Die 33 Fotos des Feuerwehrmanns aus dem Warschauer Ghetto

Aus Anlass des 83. Jahrestages des Aufstands im Warschauer Ghetto fand im Polnischen Kulturinstitut in Wien die österreichische Uraufführung eines sensationellen Dokumentarfilms statt: Darin geht es um die einzigen bisher bekannten Fotos vom Warschauer Ghetto, die nicht von den Nazis selbst gemacht wurden.

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Der berüchtigte „Umschlagplatz“ war während der Schoa jener Ort im Warschauer Ghetto, an dem die Jüdinnen und Juden für die Deportation, großteils ins Vernichtungslager Treblinka, zusammengetrieben wurden. © Joel Blue Pellicano; Leszek; MSH

Ein großer, schlaksiger Mann ist Jan Czarlewski, der an diesem Abend über seinen Dokumentarfilm 33 Photos from the Ghetto erzählt. Er spricht zwar auf Englisch, doch seine beiden Grundsprachen, Französisch und Polnisch, schimmern durch. „Ich verstehe Deutsch, aber zu diesem heiklen Thema möchte ich mich genau ausdrücken.“

Der Regisseur und Drehbuchautor erzählt über eine außergewöhnliche Entdeckung: über die Geschichte der wiedergefundenen Negative von 33 Fotografien, die im Zuge der Liquidierung des Warschauer Ghettos durch die SS im Jahr 1943 von dem jungen Feuerwehrmann Leszek Grzywaczewski während seines Löscheinsatzes aufgenommen wurden. Bisher sind das die einzigen bekannten Fotos vom verzweifelten Kampf der Juden, die von einem Zivilisten und nicht von deutschen Nazis zu Propagandazwecken gemacht wurden. Deshalb sind sie nicht nur ein einzigartiges, berührendes Dokument, sondern auch ein unschätzbar wichtiges Zeugnis jener Ereignisse.

Doch wie kam der 1988 in Paris geborene Czarlewski, der 2009 sein Filmdiplom an der Sorbonne Nouvelle und 2012 seinen Abschluss an der University of Art and Design in Lausanne gemacht hat, zu diesen Fotos? „Das ist eine lange und komplexe Geschichte, aber nicht ich stehe im Mittelpunkt, sondern andere mutige, wichtige Persönlichkeiten“, antwortet Czarlewski, dem als Sohn polnischer Flüchtlinge Themen wie Haft und Untergrund nicht fremd sind – sein Großvater wurde am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Gdansk ins KZ verschleppt und ermordet.

Maciej Grzywaczewski, der Sohn des Feuerwehrmannes Leszek Grzywaczewski, beim Sichten der Aufnahmen, die sein Vater im Ghetto fotografiert hat. © Joel Blue Pellicano; Leszek; MSH

„Wir sind nicht jüdisch, doch mein 25-jähriger Vater war bereits von 1980 an aktives Mitglied der freien Gewerkschaftsbewegung Solidarność (Solidarität), was nicht ungefährlich war. Er fuhr 1981 nach Genf, um sich mit den europäischen Unterstützern der Solidarno abzustimmen. Er besuchte von dort aus Paris im Dezember 1981, gerade als das Kriegsrecht über Polen verhängt wurde – und blieb gleich dort.“ Czarlewskis Mutter kam als polnische Ärztin nach Frankreich und hatte eine geheime Botschaft unter ihrem Gaumen versteckt, den sie dem Aktivisten Czarlewski geben sollte. Sie schluckte die Botschaft versehentlich, dafür verliebten sich die beiden ineinander. Czarlewskis Vater wurde später Konsul in Lyon und blieb im diplomatischen Dienst.

Geschichte einer unglaublichen Entdeckung. Zwischen 2017 und 2019 beschäftigte sich Jan Czarlewski intensiv mit polnischer Geschichte, da er acht Folgen der 42-teiligen ambitionierten historischen Dramaserie Polens 100 Jahre (Polski 100 lat) als Drehbuchautor und Regisseur verantwortete: Es ist die umfassendste geschichtliche Auseinandersetzung seit dem Umbruch 1989. „Die Geschichte des Films begann im Jahr 2022 mit der Arbeit von Kuratorin Zuzanna Schnepf-Kołacz, die gemeinsam mit Barbara Engelking für das POLIN-Museum in Warschau die Ausstellung Wokół nas morze ognia (Um uns herum ein Meer aus Feuer) über das Schicksal der jüdischen Zivilbevölkerung während des Aufstands im Warschauer Ghetto vorbereitete“, erzählt er. Im Zuge ihrer Recherchen für die Ausstellung stieß Schnepf-Kołacz auf die Information über die Existenz von Fotonegativen, die der junge Feuerwehrmann Leszek Grzywaczewski mit seiner Privatkamera aufgenommen haben soll.

