Dichtes psychosoziales Netz gespannt

Dem psychosozialen Zentrum ESRA kommt in der aktuellen Coronakrise eine wichtige Rolle in der Betreuung der Wiener jüdischen Gemeinde zu. Mit dem Shutdown Mitte März musste das Zentrum von einem Tag auf den anderen seine Strukturen neu erfinden und dabei wesentlich mehr Menschen als bisher betreuen und unterstützen.

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Anmeldung. In einem Monat berät und betreut ESRA im Schnitt 1.100 bis 1.200 Patienten und Klienten; seit März ist die Zahl um 25 Prozent gestiegen.

Die Problemlagen sind sehr unterschiedlich. Was ihnen gemeinsam ist: Sie kamen diesen März alle gleichzeitig. Seit 25 Jahren betreut ESRA Überlebende des NS-Regimes, ihre Angehörigen und Nachkommen; das war auch der Gründungsgedanke. Inzwischen ist ESRA aber auch eine Säule für alle Mitglieder der Wiener jüdischen Gemeinde, wenn es um psychiatrische, allgemeinmedizinische und neurologische Beratung, Psychotherapie und Sozialberatung geht, so Geschäftsführer Peter Schwarz. Im Fokus sind dabei alle Gruppen der Community – von jung bis alt. Im ESRA-Kinder- und Jugendteam nimmt man sich der Jüngsten an, für die Ältesten gibt es Pflegeberatung und -betreuung, aber auch Aktivitäten wie den Club SchelAnu. Nun galt es, quasi über Nacht neue Angebote zu kreieren und alte zu erhalten.

Telemedizin. Ein Kernteam arbeitet nach wie vor in der Tempelgasse und erledigt Rezeptversendungen, leistet organisatorische Hilfe, ist für Notfälle da und macht Hausbesuche.

Mit verunsicherten Patienten und Patientinnen sei man ab etwa Ende Februar konfrontiert gewesen, schildert Klaus Mihacek, der ärztliche Leiter von ESRA. Desinfektionsmittel hielten im Eingangsbereich Einzug, ab der zweiten März-Woche wurden keine Hände mehr geschüttelt (was einige Patienten zunächst sehr irritiert habe). Mitte März erforderte der Shutdown dann physische Distanz bei gleichzeitiger Verstärkung der Betreuung von Gemeindemitgliedern. Gelungen ist dies durch eine fast komplette Umstellung auf Telemedizin, wie Carryn Danzinger, die stellvertretende ärztliche Leiterin, erklärt. Ein Kernteam arbeitete nach wie vor in der Tempelgasse und erledigte Rezeptversendungen, leistete organisatorisch Hilfe, war aber auch für Notfälle da und machte Hausbesuche. Die medizinischen Behandlungen, Psychotherapien, psychologischen und sozialarbeiterischen Beratungen wurden jedoch großteils auf Homeoffice umgestellt – und intensiviert.

»Mir wurde berichtet, mit wie viel Engagement Sie
alle Ihre Organisation auf die neuen
Gegebenheiten umstellten.«
Bundespräsident
Alexander Van der Bellen

In einem Monat berät und betreut ESRA im Schnitt 1.100 bis 1.200 Patienten und Klienten. Im März stieg diese Zahl um 25 Prozent gegenüber März 2019 auf fast 1.500 Hilfesuchende an. ESRA hat dabei nicht nur gewartet, bis Menschen in Krisensituationen sich ihrerseits melden. Proaktiv wurden zum Beispiel im Bereich für Kinder, Jugendliche und deren Familien all jene kontaktiert, die seit Sommer 2019 entweder bereits betreut werden, auf der Warteliste für einen Betreuungsplatz stehen oder auch nur einmal mit ESRA Kontakt hatten, sagt Bereichsleiterin Cristina Budroni. „Wir rufen die Familien an, wir sprechen mit den Jugendlichen, den Eltern, den Müttern, und wenn dann auch die Großmutter das Bedürfnis hat zu sprechen, dann sind wir auch für sie da. Wir arbeiten systemisch.“

Systemisches Arbeiten. „Wir rufen die Familien an, wir sprechen mit den Jugendlichen, den Eltern, den Müttern […].“

