eier zurück in den Korb holen“, sagt Kurator Ran Kasmy-Ilan. In diesem Zusammenhang spielen nicht nur obskure jüdische Enklaven in der Nähe der Niagara-Wasserfälle eine Rolle, sondern auch das in den letzten Jahren Furore machende, umstrittene Langzeitprojekt von Yael Bartana. Bartana rief eine fiktive „jüdische Renaissance-Bewegung“ aus, die um die Rückkehr der Nachfahren der ermordeten oder vertriebenen Juden in das selbst mit einer üblen antisemitischen Tradition behaftete Polen wirbt. Für Edelman gehört der neue Kunststar Bartana freilich „zur Familie“. Schließlich gehe es in Holon seit jeher um den Aufbau von Netzwerken, die am Status quo von Kunst und Politik rütteln wollen.

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WINATIPPS

Das Israeli Center for Digital Art wurde 2001 gegründet. Es versteht sich als Diskurs-plattform und Ausstellungsraum und beherbergt ein regional ausgerichtetes Videoarchiv. Im September wird die bereits im Wiener WUK gezeigte Ausstellung „ReCoCo – Life Under Representational Regimes“ zu sehen sein, im Dezember wird das österreichische Kollektiv Wochenklausur ein Projekt zur Verbesserung der Wohnsituation vor Ort gestalten.

digitalartlab.org.il

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