 

„Roma würde diese Erinnerungen am liebsten
auslöschen, zugleich sagte sie jedoch sehr laut
und deutlich, ,das darf man nicht vergessen‘.“
Jan Czarlewski

 

Diese Information war in einem Brief aus dem Jahr 1968 enthalten, der sich im Holocaust-Museum in Washington DC befindet und in dem Leszek selbst schreibt, dass sich noch immer Negative in seinem Besitz befänden. Die Kuratorin wandte sich an den Sohn des Feuerwehrmannes, Maciej Grzywaczewski, mit der Bitte, das wichtige Material zu suchen. Die Suche dauerte Monate, weil der Amateurfotograf eine große Anzahl von Fotos und Negativen in unzähligen Schuhschachteln hinterlassen hatte. „Im hintersten Winkel des Verstecks, zwischen privaten Aufnahmen von seiner Ehefrau und Freunden, entdeckte Maciej die Schwarzweißfilmrolle mit jenen 33 Fotografien“, berichtet die Kuratorin in der Dokumentation.

„Ich habe im Januar 2023 im Newsweek- Magazin den Artikel über die Entdeckung der Negative von Leszek Grzywaczewski gelesen. Ich kenne seinen Sohn Maciej seit meiner Kindheit, daher habe ich ihn nach der Lektüre sofort kontaktiert. Ich denke, er hat gespürt, wie sehr mich dieses Thema fasziniert, und schlug mir vor, einen Dokumentarfilm darüber zu machen“, erzählt der Regisseur, dessen Vorbereitungsarbeiten dafür über ein Jahr dauerten. Am 19. April 2025 fand die offizielle Erstpräsentation der 33 Fotografien aus dem Warschauer Ghetto* im POLIN-Museum** in Warschau statt.

© Joel Blue Pellicano

 

* Jan Czarlewski: 33 Fotos from the Ghetto, Polen 2025, 75 Min., OmdU. Der Film wurde infolge des Gazakrieges von mehreren internationalen Filmfestivals abgelehnt. Jan Czarlewskis Argument, dass es sich um historische Gegebenheiten handle, wurden ignoriert. „Opfer sind universell“, sagt der Regisseur und freut sich, dass der Film nun auf HBO im Streaming zu sehen ist.

 

 

 

33 Bilder und zwei Familien. Das Fotomaterial allein hätte für einen Film nicht gereicht, daher recherchierte Jan Czarlewski weiter. Und wurde fündig. „Der Film verfolgt die Geschichte zweier Familien – einer polnischen und einer jüdischen. Die Tagebücher von Leszek Grzywaczewski, die er während des gesamten Krieges führte, waren ein wunderbarer Schatz, denn seine Eintragungen führen uns vor Augen, wie sehr ihn die damaligen Ereignisse erschüttert haben“, erläutert der Filmemacher. Parallel dazu begann er, die Geschichte der jüdischen Familie Laks zu untersuchen, die 1946 – nach dem Pogrom von Kielce – aus Polen zunächst nach Schweden und später in die Vereinigten Staaten emigrierte.

Dabei wurde schnell klar, dass die Schicksale der Familien untrennbar miteinander verbunden sind: Die Frau und die Tochter des jüdischen Geschäftsmannes Hilary Laks wurden von der Familie Grzywaczewski über Monate in einem kleinen Verschlag versteckt und entgingen so der Deportation und dem sicheren Tod. Hilary Laks selbst wurde von einem früheren Mitarbeiter seiner Firma, die Seifen und Kerzen herstellte, versteckt.

Maciej Grzywaczewski mit Zuzanna Schnepf-Kołacz, der Kuratorin des POLIN-Museums in Warschau. © Joel Blue Pellicano

„Zum Glück gelangten wir auch an Briefe, die Hilary Laks in den 1980er-Jahren an seine Tochter Roma schrieb und in denen er die Kriegsgeschichte seiner Familie schildert, vor allem seiner Tochter, die beim Überfall der Deutschen 1939 erst fünf Jahre alt war. Kuratorin Schnepf-Kołacz verdanke ich auch ein vollständiges Interview, das Roma im Jahr 1996 dem Archiv der Schoa Foundation gegeben hat.“ Es waren zahllose Puzzle-Teile, aus denen sich das Bild einer Beziehung ergab, die auf der Freundschaft und gegenseitigen Hilfe der Familien beruhte.