Die Problemlagen sind divers. Sie reichen von Ehekrisen und (wenigen) Fällen von Gewalt in der Familie seit Mitte März bis zu einer starken Überforderung vor allem der Mütter in vielen Familien. Älteren Menschen wurde vorgeschrieben, dass sie nun zu Hause bleiben sollten. „Da kam bei einigen das Gefühl der Absonderung hoch.“ Hilfe und Unterstützung sei dabei nicht nur durch ESRA selbst, sondern in der ganzen Gemeinde organisiert worden, so Budroni. Da habe eine Rebezzen mitgeholfen, dass ein Jugendlicher innerhalb der Gemeinde versorgt werden konnte und nicht in ein Krisenzentrum übersiedeln musste. Da hat aber auch die ZPC-Schule geholfen, dass auch Kinder anderer Schulen ein Notebook bekommen. „Diese gemeindeübergreifende Zusammenarbeit finde ich sehr schön.“
Egal, ob Menschen bereits zuvor ESRA kontaktiert hatten oder nicht, wurden zusätzlich alle Mitglieder ab 75 Jahren aktiv angerufen. Ziel sei gewesen, „zu versuchen, die soziale und psychische Situation der älteren Risikopersonen zu klären“, erklärt Gerda Netopil, Leiterin des Bereichs Soziale Arbeit. Insgesamt habe das Spannen dieses dichten „psychosozialen Netzes“ geholfen, schwerwiegende akute Krisen zu vermeiden, betont sie zudem.
Dennoch: Viele Gemeindemitglieder, dabei vor allem Personen in prekären Berufsfeldern und Kleinunternehmer, hatten von einem Tag auf den anderen massive finanzielle Sorgen. ESRA beriet und berät hier zu den staatlichen Hilfsmaßnahmen, hilft bei Antragstellungen und vermittelt auch zu den von der IKG eingerichteten Unterstützungstöpfen, der Akuthilfe für Familien und Einzelpersonen und dem Unternehmerfonds, so Netopil.

Dass derzeit immer wieder verschiedenste Notlagen eine Familie treffen können, zeigt dieses anonymisierte Beispiel: Frau Z. meldete sich bei ESRA, weil sie sich um die finanzielle Situation sorgte. Sie selbst wurde von ihrem Arbeitgeber für Kurzarbeit angemeldet, was weniger Gehalt bedeutete. Ihr Mann musste das Geschäft schließen, hatte keine Einnahmen, jedoch weiterlaufende Spesen. Das psychosoziale Gespräch förderte aber auch andere Probleme zu Tage: Frau Z. kümmert sich zudem um die Organisation der Betreuung der Schwiegereltern. Bei deren 24-Stunden-Betreuung konnte kein Wechsel stattfinden, die bereits über Wochen eingesetzte Betreuerin war überlastet. Gleichzeitig betreute Frau Z. Kinder im Volksschulalter zu Hause, eines von ihnen erhielt nun nicht mehr die nötige ergotherapeutische Behandlung, die Kinder gerieten immer wieder in Konflikte.
Im Versuch, Frau Z. zu entlasten, zeigt sich das Zusammenspiel der verschiedenen Angebote von ESRA: Einerseits wurden entlastende Gespräche mit den Schwiegereltern und der Betreuerin geführt. Die Kinder werden nun per Internet von einem Psychotherapeuten des Familienteams betreut. Und um die Existenz finanziell zu sichern, half ESRA, sich im Antragsdschungel der staatlichen Covid-19-Maßnahmen zurechtzufinden und vermittelte zu den Fonds der IKG.
Anfang April wurde ESRA übrigens in den Psychosozialen Krisenstab der Stadt Wien berufen, erzählt Schwarz. Anerkennung für die Arbeit in dieser Krise kam aber auch von Bundespräsident Alexander Van der Bellen. „Mir wurde berichtet, mit wie viel Engagement Sie alle in den vergangenen Wochen Ihre Organisation auf die neuen Gegebenheiten umstellten und faktisch eine neue Organisation Ihrer Arbeit aus dem Boden stampften“, schrieb der Präsident an ESRA. Und weiter: „Ich weiß über Ihr Bestreben, die von Ihnen behandelten und betreuten Menschen weiter auf hohem Niveau psychosozial und professionell zu versorgen. Dass innerhalb der Israelitischen Kultusgemeinde spontan Initiativen entstanden, um in Not geratene Menschen zu versorgen – zum Beispiel mit Lebensmitteln –, ist ein Zeichen der Solidarität und begrüße ich sehr.“

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