Doch wie sah die Arbeit mit den Fotos aus? „Bei genauer Betrachtung war sofort ersichtlich, dass diese Fotos nicht an einem einzigen Tag entstanden sind – Leszek ist mehrfach mit einer Kamera in das Ghetto gegangen. Das Material ist genau an den Stellen zerrissen, an denen er die gefährlichsten Aufnahmen gemacht hat“, erläutert Jan Czarlewski. „Zum Beispiel schoss er aus dem zweiten Stock des St.-Zofia-Krankenhauses Bilder von Juden, die zum Umschlagplatz getrieben wurden. Oder er stand hoch über seinen Feuerwehrkollegen auf der Nowolipie- Straße und fotografierte SS-Männer, die mit dem Rücken zu ihm standen und in aller Ruhe ein brennendes Gebäude beobachteten, aus dem gleich eine jüdische Familie auf die Straße springen würde. Diese Fotos wurden mit zitternder Hand aufgenommen, unter Lebensgefahr.“

Anhand der Details in jedem Bild erfuhr der Regisseur viel über die Emotionen des Fotografen. So wird der Film auch zu einer Geschichte über die Rolle des Zeugen – eines Zeugen von Horrorszenarien. Indem er diese Fotos machte, wollte und konnte Leszek Grzywaczewski nicht gleichgültig bleiben. Seine Fotos sind technisch unvollkommen, tragen aber ein echtes menschliches Element in sich: Angst. Damit offenbarte Grzywaczewski aber auch seinen Mut, sein Mitgefühl und seine entsetzliche Ohnmacht.

Tatsache ist, dass er als Feuerwehrmann auf deutsche Befehle handeln musste: Er durfte weder jüdische Menschen noch brennende Gebäude im Ghetto retten. Seine Aufgabe war es, für den Besatzer wichtige Objekte zu schützen und zu verhindern, dass sich das Feuer auf die „arische“ Seite der Stadt ausbreitet. Damit handelte er eigentlich gegen seine Pflicht als Feuerwehrmann. In sein Tagebuch schrieb er über sein tiefes Trauma, dass er sich „wie eine Schnecke in ihr Gehäuse zurückgezogen“ habe.

 

Mut und Menschlichkeit: Leszek Grzywaczewski als blutjunger Warschauer Feuerwehrmann. © Joel Blue Pellicano; Leszek; MSH


„Ich erinnere mich daran.“
Die Arbeit an seiner beeindruckenden Dokumentation, in der man polnischen Kuratorinnen und Historikern sowie Grzywaczewskis Sohn Maciej begegnet und einiges über das Leben im Warschauer Ghetto erfährt, brachte Jan Czarlewski auch eine emotional sehr schwierige Phase ein, denn er wollte unbedingt die in den USA lebende Zeitzeugin dieser Geschichte, Roma Kaplan-Laks, der der Feuerwehrmann Grzywaczewski das Leben gerettet hat, im Film zeigen. Mit 92 Jahren ist sie die letzte Überlebende dieser jüdischen Familie, doch „sie beginnt leider, ihr Kurzzeitgedächtnis zu verlieren, und fragte uns wiederholt, ob wir ‚Freunde von Leszek‘ seien“, erzählt der Filmemacher. „Das war sehr bewegend, und unter solchen Umständen ließ sich keine Szene drehen. Erst als wir Roma das vom Museum POLIN herausgegebene Album mit Leszeks Fotografien zeigten, löste sich etwas in ihr. ‚I remember that‘, sagte sie.

 

** Bei der Filmaufführung im Polnischen Institut Wien erhielten die Besucherinnen und Besucher Ansteck-Pins der Aktion „ Żonkil“ in Form einer Narzisse, die das Museum POLIN als Erinnerung an den Aufstand im Warschauer Ghetto kreiert hat.

 

 

Die Erinnerungen an das Ghetto und an das, was die Menschen dort durchmachen mussten, hat sie sich bewahrt. Denn man muss sich bewusst machen, dass der Aufstand im Warschauer Ghetto am 19. April 1943 begann und knapp vier Wochen dauerte. Doch das Leid hatte bereits im November 1940 begonnen. Von da an wurden fast eine halbe Million Jüdinnen und Juden systematisch ausgehungert, jeder Hilfe beraubt und Krankheiten ausgesetzt – bis Juli 1942 starben fast 90.000 Menschen. Von Ende Juli bis Mitte September 1942 dauerte dann die sogenannte „Großaktion“, bei der die Nazis mehr als 260.000 Bewohnerinnen und Bewohner des Ghettos in die Gaskammern des Vernichtungslagers Treblinka deportierten. „Beim Anblick der Leszek-Fotos sah Roma noch einmal, wie Menschen zum Umschlagplatz getrieben wurden. ‚Enough‘ – genug – sagte sie und klappte das Album zu. Dieses Gespräch war auch für mich sehr schwer. Roma würde diese Erinnerungen am liebsten auslöschen, zugleich sagte sie jedoch sehr laut und deutlich: ,Das darf man nicht vergessen.‘“

 

 

 

 

 

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